Schneller, höher, weiter - Selbstversuch: Das neue Sportabzeichen

Sportabzeichen-Guru Heinz Dressler erklärt das korrekte Kugelstoßen.
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  • Sportabzeichen-Guru Heinz Dressler erklärt das korrekte Kugelstoßen.
  • Foto: Willi-Weyer-Schule
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Zwölfmal habe ich es in den letzten 13 Jahren geschafft, das Sportabzeichen abzulegen, nur 2008 konnte ich – aufgrund eines frisch gerissenen Kreuzbandes – nicht antreten. Zwölfmal habe ich mich mehr oder weniger sportlich in fünf Kategorien bewiesen, stets rief der Prüfer: „Bestanden!“
Doch nun, im hundertsten Jahr seines Bestehens, ist alles neu beim Deutschen Sportabzeichen: Bestehen reicht da nicht mehr, nun soll ich in den nach eingehenden sportwissenschaftlichen Untersuchungen entwickelten vier Aspekten „Ausdauer“, „Kraft“, „Schnelligkeit“ und „Koordination“ jeweils die bestmögliche Leistung erzielen, die jeweils mit „Bronze“, „Silber“ oder „Gold“ benotet werden.
Wieder einmal stelle ich mich während der Familienfreizeit im schönen Sauerland - 14 Tage mit Sport, Spiel und Spaß in der Willi-Weyer-Sportschule - dem Wettbewerb. Nicht alleine, über 100 Teilnehmer treten an, 69 werden letztlich das Abzeichen erhalten, von der Sechsjährigen bis zum rüstigen 73-jährigen „Duracell-Männchen“.
Stoppuhr und Zentimeterband werden hoffentlich meine Freunde sein. Unter der Anleitung von Sportabzeichen-Guru Heinz Dressler, dem Unerbittlichen, gebe ich mein Bestes, unter dem tun wir es ab sofort nämlich nicht mehr.

Koordination

Das Spektrum ist deutlich erweitert worden, nun könnte ich mich im Weitsprung – „aber das Knie!“ – oder Schleuderballwurf – nach einigen kläglichen Versuchen abgebrochen – versuchen. Oder im Hochsprung. Oder beim Seilspringen – was ist denn bitteschön ein „Kreuzdurchschlag“? – oder doch Gerätturnen?
Bei „Gerätturnen“ durchfährt mich ein Schauer. Lang ist’s her: an der Uni ging ich unbedarft zum Seminar, fragte die Dozentin: „Bin ich hier richtig beim Geräte-Turnen?“ Die scharfe Antwort der ungefähr 1,50 Meter kleinen Turnerin, mit Pferdeschwanz und Reitstiefeln und einer geradezu boshaften Art, naive Studenten zu verschrecken: „Herr Henschke, die Geräte turnen nicht, Sie turnen!“ Und ich Trottel murmelte noch: „Ja, leider…“ Es wurde keine Liebe zwischen mir und der Dame, die bestimmt einer DDR-Kaderschmiede entstammte. Oder dem sowjetischen Geheimdienst.
Doch zurück zum Tagesgeschehen, Hochsprung soll es sein. Doch irgendwie klemmt mein Ischias. Also gebe ich den „Wälzer“. Altertümliche Sprungart, wurde längst vom Flop abgelöst. Ich überquere 1,25 Meter, immerhin „Silber“. Die Leiste zwackt, ich bin auch keine 20 mehr. Doch jetzt kommt der Ehrgeiz durch: „Heinz, leg‘ 1,35 auf!“ Habe ich 2006 geschafft, da wog ich aber bestimmt 15 Kilo weniger. Ich versuche es wirklich, doch es klappt nicht, den dritten Versuch schenke ich mir und humpele davon.

Kraft

Das kann ich! Medizinball-Weitwurf, Reckturnen oder Standweitsprung? Alles Quatsch, ich mache klassisches Kugelstoßen. Die Kugel ist immer noch verdammt schwer, 7 ¼ Kilo! Doch für mich kein Problem. Eine Art Standstoß wird es, mit einer kurzen Angleitphase. Wie war das nochmal? Rechter Ellbogen hoch, die Kugel an den Hals drücken, den linken Arm die Richtung anvisieren lassen, die Kugel explosiv wegstoßen, mit Körperspannung, ihr nachblicken und hoffen, dass es reicht. Boah! 8,34 Meter, mit dem ersten Versuch! Das reicht!
Wohltuend ertönt die markante Dresslersche Stimme: „Habt Ihr das gesehen? Der Henschke hat soeben einen vorbildlichen Stoß demonstriert!“ Geht runter wie Öl, so ein Lob aus berufenem Munde.

Schnelligkeit

Der Spurt ist mir nie schwer gefallen. Meine Bestzeit über 100 Meter: 12,8 Sekunden. Allerdings auch schon zwölf Jahre her. Doch zurzeit herrschen im sonst so kühlen Sauerland 33 Grad – das ist mir eindeutig zu heiß. Also verzichte ich auf den Trip ins Leichtathletik-Stadion, denn neuerdings kann man „auf schnell“ schwimmen. Ich bin ja kein begeisterter Wassersportler, doch 25 Meter flottes Brustschwimmen ist ja wohl drin, oder?
Ist drin. Nach nur 21,9 Sekunden entsteige ich den Fluten, nicht wie Aphrodite, die schaumgeborene Göttin der Schönheit, nicht wie Mark Spitz, der Wunderschwimmer, doch glücklich: Gold! Aber irgendwie bleibt ein mulmiges Gefühl, beim Sprint auf der Tartanbahn hätte ich mich mehr anstrengen müssen. Kann das stimmen?

Ausdauer

Das komische Gefühl verstärkt sich, nachdem die ersten Wettkämpferinnen ihre 400 Meter Ausdauerschwimmen beendet haben. Da haben quasi alle „Wassernixen“ Gold geschafft! Merkwürdig, auf der Rundlaufbahn wäre solch eine Bestnoten-Flut nicht möglich gewesen. Und 20 Kilometer Radfahren macht bei dieser Hitze auch keinen Spaß.
Also disponiere ich kurzfristig um, bleibe im Bad und höre mich selbst sagen: „Ich möchte die 800 Meter schwimmen!“ Bist du blöd, Daniel? 800 Meter? Am Stück? Ohne Pause an der Poolbar? Na gut, jeder, wie er will. Der Startpfiff ertönt und ich lege los. Bahn um Bahn schwimme ich stoisch vor mich hin, die Gedanken wandern. Ob ich hinterher Schwimmhäute habe? Ist jetzt nicht eigentlich Mittagessen angesagt? Warum tue ich mir das an?
Prüferin Erika Weber sagt brav meine 100-Meter-Zeiten durch, spornt mich dann an: „Daniel, Du wirst langsamer!“ In der Tat, irgendwie habe ich unheimliche Angst, zu überdrehen und dann auf den letzten Metern „abzusaufen“. Doch weit gefehlt, das Schwimmen fällt mir immer leichter, die letzten Bahnen ziehe ich gar einen beindruckenden Spurt an. Bei 24:24 Minuten bleibt die Uhr stehen. Unterm Strich hat es dicke für Silber gereicht, genau genommen hätte ich deutlich schneller sein können, es hätte dann vielleicht gar für Gold gereicht. Irre!
Die Erika strahlt und gibt mir den Zettel mit den Zwischenzeiten: „Wir hatten schon Sorge, Du schaffst das nicht.“ Ha!

Nächstes Jahr Gold

Mein Fazit: Zweimal Silber, zweimal Gold, das ergibt zehn Punkte und insgesamt „nur“ Silber. Selbst bei mir, dem klassischen Vertreter von „Dabeisein ist alles“ und „Ich kann gut verlieren“ ist endgültig der Ehrgeiz geweckt.
Die Lebensplanung meiner Eltern in der 60er Jahren des letzten Jahrtausends hilft mir da weiter, denn 2014 werde ich 50 Jahre jung, die Anforderungen in dieser Altersklasse werden herunter geschraubt. Für Gold reichen mir dann 1,25 Meter im Hochsprung, gebongt. Ich muss nur noch 400 Meter ausdauernd schwimmen, da sind 10:45 Minuten zu schlagen. Naja. Für Schwimmspurt-Gold habe ich 30 Sekunden Zeit, locker. Und die Kugel für 50-Jährige ist nur noch sechs Kilo schwer, da lache ich drüber.
Willi-Weyer-Schule, höre meinen Schwur: 2014 schaffe ich Gold!

Autor:

Daniel Henschke aus Essen-Werden

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