Cobra 11 oder was? - Unterwegs im Namen des Rechtes

Die Polizeioberkommissare im Dienst mit Kelle, Warnweste und Kojak-Blaulicht. Wer die beiden Gelsenkirchener so antrifft, dürfte gegen Gesetz und Ordnung verstoßen haben. Foto: Polizei Köln
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  • Die Polizeioberkommissare im Dienst mit Kelle, Warnweste und Kojak-Blaulicht. Wer die beiden Gelsenkirchener so antrifft, dürfte gegen Gesetz und Ordnung verstoßen haben. Foto: Polizei Köln
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Wer kennt nicht Ben Jäger und Semir Gerkhan, die Beamten der Kripo-Autobahn, die in der Serie „Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei“ allwöchentlich über den Äther gehen? Aber ist das „Leben“ der Autobahnpolizei wirklich so spannend, rasant und gefährlich, wie es in der RTL-Serie, in der die Autos nur so durch die Luft fliegen, dargestellt wird? Der Stadtspiegel ging der Frage nach und befragte dazu zwei Gelsenkirchener, die es wissen müssen: Irene Mihalic und Dennis Melerski von der Kölner Autobahnpolizei.

Von Silke Sobotta

GE. Da sitzt man abends wie man so sagt „ganz gepflegt“ bei Knabbereien und Getränken auf der Couch und zappt durch die diversen Fernsehkanäle. Man bleibt hängen und plötzlich durchfährt einen die Erkenntnis: Die kennste doch! Das sind doch Gelsenkirchener, was machen die denn da? Und schon beginnt das Gedankenwerk zu arbeiten.
So ähnlich dürfte es dem ein oder anderen Gelsenkirchener gehen, der gezielt oder aber beim zappen auf Kabel1 landet und eine der in „Endlosschleife“ wiederholten Folgen von „Achtung Kontrolle! Einsatz für die Ordnungshüter“ zu sehen bekommt. Denn dabei könnte er auf die Gelsenkirchener Irene Mihalic und Dennis Melerski treffen. Die beiden Gelsenkirchener sind nicht zuletzt durch ihr Engagement bei den Bündnis-Grünen in der Stadt bekannt.
„Eigentlich standen wir im Februar 2009 zum letzten Mal vor der Kamera, aber die Folgen werden immer wiederholt und so kann es auch immer mal wieder passieren, dass wir wieder auf den heimischen Bildschirmen auftauchen“, erklärt Irene Mihalic. Denn seitdem unterstützt die Autobahnpolizei Köln, die Dienststelle der beiden Gelsenkirchener ist, das Format nicht mehr.
Seit 1996 versieht Irene Mihalic ihren Dienst in Köln, Dennis Melerski stieß 2001 „zunächst gegen meinen Willen“ dazu. Seitdem sind die beiden als Team unterwegs und das nicht nur rein beruflich. „Ich konnte Irene vor sieben Jahren dazu überreden ins schöne Gelsenkirchen zu ziehen“, verriet Melerski dem Stadtspiegel.
Von hier aus fahren die beiden nun als „Fahrgemeinschaft“ zum Dienst. Eine angenehme Nebenwirkung des Team-Lebens.

Als „telegene“ Polizeibeamte entdeckt

Ins Fernsehen gekommen sind die beiden Polizeibeamten eher zufällig. „Als das Team von Achtung Kontrolle auf unserer Dienststelle wegen der Drehgenehmigung nachgefragt hatte und diese dann erteilt wurde, waren wir gerade zufällig im Dienst. Die Zusammenarbeit mit den Kameraleuten und dem Redakteur hat so gut geklappt, dass man uns immer wieder angefragt hat“, schildert Melerski wie die beiden zum „Film“ kamen.
„Dabei war es uns aber vor allem wichtig, dass alles 100 prozentig echt dargestellt wird. Wir wollten die Gelegenheit nutzen, unseren Alltag der Öffentlichkeit darzustellen. Wir haben das immer als eine Art Öffentlichkeitsarbeit verstanden, weil wir auch den Mythos, dass die Polizei die Autofahrer nur abzocken will, aufklären wollten. Durch unsere technischen Möglichkeiten, die das ProViDa-System in Form von Videoaufnahmen bietet, können wir den ‚Verkehrssündern‘ ihre Fehler vor Augen führen und so erzieherisch auf sie einwirken. Das wollten wir über das Fernsehformat verdeutlichen“, berichtet Mihalic.
Die Kameraleute und der Redakteur befanden sich dabei immer in einem Auto hinten den Autobahnpolizisten. „Wir hatten aber Kameras und Mikros in unserem Auto, so dass auch aufgenommen wurde, was wir gesprochen haben. Wenn wir dann jemanden angehalten haben, wurde er sofort beim Erstkontakt darauf hingewiesen, dass ein Kamerateam folgt und befragt, ob er damit einverstanden sei. Manchmal hat es ja dann auch gedauert, bis die Fernsehleute da waren, weil sie ja im Gegensatz zu uns über keine Sonderrechte verfügen und sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen halten müssen. Die rechtlichen Fragen, ob der Gefilmte veröffentlich werden wollte und dabei eventuell unkenntlich gemacht werden möchte, klärte dann der Redakteur vor Ort“, schilderten die Gelsenkirchener.
In die Fußstapfen von „Niedrig und Kuhnt“ oder „K11-Kommissare im Einsatz“, in denen echte Beamte vor der Kamera stehen, zu treten haben die Gelsenkirchener nicht.
Vielmehr ist ihnen das Format „Schneller als die Polizei erlaubt“ ein Dorn im Auge, denn hier werden Fiction und Realität vermengt und zu „Fällen“ konstruiert. „Da werden Situationen erfunden und wie in einer Doku präsentiert. Beim Zuschauer kann so der Eindruck entstehen, dass alles echt ist. Vielleicht waren die tatsächlichen Begebenheiten nicht reißerisch genug. Ich wäre auf einem Autobahnrastplatz sogar fast einmal dazwischen gegangen, weil sich bei einer solchen gestellten Szene die Leute regelrecht an die Köpfe gingen. Solche Serien setzen den Beruf und das Vorgehen der Polizei in ein falsches Licht“, klagt Melerski.

„Cobra 11“ und die Realität

Aber was ist denn nun mit „Cobra 11“? In wie weit entspricht die Serie der Realität?
„Eigentlich gar nicht. Denn selbst die Abteilung ‚Kriminalpolizei der Autobahnpolizei‘ gibt es gar nicht. Es gibt einen Einsatztrupp Kriminalität, aber der ermittelt nicht, sondern gibt die Fälle weiter an die Fachabteilungen. Die Autobahnpolizei beschäftigt sich mit Verkehrsaufklärung, Radar-Maßnahmen, Lkw-Kontrollen und solchen Dingen“, berichten die beiden Polizeibeamten über ihren Dienst.
Und so sind die beiden Gelsenkirchener als Team mit ihrem Fahrzeug auf den Autobahnen rund um Köln unterwegs und beobachten Raser, Drängler und andere Verkehrssünder.
„Das ProViDa hilft uns, auch Verkehrsstraftaten beweisbar zu machen. Dank der Kameraaufzeichnung wird die ganze Situation festgehalten und macht diese sachlich beweisbar und nachvollziehbar. Das kann ein Radarwagen oder -messer nicht, denn er misst nur einen Augenblick die Geschwindigkeit. Wir messen über mehrere hundert Meter und können dabei eine qualifizieren ob lediglich die Geschwindigkeit überschritten wurde oder ob dabei auch Verkehrsteilnehmer genötigt oder gefährdet werden“, erklärt Irene Mihalic.
Und Dennis Melerski erläutert: „Wer eine Strecke kennt, der weiß auch wo mobile Radarwagen stehen könnten oder wo sich Radarfallen befinden. Darum habe ich mir angewöhnt die Fahrweise eines auffälligen Fahrers zu kommentieren, denn auch das wird aufgezeichnet von dem System. So kann ich sagen, dass der Fahrer kurz vor einer Radarstelle vom Gas geht und kurz danach wieder aufs Gas geht. Damit kann ihm ein Vorsatz nachgewiesen werden.“
Im Dienst sind die beiden Beamten nicht als solche erkennbar, sondern in einem Zivilfahrzeug und Zivilkleidung unterwegs. Dafür gehören aber eine Waffe und das Blaulicht a la Kojak zu ihrer Ausrüstung. „Im Dienst kann man jeder Zeit zu einem Einsatz als Unterstützung angefordert werden, bei dem eine Waffe erforderlich ist. Dafür muss dann auch schon mal die Verfolgung eines Verkehrssünders abgebrochen werden“, lacht Mihalic.

Bei der Autobahnpolizei gilt „Safety first“

In der Krimi-Serie „Cobra 11“ werden pro Folge diverse Autos in die Luft gesprengt, über Brücken katapultiert oder in andere Autos hineingerammt. Stellt sich die Frage, wieviele Unfälle baut ein Autobahnpolizist eigentlich wirklich?
„Gott sei Dank haben wir beide noch nie einen Unfall gehabt“, freut sich Irene Mihalic. Sie weiß aber auch, dass das nicht ganz zufällig so ist: „Man könnte ja schon mal dem Jagdtrieb erliegen, wenn ein Verfolgter plötzlich abhaut und würde dabei sich und andere in Gefahr bringen, darum werden wir fahrsicherheitstechnisch und auch psychologisch geschult. Darum kann ich sagen, wenn ich mich und andere gefährden würde, breche ich eine Verfolgung ab. Das lernen wir auch extra so. Wir haben ja immer per Funk die Möglichkeit, andere Kollegen hinzuzuziehen, die den Verfolgten dann irgendwo abfangen können.“
„Im Team ist es aber auch die Aufgabe des Beifahrers, den Fahrer notfalls zu bremsen, wenn es zu gefährlich wird. Man muss immer bedenken, dass der Flüchtige nicht immer ein Mafioso sein muss. Es könnte auch der 16-Jährige ohne Fahrerfahrung sein, der mit Vaters Auto eine Spritztour gewagt hat“, erklärt Melerski.
So haben die beiden Gelsenkirchener schon mal einen Fahrer verfolgt, der 0,4 Promille Alkohol im Blut hatte und dachte, das er damit den Führerschein verliert. „Solange er keine Ausfallerscheinung gezeigt hätte, wäre ihm nicht passiert, wenn er nicht geflohen wäre“, erinnert sich Dennis Melerski.
Oder der Fahrer, der kurz vor einer Radarmessstelle in einem Bereich, in der Tempo 100 angesagt war, seine Geschwindigkeit von 200 auf 100 drosstlte; „Es wäre beinahe zu einem Unfall gekommen, weil er so schnell abbremste. Und dann zeigte der Fahrer noch den Daumen hoch, weil er glaubte den nach ihm Fahrenden vor der Radarmessstelle gewarnt zu haben! Das beste war: Der Mann hatte nicht mal einen Führerschein.“

Vorsicht ist immer und überall geboten

Aber die beiden Beamten geben auch als keinen Tipp mit auf den Weg, dass man immer und überall damit rechnen muss als Autofahrer von einem mit ProViDa ausgerüsteten Polizeiwagen erfasst zu werden: „Das kann auf der Autobahn, aber genauso gut auch auf jeder anderen Straße sein. Und es muss auch nicht immer ein Zivilauto sein, die Technik wird auch in Motorrädern eingesetzt.“
Die meisten Ertappten sind aber auch einsichtig, wie Irene Mihalic schildert: „Es ist gut, dass man die Verstöße direkt auf dem Bildschirm im Auto zeigen kann, das fördert die Einsicht. Und das vor allem auch bei Abstands-Delikten. Da haben wir zum Beispiel festgestellt, dass Fahrer, die höher sitzen, also in Geländewagen und ähnlichen Fahrzeugen, ihren Abstand häufig falsch einschätzen. Die Bilder verhelfen ihnen dann zu Einsicht und sie sind oft überrascht, wie eng sie aufgefahren sind, weil es eine unbewusste Handlung war.“

Anekdote: „Der Spezialfall“

„Wir haben eine Lieblingsgeschichte: Den Spezialfall. Der Fahrer war auf der Autobahn in einer 100er-Zone mit 145km/h unterwegs. Das bedeutet schon mal einen Monat Führerscheinentzug. Als wir uns dem Fahrzeug genähert haben, konnten wir sehen, dass es ein Kurzzeit-Kennzeichen hatte, das aber noch gültig war. Als wir ihn zum Anhalten aufforderten, sah es so aus, als wollte er sich dem entziehen. Er meinte aber, dass er nur parken wollte“, erinnern sich die beiden immer wieder gern.
Als sie das Fahrzeug des Verkehrssünders einer näheren Überprüfung unterzogen, stellten sie fest, dass das Kurzzeit-Kennzeichen überklebt worden war. „Das eigentliche Kennzeichen war längst abgelaufen. Da erzählte er uns, dass er arbeitslos und zu einem Vorstellungsgespräch unterwegs sei. Dieses wäre aber das einzige Fahrzeug gewesen, das ihm zur Verfügung gestanden hätte und darum hat er in seiner Not das Kennzeichen getürkt.“
Doch die Mitleidstour zog nicht bei den Gelsenkirchenern: „Wir haben seine Personalien überprüft und dabei festgestellt, dass er zur Festnahme ausgeschrieben war oder 1.500 Euro entrichten musste. Nun fing er an, per Handy das Geld bei Bekannten zu erbetteln.“
30 Minuten später war man keinen Schritt weiter und Mihalic und Melerski wollten den Mann festnehmen, ihn zur Wache fahren und dort sollte dann alles weitere geklärt werden. Um sicherzustellen, dass der Mann nichts bei sich trug, mit dem er die Beamten im Fahrzeug hätte angreifen können, wurden seine persönlichen Gegenstände von den Beamten gesichert.
„Und weil er ja noch immer auf den Rückruf eines Sponsors wartete, hatte ich das Handy in der Hand“, schilderte Irene Mihalic. Und weil die Polizistin über jede Menge Erfahrung verfügt und ihr vermutlich der ganze Fall schon recht skurril vorkam, überprüfte sie nebenbei die persönliche Nummer des Handys: „Und siehe da, es war geklaut!“
Auch wenn der Mann nun angab. dass er sich das gute Stück doch nur von einem Freund geliehen hatte, half es ihm nichts mehr.
„Wenn ich daran denke, frage ich mich immer wieder, wie man es fertig bringt mit einem falschen Kennzeichen, einem offenen Haftbefehl und einem geklauten Handy, auch noch zu schnell zu fahren!“ amüsiert sich Dennis Melerski immer wieder.

Die Polizeioberkommissare im Dienst mit Kelle, Warnweste und Kojak-Blaulicht. Wer die beiden Gelsenkirchener so antrifft, dürfte gegen Gesetz und Ordnung verstoßen haben. Foto: Polizei Köln
In Gelsenkirchen im wahrsten Sinne „verhaftet“ sind die beiden Polizisten der Autobahnpolizei-Dienststelle Köln. Denn sie wohnen nicht nur hier, sondern bringen sich auch politisch ein und sind vielen Bürgern in der Stadt bekannt. Foto: Gerd Kaemper
Autor:

silke sobotta aus Gelsenkirchen

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