Jobcenter-Mitarbeiterin packt aus: "Ich habe Kollegen, da möchte ich nicht Kundin sein"

In einem Interview mit dem Spiegel plaudert eine Jobcenter-Mitarbeiterin aus dem Nähkästchen. Ihr Name wurde vorsorglich anonymisiert. Die Anonymität soll sie vor den Vorgesetzten schützen, nicht vor den Kunden.

Sie bestätigt u.a. die Lügen im Auftrag der Bundesagentur zur Täuschung der Bürger.

"Haase: Offiziell liegt der Betreuungsschlüssel bei 150 Kunden pro Vermittler. Tatsächlich bin ich aber für 350 bis 380 Leute zuständig. Wenn Kollegen krank oder im Urlaub sind, verdoppeln sich die Zahlen.

KarriereSPIEGEL: Es gibt einen offiziellen und einen tatsächlichen Schlüssel?

Haase: Ja, denn um dem Schlüssel, den das Bundesarbeitsministerium vorgibt, zu entsprechen, werden die Kunden auf alle Mitarbeiter verteilt. Also auch auf die, die am Empfang, im Sekretariat oder anderswo sitzen - also nichts mit Vermittlung zu tun haben."
[...]

KarriereSPIEGEL: Sie haben viel Verständnis.

Haase: Na klar. Niemand ist gerne Bittsteller beim Jobcenter. Und kaum einer weiß, wie schnell man hier landet: Arbeit verloren, ein Jahr keinen neuen Job gefunden, und schon sitzt man vor meiner Tür. Ich kriege einen Hals, wenn ich höre, dass alle Arbeitslosen faul sind.

KarriereSPIEGEL: Das muss doch frustrierend sein, wenn Sie wissen, dass Sie auch nichts mehr tun können.

Haase: Ja. Hier sagt auch niemand: "Das ist der tollste Job der Welt". Dabei könnten die Vermittler so viel Gutes bewirken. Doch sie werden ja leider nicht unterstützt. Stattdessen werten ganze Abteilungen den lieben langen Tag Tabellen mit unserer Arbeitsleistung aus.

mehr:
spiegel.de

Der beste Schutz für Jobcenter-Mitarbeiter gegen Übergriffe von Leistungsberechtigten ist nicht der Alarmknopf an der Computer-Tastatur und nicht der Security-Mitarbeiter drei Stockwerke tiefer, sondern die Wahrheit.

Wenn ehrliche Jobcenter-Mitarbeiter zu "verlängerten Lügnern der Armutsagentur" gemacht werden, könnte man das als Ausbeutung und Missbrauch von Schutzbefohlenen verstehen. Oder gibt es noch eine andere Sichtweise?

Leider kann man Frau "Haase" nicht das Versprechen geben, dass dieser Staat sie vor dem Arbeitgeber schützt. Aber es ist besser anonym ehrlich zu werden, als . . . zu einer Verkörperung der Unglaubwürdigkeit.

Autor:

Ulrich Wockelmann aus Iserlohn

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