Zurück in die Mitte der Gesellschaft
Fallmanagerin Yvonne Neumann ist im Bund Deutscher Einsatzveteranen

Soldaten der Bundeswehr 2010 im ISAF-Einsatz in Afghanistan: Viele von ihnen kehren mit traumatischen Erlebnissen zurück nach Hause. Sie brauchen professionelle Hilfe.
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  • Soldaten der Bundeswehr 2010 im ISAF-Einsatz in Afghanistan: Viele von ihnen kehren mit traumatischen Erlebnissen zurück nach Hause. Sie brauchen professionelle Hilfe.
  • Foto: Klaus Sattler
  • hochgeladen von Petra Zellhofer-Trausch

Die Dämonen kamen zu Anfang nur nachts. Alpträume plagten den jungen Mann, nennen wir ihn einfach Tom. Doch bei den nächtlichen Besuchen der Dämonen blieb es nicht. Irgendwann konnte Tom keine Veranstaltungen mehr mit vielen Menschen, wie zum Beispiel Konzerte oder Sportveranstaltungen, besuchen. Volle Supermärkte oder Kinosäle ängstigten ihn. Ein lauter Knall, zum Beispiel durch Silvesterraketen löste ebenso das Wiedererleben von Einsatzsituationen aus, wie der Geruch von gebratenem Fleisch. Die Beziehung ging zu Bruch, soziale Kontakte wurden immer weniger.

Eine gute Freundin blieb Tom erhalten: Yvonne Neumann – sie suchte nach Hilfe für Tom und fand diese schließlich beim Bund Deutscher Einsatzveteranen (BDV). Denn Tom ist ein Einsatzveteran, war als Soldat der Bundeswehr Ende der 1990er-Jahre mit einem der ersten Kontingente in BosnienHerzegowina. Als lebensfroher junger Mensch zog Tom in den Einsatz – um Jahre gealtert, erfüllt von beängstigenden Erlebnissen von Tod und Verwundung, Hass und Gewalt kehrte Tom zurück.

Kalkar. Yvonne Neumann, eine der wenigen verbliebenen Bekannten von Tom, nahm 2009 erstmals Verbindung mit dem gerade erst gegründeten BDV, der damals noch Deutsche Kriegsopferfürsorge hieß, auf. Gefunden hat sie dort nicht nur Hilfe für ihren Bekannten, sondern auch ein Ehrenamt, dass sie bis heute ausfüllt. Tom war damals ihre erste Verbindung zur Bundeswehr. Heute ist die 44-Jährige nicht nur mit einem Berufsoffizier verheiratet, sondern arbeitet selber als Beamtin in der Verwaltung beim Zentrum Luftoperationen in Kalkar. Beim Bund Deutscher Einsatzveteranen sitzt sie mittlerweile im Vorstand, ist Bereichsleiterin West und damit verantwortlich für die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Hessen, das Saarland und Rheinland-Pfalz. Und sie ist Fallmanagerin – so werden jene Ehrenamtler des BDV bezeichnet, die sich um Menschen wie Tom kümmern, mit ihnen den oft steinigen Weg durch den Dschungel der Bürokratie gehen, professionelle Hilfe suchen und vermitteln.

Zahlreiche Hürden in Politik und Gesellschaft
„Das ich heute bei der Bundeswehr arbeite, hilft mir insofern, dass ich viele Strukturen besser begreife“, so Yvonne Neumann. Voraussetzung für ihre Tätigkeit beim BDV ist das aber keinesfalls. Ganz im Gegenteil: „Der Bund Deutscher Einsatzveteranen ist von der Bundeswehr vollkommen unabhängig.“ Nicht nur von der Bundeswehr, denn der BDV erhält keinerlei öffentliche Gelder. „Wir finanzieren uns einzig und allein aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen“, so Neumann. In den zwölf Jahren seines Bestehens musste der BDV zunächst zahlreiche Hürden in Politik und Gesellschaft aus dem Weg räumen.
2009 bis 2011 waren die Jahre, als zahlreiche deutsche Soldaten bei Gefechten und Sprengstoffanschlägen in Afghanistan getötet wurden. Es waren die Jahre als man sich nur vorsichtig an Begriffe wie ‚Gefallene‘ und ‚Veteran‘ herantastete. Der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sprach erstmals von ‚Kriegsähnlichen Zuständen‘ am Hindukusch. Auch die Hilfe für die vielen Soldaten, die mit körperlichen, vor allem aber auch seelischen Verwundungen, aus den Einsätzen zurückkehrten, steckte noch in den Kinderschuhen.

Von Kinderschuhen zur Professionalität
„Heute ist die Hilfe für die aktiven Soldaten sehr professionell“, weiß Yvonne Neumann. Ein Traumazentrum in Berlin kümmert sich um jene Kameraden, die mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aus dem Einsatz zurückkehren. Truppen-Psychologen betreuen Soldaten vor, während und nach einem Auslandseinsatz. Das Einsatz-Weiterverwendungsgesetz (EinsatzWVG) eröffnet Einsatzgeschädigten die Möglichkeit sozialer Sicherheit durch eine Weiterbeschäftigung bei der Bundeswehr oder berufliche Qualifikationen für eine spätere Tätigkeit außerhalb der Streitkräfte.
„Durch das Raster fallen vielfach die bereits entlassenen Kameraden“, erläutert Neumann nachdenklich. Denn: „Eine PTBS tritt häufig erst nach Jahren auf.“

Der Fall Heiko Kassa
Ein typischer Fall ist Heiko Kassa. Der 41-Jährige diente bis 2008 als Zeitsoldat bei der Bundeswehr, nahm 2003 am Einsatz der Bundeswehr in der afghanischen Hauptstadt Kabul teil. Es war jenes Jahr, als vier deutsche Soldaten bei einem Sprengstoffanschlag auf einen Bus ums Leben kamen – 29 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. 2007 ging Kassa zunächst in die Berufsförderung für ausscheidende Zeitsoldaten. Ein Jahr später wurde er aus der Bundeswehr entlassen – ohne
 esundheitliche Beeinträchtigungen, wie das medizinische Gutachten ihm bescheinigte. Doch gesund war Kassa da schon längst nicht mehr. Viele Symptome, die auch Tom durchlebt hat, von Schlafstörungen über Angstzustände, kennt auch Heiko Kassa.

„Am Anfang hatte ich das noch unter Kontrolle“

Kassa erzählt: „Am Anfang hatte ich das noch unter Kontrolle. Doch es wurde immer schlimmer, bis 2015 die Ärzte schließlich eine PTBS bei ihm diagnostizierten – Auslöser waren die Erlebnisse des Jahres 2003 in Kabul. Das, was schließlich zu seinem Trauma führte, darüber will und kann Heiko Kassa bis heute nicht sprechen. 2019, als der Ex-Soldat nicht mehr weiter wusste, wandte er sich schließlich an den Bund Deutscher Einsatzveteranen. „Das ist typisch“, so Yvonne Neumann, „rund 90 Prozent der Einsatzgeschädigten, die Hilfe bei uns suchen, sind ehemalige Soldaten.“ Viele kommen oft erst Jahre nach ihrer Entlassung, wenn sie bereits durch alle sozialen Sicherungssysteme durchgerauscht sind, führt die Beamtin weiter aus. Arbeitsunfähig, abgekoppelt von sozialen Bindungen, überfordert mit der Bürokratie auf dem Weg zu möglichen Hilfen. Durch diesen Paragraphen-Dschungel führt Yvonne Neumann heute auch Heiko Kassa.

Gesundheitliche Wiederherstellung im Paragraphen-Dschungel
Zunächst hat die Fallmanagerin eine teilweise Anerkennung einer PTBS durch die Bundeswehr erreicht. „Dadurch“, so Yvonne Neumann, „konnte ich Heiko zunächst in den medizinischen Rehabilitationsanteil der Schutzzeit überführen, welcher der gesundheitlichen Wiederherstellung dient“. Diese Schutzzeit ist ein Teil des Einsatz-WVG. Während dieser Zeit können Einsatzgeschädigte nicht ohne schwerwiegenden Grund aus der Bundeswehr entlassen werden – im Falle Heiko Kassa, der bereits entlassen war, heißt das, das er zunächst wieder in die Bundeswehr übernommen wurde, und seinen Dienst als Oberstabsgefreiter in Wildflecken leistet. Heute befindet sich Heiko Kassa auf einem guten Weg, einem Weg der allerdings noch nicht zu Ende ist. „Begleiten werden mich die traumatischen Erlebnisse aus Kabul für den Rest meines Lebens“, weiß er. Damit umzugehen, das ist das Ziel aller Therapien.
Eine große Hilfe dabei ist ihm seine Familie. Und Yvonne Neumann, die Fallmanagerin aus Kalkar, die Kassa durch den Paragraphen-Dschungel hilft. Das Ziel ist eine Anerkennung einer Minderung der Erwerbsfähigkeit analog der anerkannten Schwerbehinderung. „Dann“, so Yvonne Neumann, „hat Heiko weitere Versorgungsansprüche und vielleicht sogar die Möglichkeit einer Übernahme in das Dienstverhältnis eines Berufssoldaten.“ Das würde zumindest soziale Sicherheit durch ein geregeltes Beschäftigungsverhältnis bedeuten.

Es gibt noch viel zu tun
Für Yvonne Neumann geht die Arbeit beim Bund Deutscher Einsatzveteranen jedoch weiter, auch wenn irgendwann die Akte Heiko Kassa geschlossen werden kann. Denn noch gibt es viel Arbeit für den Verband. „Ganz wichtig ist, dass die Beweislast zugunsten der Betroffenen irgendwann umgekehrt werden muss“, so Neumann. Heute müssen Einsatzgeschädigte aktiv nachweisen, dass ihre Schädigung einen Einsatzbezug hat. Diese Tatsache möchte der BDV umkehren. Aber auch in Sachen gesellschaftlicher Anerkennung gibt es noch viel zu tun. „Wir sind heute schon viel weiter als noch vor 12 Jahren“, so Yvonne Neumann. Begriffe wie ‚Gefallener‘ oder ‚Veteran‘ sind nicht mehr mit einem solchen Stigma belegt wie noch Mitte der 2000er-Jahre.

Die Gesellschaft schaut zu häufig weg
Aber häufig genug schaut die Gesellschaft noch weg, wenn deutsche Soldaten nach Mali, in das Kosovo oder nach Afghanistan entsandt werden. Darum steht auch Yvonne Neumann regelmäßig mit Informationsständen des Bund Deutscher Einsatzveteranen bei Tagen der offenen Tür, und rührt dort die Werbetrommel für den Verband. „In der Politik ist mittlerweile angekommen, dass wir nicht gegen wen arbeiten, sondern für Menschen, die unsere Hilfe brauchen“, so Neumann. Jetzt gälte es, die Einsatzveteranen nach dorthin zu holen, wo sie aus Sicht von Yvonne Neumann hingehören: „In die Mitte der Gesellschaft.“ (Klaus Sattler)

Autor:

Lokalkompass Kleve aus Kleve

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