Mölmsch Platt von 1849 - ein Fund
Dä aule Fritz

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Wie in zahlreichen Städten gab es auch in Mülheim bis vor kurzem noch die Gaststätte „Zum alten Fritz“. Nicht selten hörte auch der Inhaber auf diesen Vornamen, der inzwischen selbst in der Ursprungsform Friedrich ausgestorben scheint.

Bis in die Nachkriegszeit hinein war der Alte Fritz eine Vaterfigur in und für Deutschland, auch wenn die DDR sein Reiterstandbild zunächst abmontieren ließ. Auch im Westen standen nicht mehr seine staatsgründenden und kriegerischen Erfolge im Mittelpunkt, sondern eher sein anekdotischer Gerechtigkeitssinn, seine Genügsamkeit usw. Aber vor allem wurde und wird er als Philosoph (Voltaire!) und Flötenspieler von Sanssouci (Komponist) geschätzt. Heute fällt der „gute Diktator“ in die Kategorie „alter weißer Mann“ und scheint damit nahezu bedeutungslos. Und damit auch die zahlreichen Lobeshymnen dichterischer Art, die nun allenfalls noch sprachgeschichtlich von Interesse sind.
Wie zum Beispiel das Mundartgedicht „De olle Fritze“ von 1849, das Hans-Dieter Strunck in einer alten Zeitung entdeckte: „Der Wächter an Rhein und Ruhr“ war eine Beilage zur Ruhr-Zeitung, ein „Sonntagsblatt für den Bürger und den Bauersmann“.

De olle Fritze!

De olle Fritz, potz Schlag in’t Hus,
dat woar en König, as en Dus,(Teufelskerl)
grot van Gestalt, was hei jus niet,
et Grote soat öm ennerleck.

Sein Rock on Wamms on Sabelpoor(Stiefelpaar)
Woar ock et Nueste niet vant Johr,
mar, kek et Ongerfuer herut,
hei sog doch dröm as König ut.

Sein Tressenhut woar ok so so,
de Kröckstock paßte ganz dato;
mar sproak hei met de Kröckstock wat
han’t sei verfluck Respeck gehatt

Sein Ogenstrahl woar Sonnenlecht,
hei gatt en ganz famos Gesecht.
Wenn harde Gnad vör Omgnad kreg,
dem woar, as wenn der Bletz öm schlög.

En’n harde Krieg word angesponnen,
vom Thron soll König Fritz heroner;
on, liete sei öm as Markgraf stohn,
häd’n sei öm noch grote Ehr‘ angedohn.

Ja, gude Nach, Fretz woar niet ful,
hei weschde Jeden over et Mul.
On hät se all bei de Nas gekregen,
die sich hadd’n et Land verschrewen.

Hüt nohm hei sech de Russen vör,
de Oesterreiker hengerher;
drop kloppt hei de Franzosen af,
de Riechsarmee kömp selfs en Draf.(in Trab)

Woar ok de Feind tien mol so stark,
dat estemiert hei mar en’n Quark;
darob verliet der ole Fretz
sech ob sein Volk on siene Wetz.

De olle Fretz let lang in’t Grav
De jonge Fretz ock wehrt sech brav;
On, kömpt de Feind noch ens in’t Land,
dann feind hei glick de alde Klant. (Kunde, Kundschaft)

Sabelpoor = Stiefelpaar
Dus = Daus = Überraschung, Teufel, usw. Erstaunliches
Klant = Kunde
In Draf = in Trab
Junger Fritz=Friedrich Wilhelm IV.-die letzte Strophe ist keine Übertragung in die heimische Mundart, sondern hinzugedichtet.

Möglicherweise haben wir hier ein Beispiel für Mölmsch Platt von Mitte des 19. Jahrhunderts. Dialektgeschichtlich interessant ist die Mischung von rheinischen und holländischen Elementen, die hier noch deutlicher erkennbar ist als hundert Jahre später.

Alt heißt jetzt natürlich aul und nicht oll, hinterher heißt drachterher und nicht hengerher, auch heißt es ouk und nicht ock, um nur ein paar Unterschiede zum aktuellen Mölmsch Platt zu nennen.
Es ist natürlich schwer einzuschätzen, wie sehr das Original hier abgefärbt hat.

Das Gedicht aus dem nationalliberalen „Wächter“ ist eine verkürzte Version eines Gedichts aus der Altmark. Dieses wurde um 1818 von dem Plattautor
Johann Jakob Wilhelm Bornemann (1766 – 1851)
verfasst.
Das Original hat 24 Strophen. Es erschien in vielen Versionen und Längen.

Kurzbio: geb. am 2. Februar 1766 in Gardelegen; er geht 1784 zu Fuß nach Berlin, besucht hier das Gymnasium Zum Grauen Kloster, studiert in Halle Theologie; obwohl er beide theologischen Prüfungen bestanden und mehrmals gepredigt hat, nimmt er, um seine vermögenslose Braut bald heiraten zu können, eine Sekretariatsstelle bei der Lotterieverwaltung in Berlin an und stirbt als General-Lotteriedirektor am 25. Mai 1851 in Berlin.
In hochdeutscher Sprache verfasst er `Natur- und Jagdgemälde´ (Berlin 1829) und `Humoristische Jagdgedichte´ (ebda 1855 und 1869). Einer seiner Söhne wird 1848 preussischer Justizminister, sein Schwiegersohn ist der plattdeutsche Dichter Gustav Jung.

Von ihm stammt der Text des bekannten Liedes „Im Wald und auf der Heide“ (1816)

Hier die Kurzfassung des Originals:

Der Alte Fritz
(1818)

Freunde! Nun mal eben still!
Vom Alten Fritz, dem König, will
Ich jetzt nicht dumme Rede führ’n,
ihr müsst nur verständig zuhör’n.

Der Alte Fritz – Potzblitz!
Das war ein Teufelskerl von König!
Groß von Gestalt war er nicht,
das Große – trug er in sich.

Sein Rock und Weste und Stiefelpaar
Nicht mehr vom Allerneusten war,
oft guckte das Unterfutter raus –
er sah trotzdem wie ein König aus.

Sein Tressenhut war auch so lala;
Sein Krückstock passte ganz dazu:
Doch sprach er mit dem Krückstock was –
Hat jeder Soldat vor ihm Respekt gehabt.

Sein Augenstrahl war Sonnenlicht:
Und wer von ihm scharf gemustert wurde,
weil er durch dumme Streiche in Ungnade fiel,
das war, als wenn der Blitz eingeschlagen wäre.

Und kommt er mir – wenn es Gott gefällt
Entgegen mal in jener Welt:
Hochwerfen will ich meine Mütze,
ausrufen – „Herr, Gott! Alter Fritz!“

Auffällig ist, dass im zwei Jahre später erschienen Gedicht von Fontane, ebenfalls mit „Der alte Fritz“ betitelt, der „Blitz“ zugeordnet wird, ob das jetzt als Reimwort zu Fritz oder als Beschreibung seiner stechenden Augen oder Charakterzug zu sehen ist, ist schwer zu sagen, wahrscheinlich alles. Auch die „Panduren“ werden hier angesprochen. Vielleicht war Fontanes Gedicht bereits vor der Enthüllung des Reiterststandbildes bekannt? Immerhin wurden jahrzehntelang über ein Denkmal diskutiert.

Der alte Fritz
(Zur Enthüllungsfeier des
Friedrich-Denkmals im August (tatsächlich aber 31.März-) 1851)

Bist endlich da! Gott sei's geklagt,
Hast lange warten lassen;
Nun lehr' uns wieder, unverzagt
Den Feind beim Schopfe fassen,
Den Feind in Ost, den Feind in West,
Die Feinde drauß und drinnen,
Zerreiß die Netze dicht und fest,
Womit sie uns umspinnen.

Blitz' nur herab von deiner Wacht,
Solch Wächter mag uns taugen:
Wir brauchen wieder, Tag und Nacht,
Die Alten-Fritzen-Augen;
Blitz' nur herab! und wenn im Nu
Die Schleicher du erraten,
Dann heb den Stock und droh: »Du, du!«
Wie weiland dem Kroaten.

Blitz' nur herab von deiner Wacht;
Und wenn uns Feinde spotten,
Pandurentum und Slawenmacht
Sich rings zusammenrotten,
Dann, dir zu Füßen, weck' und wink'
Dem alten Leibhusaren
Und sprich: »He, Zieten, sattl' Er flink,
Wir woll'n mal drunter fahren.«

Vor allem aber blitz' ins Herz
Den Lenkern und den Leitern,
Sei du das Vorgebirg von Erz,
Dran ihre Ängste scheitern;
Ruf ihnen zu: » Mein war der Mut,
Dies Preußen aufzurichten,
Es tut nicht gut, es tut nicht gut
Solch Zagen und Verzichten.

Wohl, angesichts von meinem Schloß,
Mag ich hier droben wohnen,
Doch gilt's mein Volk - mit Mann und Roß
Einschmelzt mich zu Kanonen;
Wohl thron' ich hier auf sichrem Sitz,
Mein Schimmel selbst ward erzen,
Doch sichrer thront der alte Fritz
In alten Preußenherzen.«

Theodor Fontane, 1851

Für Kenner sei angemerkt, dass sich das vollständige Gedicht von Bornemann auch in der alten Mundartsammlung "Germaniens Völkerstimmen"  unter "Altmark" finden lässt.

Autor:

Franz B. Firla aus Mülheim an der Ruhr

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