Martinsfischer als "Ssinter-Mätes-Vögelsche"?
Mülheimer "Shooting-Star"

Der Eisvogel heißt in Frankreich „Martin-pêcheur“, also Martinsfischer.
Ein Martinsvögelchen also.
Die Mölmschen besangen zu St. Martin einst das „Ssinter Mätes Vögelsche“ mit dem roten Käppchen.
Es wäre, ach, zu schön, wenn dies statt des angenommenen dunklen Schwarzspechts aus germanischer Mythologie der „Shooting-Star“ der Mülheimer Ruhrauen, der kleine, bunte Eisvogel sein könnte.
Dem fehlt allerdings das schon reimtechnisch unverzichtbare „Kapögelsche“.
Rein technisch ginge das ohne Weiteres, wie mein Versuch zeigt.

Aber so ganz abwegig ist es nicht.
In Meyers Großem Konversationslexikon von 1908 lesen wir:

[371] Martinsvogel, im Mittelalter ein als schicksals- und wegekündend angesehener Vogel, vielleicht der Schwarzspecht oder der Eisvogel, die heute noch so heißen; auch soviel wie Martinsgans.

Deshalb möchte ich hier an dieser Stelle einen Aufsatz zu zitieren, den man auch zusammen mit anderen Informationen im städt. Internet finden kann.

Franz Firla:

Wän ös dat Ssinter Määtes Vögelsche?

Rektor Wilhelm Klewer ( 1865 – 1932 ) , dessen Name wie kein anderer mit dem Mülheimer Martinslied verbunden ist, starb nur wenige Tage vor dem Martinsabend. Er hatte noch bis kurz vor seinem Tode an einem Manuskript gearbeitet, mit dem er seinem „Plattdütschen Kringk“, den er 1928 gründete, seine persönlichen Forschungen und Interpretationen mitteilen wollte. Die „Mülheimer Zeitung“ druckte es am 10.11.1932 in großen Teilen ab und schloss mit den Worten:

„So wiet ge-iht dat Manuskript van dän verstorvene laste Präsident vam Plattdütsche Krink, Wilhelm Klewer. Di Schlußwöd heet he ni meahr schriewe künne, dän lieven Herrgodd hett üm do dän Ble-istif ut der Haund genome. Die leste Ssidd üs all koum meahr te lese.“

Zu Klewers Unterlagen:

Klewer hat dieses Lied 1909 zusammen mit anderen „aulen Papieren“ bei einer überregionalen Lehrertagung in Mülheim vorgestellt.
Wir wissen nicht, wo er die „aule Papieren“ gefunden hatte. Hat er das Lied in Mölmsch vorgefunden oder aus einem Dialekt benachbarter Orte übertragen? Hat er die Melodie als Noten vorgefunden, was sehr unwahrscheinlich ist, oder hat er sie irgendwo gehört und aufschreiben lassen? Wir wissen es nicht. Eins aber lässt sich sagen, er ist weder der Texter noch der Komponist. Bereits in dem Buch über die Grammatik des Mölmsch Platt von Emil Maurmann, 1898, findet sich eine Textversion unseres Liedes, die aber deutlich kürzer ist. Wie wir sehen werden, handelt sich bei dem Lied im Kern ohne jeden Zweifel um ein sehr altes Brauchtumslied, dessen Verbreitungsradius europäische Ausmaße hat.
Als Hilfsmittel bei seinen Forschungen und Deutungen nennt Klewer selbst den Volkskunde-Atlas von Prof. Hermann Aubin/Bonn. Er erschien zum ersten Mal in den Zwanzigern. Dann benutzte er eine Schrift eines Dr. Rosenberger über die Martinslegende. Es ist möglich, dass er einzelne Text-Passagen selbst in der Umgebung von Mülheim gesammelt hat.
Es gibt allerdings eine auffällige zeitliche Übereinstimmung seiner Veröffentlichungen mit denen anderer Brauchtumsforscher:
Die erste breit angelegte Arbeit zu den rheinischen Martinsliedern von Wilhelm Jürgensen erschien1909, als Klewer über seine aule Papiere referierte. Bereits 1903 erschien in den Niederlanden die Interpretation von Duyse und 1911 von Knippenberg in Venlo. Für den Aachener Raum versuchte sich Schiffer 1927 an einer Deutung. Die wichtige Arbeit von Hans Wagner erschien 1933 in den „Rheinschen Viertelsjahresblättern“, lag aber bereits 1931 als Dissertation vor. Klewer hätte sie also kennen können. Aber weder aus den Textzitaten noch aus den Deutungen lassen sich eindeutige Nachweise einer Kenntnis der genannten Quellen ableiten. Hätte er wissenschaftlich gearbeitet, könnte man ihm daraus einen Vorwurf machen. Er aber verstand sich wohl eher als mölmscher Lokalpatriot und Volkspädagoge, der seine Mitbürger mit ihrem Brauchtumserbe (neu) bekannt machen und vor allem das jährliche Singen (Schulen) beleben wollte. Er selbst gestaltete das Chrubbel-Chrabbel der Mausefalle, das bis heute gepflegt wird.

Durch einen Programmzettel der Mausefalle wissen wir auch, dass das Lied 1926 gesungen wurde und Klewer einen Vortrag über Martinsbräuche hielt.

Für das Jahr 1941 findet man im Mülheimer Jahrbuch eine Liedtext- Version als unvollständigen ( Muus, Muus,... fehlt) posthumen Abdruck im Zusammenhang mit den „aulen Papieren“ (1909) , wahrscheinlich durch seinen Sohn Wilhelm Klewer initiiert.

Text - Interpretation von Wilhelm Klewer mit Kommentaren aus heutiger Sicht

Klewer hat durch seine persönliche Textinterpretation die Deutung in Mülheim geprägt. Deshalb wollen wir seine Deutung einmal auf einer etwas breiteren Grundlage einer Prüfung unterziehen und kommentieren.

Die Liedabschnitte (von unten nach oben))

9.Mus, Mus, kum herut,
giv us Äppel un Nüte,
Äppel un Nüte siend su gudd,
vür dän aulen Padsfut.

Klewer-Kommentar:
9.Ouk di Mus kann me ni rech dü-e, ewer de Schluß üs wichtig. Padsfut heet dän Düiwel;
wän di Ke-iner wat giw, schütz sich vöar dän schwatte Gesell.

Mus, Mus,... aus den Gegenden, wo Martinsfeuer abgebrannt wurden. Bei uns eigentlich fremd, evtl. Hinweis auf alte Traditionen, aber im Bergischen (Langenberg) gibt’s die Maus-Verse auch.
Hintergrund: Vernichtung von Ungeziefer und Wühlmäusen durch Feuer.
In anderen Versionen wird Muus durch Personen ersetzt.

Klewer deutet den Padsfut als das Symbol des Teufels, das wäre christliche Tradition. Der Ausdruck erinnert aber auch an Wodan, den obersten Gott der Germanen. Als Sturm - und Windgott dachten ihn sich die Alten hoch zu Ross mit flatterndem Mantel. (Martin!)
Er hatte übrigens auch immer zwei Raben bei sich! In einer der ältesten deutschen Literaturstücke heilt Wotan den Fuß des Pferdes von Baldur, seinem Sohn.

Padsfoot muss aber auch nicht unbedingt Pferdefuß bedeuten, es könnte eine Umformung sein. Fuß kommt häufiger in den Heischeliedern vor, als plattdeutsches Wort für „Fuchs“. Es gibt einen alte Brauch zu Johannis Tiere zu verbrennen, nämlich Huhn, Fuchs und Katze. Später beschränkte man sich auf den Schwanz der Tiere.
Auch der Äzebär (Erbsenbär), eine Gestalt, die bei Umzügen mitging, hatte einen Fuchsschwanz. Er hatte einen Sack übergestreift und trug als Kopfbedeckung einen Korb.
Um den Leib war ein Wickel mit Erbsenstroh, deshalb Erbsenbär.
Die Deutung als Padsfutt, also Pferdehintern, wie in einer Duisburger Version, halte ich für abwegig, obwohl Pferdefleischgenuss früher durchaus als normal galt.
Verballhornungen sind aber in volkstümlichen Texten durchaus üblich und werden gerne gesungen.

8.Sinter Mätes Stuppstatt,
schmiet en Appel düar dat Gatt,
schmiet en nit te wiet,
dann fällt he in dän Diek,
schmiet en nit te hatt,
dann fällt he in dat Gatt.

Klewer-Kommentar:

8.Dä Sinter Mäte Stuppstatt sall di Blagen Aeppel schmiete. Wän dä Sinter Mäte Stuppstatt üs, kann ick ne segge, off dat bloß sunnen Utdruck üs, oder off me in auler Tied domit bestimmt Uemmes me-inte, villichs en Knech im Gegensatz tur Mad, dän sich en bittsche verkledd hadd, mag sien.
Däm Sinter Mäte Stuppstatt wäde en paar Rigele gegewe.
Duar dat Gatt bowen em Dake oder tegen di Düare sall he dän Appel ni te wiet schmiete. Op der Strote leat dicke Dreck, di Möllmsche segge dovöar Driete. Un wän dän Appel do drin fällt, mutt he gere-inigt wäde. Di gesche-id Lüt seggen Dieck. Ewer et kus doch ke-ine Dieck do ligge, dat üs wal ni gudd müglich. He sall ewer ouk ni te hadd geschmiete wäde, dann fällt he in en Gatt un dann mutt he eas herut gesuch wäde.

Für die Stuppstatt- und Padsfut-Zeilen gibt es außerhalb Mülheims nur einen einzigen alten Beleg aus einem Zeitungsabdruck in Duisburg. Auffällig oft jedoch kommt bei unseren Nachbarn im Westen und Norden dagegen der Kuh- oder Kälberschwanz vor. Schon Klewer zitierte die Stelle: „Sent Märte, Sent Märte, di Kälwer häwwen Stärte!“
Man könnte den Stuppstatt aber auch wieder auf den abgeschnittenen Fuchsschwanz beziehen, auf den Erbsenbär oder auf eine anderen Chrubbel-Chrabbel-Brauch: Dabei werden die Gaben in einer Tüte unter der Zimmerdecke befestigt. Unten dran ist ein Schwanz aus Papier, der angezündet wird. Die Flamme züngelt hoch, reißt ein Loch, und die Kinder stürzen sich auf die herauspurzelnden Äpfel und Nüsse. Nun wird man einwenden, hier werde aber eine Person angesprochen, die Äpfel werfen soll! Der Vergleich zeigt aber deutlich, dass Stuppstatt nur eine Einflechtung ist, vielleicht auch des Reimes wegen. Die anderen Texte beginnen gleich mit der Zeile: „Schmeiß den Apfel usw.“
Warum soll es keinen Teich am Haus gegeben haben? In anderen Versionen ist durchaus auch vom Dieck/Teich die Rede. Driet reimt sich aber besser auf wiit und war bestimmt wegen seiner Deftigkeit bei den Kindern beliebter. Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass in der Notenfassung, die von Klewer übermittelt ist, Dieck steht und nicht Driet!

7.gew wat, hault wat,
tegen’t Johr wirr wat

Klewer-Kommentar:

7.Si wille wat häwwe, ewer si sall ouk wat vöar sich haule. Tegend Johr wille se wier kumme.

Diese Stelle ist die zentrale Stelle aller Heischelieder, die direkte Aufforderung: Gib was!
Die Deutung Klewers, sie solle auch etwas für sich behalten, ist natürlich auf Grund des Wortes haul=halten schlüssig. Aber in vielen anderen Liedversionen heißt es nicht halten sondern holen, in der Reihenfolge „Hol was, gib was!“. Das macht Sinn, doch warum soll sie etwas für sich behalten? Die Ankündigung, nächstes Jahr wiederzukommen, bestätigt nur den Brauch. Sie wird übrigens in Saarn hartnäckig verschwiegen.(Tradierungsfehler?)

6.Mad di löp die Trappen herob,
pack wal in de Nüetesack,
pack wal nit ternewen,
sall us wal wat gewen,

Klewer-Kommentar:

6. Die Ke-iner höare wat in däm Huse:An Wöste un Speck dinken di Blage nit meahr, wat ganz Aunes erwachte se: Nüte! Si höaren di Mad all di Trappen herop loupe un wünsche, dat si ni tegen de Sack pack.

Diese Stelle steht genauso in der Wuppertal Version. Auch die Äpfel und Nüsse-Tradition ist im Bergischen beheimatet. Im Gegensatz etwa zum Strohsammeln in der Eifel und am Mittelrhein.

5.Hier wohnt ein reicher Mann,
der uns was geben kann.
Viel soll er geben, lang soll er leben,

selig soll er sterben,
das Himmelreich ererben.

Klewer-Kommentar:

5. Do stond si un bidde. Nou kümp en hoachdütsch Lidsche:

In Meierich singe se:

Ues der dann gehne riek Mann,
der us brav wat gewe kann?

Ewer en Segenswunsch fehlt do? – Dategen singe se in Kempen:

Hei wonnt enne ricke Mann,
dä os vüel geave kann,
lang soll hä lewe,
selig soll hä sterwe,
on dän Himmel erwe!
Wie ett in Möllm tum Hoachdütsch gekumme üs, we-it ick ni, off villichs di Möllmsche Junges, ees die Möllmsche Schippes un Koahlehe-indler rieke Kouplüt wode un anfinge hoach te kall, dat vöar richtiger hile, we-it ick ni.

Dieser Teil ist der verbreitetste überhaupt, wird in unserem Umkreis meist in Hochdeutsch, gesungen.

4.lot us nit su lange stohn,
wille noch en Hüske wiedder gohn,
hie van denn no Äße,
holen en fette Bläße.
Hie vüar, do vüar,
vüar de rieke Koupmannsdüar.

Klewer-Kommentar

4. Die Ke-iner häwwen Il, sie wille gau wat häwwe:
Die Ke-iner bruken ni noh Esse om Viehmark, dohin mutt dä Vatter.

„Von hier nach dort“ eine häufige Wendung in den Heischeliedern.
Was hat nun die Kuh vom Viehmarkt mit St.Martin zu tun? Nichts.
Aber die Blässe- die Kuh mit der weißen Stirnzeichnung – ist in den alten Lieder bekannt. Sie wurde urspr. als Opfertier zur Besänftigung der bösen Geister in den Wald getrieben.

3.bowen in die Fäsche,
hangen die langen Wöste,
gew us die langen,
lot de kotten hange,

Klewer-Kommentar.

3.Ett üs Schlachtied, un do häwwe di Lüt Wöste in di Fäsche hange. Besche-ide siend di kle-in Singers ni, si willen di lange häwwe. Su üs dä Minsch, dat me-iste vöar sich.-

An dieser Stelle hätte man am ehesten erwartet, dass Klewer auf die weite Verbreitung dieser Verse hinweist. Auf sie stieß ich beim Blättern in der alten Textsammlung von Arnim und Brentano „Des Knaben Wunderhorn“ von 1806/1808. Dort bekam ich durch die Angaben: holsteinischer Fastnachtsbrauch ( Zitat aus dem Buch) eine erste Ahnung von der vielschichtigen Zusammensetzung unseres Liedes. Dennoch, die Schlachtzeit um St. Martin herum, war natürlich auch für Mülheim typisch. Allerdings bekamen die Kinder eigentlich nie Würste.

2.Gutt Frau gew us wat
all die Hünnerkes legge wat,

Klewer-Kommentar:

2.We-il die Hunner all legge, üahr all wat gewe, sall si ouk wat gewe.

Dies ist wieder eine schönes Beispiel dafür, wie durch eine bloße Aneinanderreihung im Schriftlichen ein falscher Kausalzusammenhang entsteht und der ursprüngliche Sinn verdeckt wird.
Es ist genau umgekehrt wie Klewer meint. Nicht weil alle Hühner etwas legen, soll sie auch was geben, sondern: Weil sie den Kindern etwas gibt ( sie wollen doch keine Eier!), werden die Hühner legen. Denn der Brauch des Gebens dient der Fruchtbarkeit des Federviehs!

1.Sinter Mätes Vügelsche
het sun ruat Kapügelsche,
gefloge, gestowe
wiet, wiet över dä Rhien,
wou de fette Ferke siend.

Klewer-Kommentar:

1.Wän üs dat Sinter Mätes Vügelschen? Mannich e-inen üs gau be-i der Haund, dat üs di Gans. Be-i us heet die Gans ni op Sinter Mäte en Roll gespillt.
Wat vöar en Dier Sinter Mäte sienen Dag heet, sägge gliek en paar Väsche.Di Gans heet ouk ke-in roat Kapügelschen. Di Düsbergsche un op chünsitt vam Rhien sägge se Kögelsche. Dat üs en Krenske im Nacke. E-inige Lüt häwwe gedütt, dat wüau dän Hahn mit siene roa Kaump. Dän Hahn ewer üs Thors Vugel. Thor wuar dän Kriegsgott van die aule Germane, Wotans Vugel üs di Kre-ih. Twea sitten op siene Schouler, di fligen deglich ut un bringen üm Nachrich, wat geschütt und wat geschien üs.
E-ine Vugel heet dän Name Martinsvugel, dat üs di Kornwe-ihe, en Vugel, ehnlich däm Falken, dän tegen Omend wän ett schummert utflüg, tur Tied, wenn die Ke-iner singe. Die Kornweihe heet im Nacke en Krenske van Feere, die roatbrun sind, dat üs dat roat Kapügelschen.
In auler Tied hitt ett in die aule Lider:

„rond, rond, Kapügelsche
gefloge, gestowe wal öwer de Rhien.“

Links un rechs vam Rhien hitt ett sou, ett sall domit wal agegewe wäde, dat dat Vügelsche wiet flüg un gau.

Wou di fette Ferkes siend.

Di siend be-idersieds vam Rhien.

K. wußte von der Bezeichnung Martinsvogel für die Kornweihe, die heute noch im Französischen oiseau St.Martin heißt. So war es für ihn naheliegend auf diesen Vogel zu schließen. Allerdings ist es zweifelhaft, ob er sich jemals die Kornweihe genauer angesehen hat. Die Kornweihe wird zwar gelegentlich in alten Schriften als Martinsvogel bezeichnet, aber niemand weiß den Grund anzugeben.
Die meisten Brauchtumsforscher gehen davon aus, dass das „Vögelsche“ nichts mit Martin zu tun hat, auch nicht mit den Gänsen der Legende. Hier wird wahrscheinlich ein vorchristlicher Vogelmythos auf einen Heiligen übertragen. Vögel waren immer die Überbringer von Botschaften ( „Kommt ein Vogel geflogen“) und so auch Götterboten.
Der Flug des Martinsvögelchen galt dem MA. als vorbedeutend. Der Theologe Peter v. Blois (Petrus Blesensis , + um 1200) schreibt in einem Brief:

"de jucundo gloriantur hospitio, si a sinistra in dextram avis sancti Martini volaverit".
Das heißt ungefähr:
„Wenn der Martinsvogel von links nach rechts den Weg überfliegt, wird man willkommen sein.“

In Vintlers "Blume der Tugend" (gedruckt 1411) heißt es:

es spricht mange (mancher) ich bin gogel, (ausgelassen, fröhlich)
ich haun gesechen sant Martis vogel
hewt an dem morgen fru,
mir stosset kain ungelück nit zu.

Ganz bestimmte Vögel waren im Mythos verankert, so z.B. der Specht, der Schwarzspecht, der mit dem Feuer in Verbindung gebracht wurde und dem Kriegsgott ( röm. Mars) zugeordnet war. Sein lateinischer Name deutet darauf hin: dryocopus ( picus) martius.
Er wurde auch schon einmal als Gertrudsvogel verehrt. Jakob Grimm schreibt in seiner „Deutsche Mythologie“ darüber.
Es könnte sich also um eine Korruption, eine Überformung, von martius und martinus handeln wie schon Karl Simrock 1846 in seinem Büchlein „Rheinische Martinslieder“ anmerkte. Auch er hatte schon Vögelchen-Lieder gesammelt. Allerdings hatten diese alle kein rotes Häubchen, dafür aber ein goldenes Schnäbelchen. Sie gehören zu den Abwandlungen der älteren Form.
In Bocholt, wo ebenfalls eine starke Vögelchen-Lied –Tradition zu finden ist, fliegt es über den Kirchturm und wird als Kranich gedeutet. Die Krähe, der Zaunkönig, der Eisvogel, das Goldhähnchen, ja sogar der Kuckuck sind ebenfalls in der Literatur oft erwähnte „Martinsvögel“.
Anderen Deutungen als Hahn, Kapaun, Gans, die aus dem Erntedank, dem Pachtzins, dem Ende des Wirtschaftsjahres hergeleitet werden oder der Legende her rühren, sind vielleicht plausibler, bleiben aber letztlich allesamt Spekulation.
Von früheren Martinszügen wird berichtet, dass Vogelmasken mitgeführt wurden oder Personen als Martinsvögelchen oder Martinskühe verkleidet waren. Beides, Vogel und Kuh sind in unserem Lied enthalten.
„Ssinter Mätes Vögelsche“ kann überdies zweierlei bedeuten, einmal „das Vögelchen des hl. Martin“ und zum zweiten „das Vögelchen am Martinstag“, also Martinsvögelchen oder Martinivögelchen. Mätes ist kein Genitiv von Mäte, weil es den im Platt gar nicht gibt.
Wichtig erscheint mir, dass in den Vögel seit alters her Wesen gesehen wurden, die Seelen mit sich tragen, sogar die Seelen von Verstorbenen. Die Seele, die in den Himmel fliegt, als hätte sie Flügel, wird sozusagen von den Vögeln veranschaulicht. Und so lebt auch die des heiligen Martin in irgendeinem, und das ist in diesem Augenblick, unabhängig von seiner biologischen Art, das Ssinter Mätes Vögelsche!

Schlußbetrachtung

Außer aus Bad Honnef kenne ich kein Heischelied, das so viele Teile enthält, so viele Historie des Brauchtums angereichert hätte, wie unser Mülheimer Martins-Lied.
Es ist ein immer noch lebendiges Zeugnis unserer Verbundenheit mit dem niederfränkischen Sprachraum, was gerade ein Vergleich mit der Version aus Flandern deutlich macht.
Das „Ssinter Mätes Vögelsche“ ist trotz seiner ungeklärten Identität eine in Mülheim noch verehrte Traditionsreliquie und für viele eine der wenigen Ikonen des Mölmsch Platt. Vielfach sind die Zeilen des Liedanfangs die einzigen Platt-Vokabeln, die ein Mülheimer noch kennt.

Ssinter Määtes Vöögelsche gehört zu den Heischeliedern (Bettellieder). Sein Text geht im Kern wohl auf germanischen Volksglauben zurück, auch wenn dieser nicht ungebrochen bleibt. Die Entstehungszeit dürfte nicht vor dem Mittelalter gewesen sein. Es ist vom Niederrhein, wo es wohl herstammt, westlich über Limburg und Brabant bis nach Flandern bekannt. Nach Norden geht seine Verbreitung über Niedersachsen bis nach Schleswig-Holstein. Weiter östlich erscheint (erschien) es inselartig sogar in der Altmark. Das (ehemalige) Verbreitungsgebiet umfasst heute vier Staaten: Frankreich, Belgien, Niederlande und Deutschland. „Ssinter Mätes Vögelsche“ ist somit

europäisches Kulturgut!

Autor:

Franz B. Firla aus Mülheim an der Ruhr

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