GERÜCHTEKÜCHE (Einleitung)

Ich möchte mich kurz vorstellen: Ich bin Koch in einer Gerüchteküche. Mein Tarnname ist INKOGNITO, denn ich muss aus purem Eigenschutz inkognito bleiben. Denn wenn die Leute, über die ich fast 100-%-ig wahre Gerüchte verbreite, dahinter kommen, dass ich die Ursache zur späteren Wirkung bin, ist mein Leben in Gefahr. Und an diesem hänge ich und sicherlich auch Sie, denn ohne mich würden Sie nie das Allerneueste aus eben dieser Gerüchteküche erfahren. Und ohne die Weitergabe der Gerüchte durch mich an die Presse könnte ich den neuesten Porsche-Targa, den ich kürzlich bei einem Porschehändler meines Vertrauens im Vorgriff auf die zu erwartenden Pressegelder bestellt habe, nicht zahlen. Die Gerüchteküche gehört zu einer Gaststätte, die neben einem gepflegten Thekenbetrieb auch Gerichte anbietet, die gewisse Gerüche verbreiten, wenn ich sie auf die Durchreiche von der Küche zum Gastraum stelle. Diese Gerüche gehen raus und kommen quasi als Gerüchte zu mir zurück. Dabei sehe und höre ich dann, wer sich im Gastraum und speziell an der Theke aufhält und wer sich mit wem unterhält. Bei dem, was ich da so sehe und höre, zähle ich eins und eins zusammen. Und was dabei heraus kommt, ist die Basis für die von mir verbreiteten Gerüchte. Ich schwöre, ich sage die Wahrheit, die Wahrheit und nichts als die GERÜCHTEwahrheit.

Mankolit 2012

LODDAR UND SYLVIA

Heute tobt der Bär, vor lauter Kochen komme ich nicht dazu, mal durch die Durchreiche zu spinsen, wer denn da so an der Theke steht und sich mit wem über was unterhält. Als der ich mit einem Auge etwas Unglaubliches. Und wenn Sie nicht wüssten, dass ich immer, oder sagen wir mal fast immer, die Wahrheit sage, würden Sie mir das auch nicht glauben. An der Theke steht Loddar, aber nicht, was Sie jetzt wahrscheinlich denken, mit neuer Freundin oder Ehefrau im Alter seiner jüngst möglichen Tochter oder ältest möglichen Enkelin, nein eng umschlungen mit einer – ich wage es kaum auszuschreiben – 47-jährigen gleich nur vier Jahre jüngeren Frau, gemäß seinem Altersverständnis im Alter seiner Mutter oder sogar Oma. Ich muss mich erst mal von diesem Schock erholen und schließe die Durchreiche wieder. Aber ich kann meine Neugier, wer denn diese Frau wohl sei, nicht lange unterdrücken, öffne die Durchreiche wieder und erkenne endlich diese geheimnisvolle ältere Dame. Es ist Sylvia N. Damit die beiden mich nicht sehen, gehe ich etwas zur Seite, halte aber mein rechtes Ohr, mit dem ich immer alles das hören kann, das ich hören will – das linke nehme ich für die Dinge, die ich nicht hören will -, an die Durchreiche und höre Erstaunliches. Wenn Sylvia eines von seinen abgelegten Mädchen in ihrer Frauennationalmannschaft aufnähme – er würde schon dafür sorgen, dass die den ein oder anderen Ball träfen; außerdem wären die ja nun wirklich optisch eine Augenweide und eine tolle Imagewerbung für den Damenfußball und deren jeweilige Nationalität wäre bei seinen Beziehungen in die höchsten Höhen aller in Frage kommenden Ämter kein Problem -, würde er Sylvias Nachwuchsspielerinnen, die nicht so oft oder, wenn doch, den Ball nicht wie gewünscht treffen, für sie so trainieren, dass sie die Bälle perfekt träfen. Ich bin so erschrocken, dass ich die beiden durch die Durchreiche anstarre. Das ist mein Fehler, denn als sie mich erkennt, knallt Sylvia einen viel zu hohen Geldschein auf den Tresen, befreit sich aus Loddars freundschaftlicher Umarmung und stürmt, mir drohend, dass ich bloß nicht wagen sollte, dieses Treffen publik zu machen, kreidebleich aus der Gaststätte. Loddar bestellt sich noch einige Weizen - schließlich sind die Getränke schon bezahlt, denn er muss für Alimente, Unterhalt, Ablösesummen und so weiter und so fort schon genug blechen. Und Sorgen, dass ich ihm seinen Ruf ruiniere, muss ER sich wirklich nicht machen; denn: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt´s sich völlig ungeniert. Nur ich bin wieder der gelackmeierte, der der Geldschein ist nicht hoch genug, um meinen Porsche schon abholen zu können. Und Loddars Getränke gehen schließlich auch noch davon runter.

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ULLI, JÜRGEN, RAOUL UND THEO

Es ist das Sommerloch schlechthin. Unsere Gäste sind im Urlaub, unsere Schnitzel schlagen Wellen, mein Chef bohrt sich in der Nase, seine Frau ist im Schönheitssalon und ich lese vor lauter Langeweile die Bunte vor und zurück. Plötzlich kommt Hektik auf, mein Chef „Koch, leg die Bunte weg und halt die Durchreiche zu, es ist zu brisant.“ Das mit der Bunten lass ich mir nicht zweimal sagen, und das mit der Durchreiche habe ich wohl missverstanden. An der Theke stehen drei Männer mit geballter Fußballkompetenz: Ulli H., Jürgen K. und Raoul. Was kann das zu bedeuten haben? Will der Ulli den Jürgen und Raoul zu seinen Roten holen? Oder will der Jürgen dem Ulli und dem Raoul seine neue Taktik für die neue Saison verraten? Oder will der Raoul etwa undercover im Auftrag seiner Königlichen den Ulli und den Jürgen in die spanische Hauptstadt lotsen? Fragen über Fragen, die sich mir da stellen. Plötzlich kommt Bewegung ins Spiel, die drei lassen sich einen Knobelbecher geben. Knobeln die etwa aus, wer in der nächsten Saison bei welchem Verein tätig wird? Ich kann es vor Spannung kaum noch aushalten und müsste dringendst auf´s Klo, aber dann würden die mich ja sehen und sofort abhauen und ich würde möglicherweise was verpassen. Die 1. Runde verliert der Ulli, die 2. der Jürgen. Welch eine Katastrophe, jetzt verlieren auch schon zwei Deutsche in einem typisch deutschen Spiel gegen einen Spanier! Dann lassen sie sich von meinem Chef ein Skatblatt geben, ich lehne mich mit einem Seufzer entspannt zurück, da kann nichts schief gehen. Von wegen! Der Supergau tritt ein, ich bin ein psychisches Wrack! Wie können die beiden Vorzeigedeutschen mir das nur antun? Da betritt meine rund erneuerte Chefin das Lokal und wird von Raoul zum Flamencotanz aufgefordert. Ich schließe die Durchreiche, ich will und kann mir das Elend und die weitere zu erwartende Niederlage nicht ansehen. Doch mein Chef klopft „schau dir das an!“ Tatsächlich, der Ulli und der Jürgen tanzen den Raoul in Grund und Boden, meine Chefin ist völlig außer Rand und Band, mein Chef kriegt ob seiner Frau solche Stielaugen, dass ich gleich den Laden alleine schmeißen muss. Plötzlich geht die Tür auf und Theo Z. ruft „so Leute Feierabend, ihr habt gleich euren Auftritt!“ Wie Auftritt? Was für´n Auftritt? Wo Auftritt? Am nächsten Morgen lese ich in der Zeitung die Überschrift „Fußballdoppelgänger begeistern Zuschauer in der ausverkauften Stadthalle“. Haben die mich doch reingelegt und mir die erste dicke Anzahlung für den Porsche quasi geklaut.

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KEVIN UND JULIAN

Heute muss ich nicht viel kochen, denn das Fernsehen überträgt live den Revierschlager „09“ gegen „04“. Da gehen mal ´n paar Frikadellen, Käseschnittchen oder belegte Brötchen durch die Durchreiche, das isse´s dann. Ich werde mir das Spiel von meinem Platz aus in Ruhe ansehen können. Die Bude ist gerammelt voll, das Bier fließt in Strömen, je 1/3 ist „09“, „04“ bzw. neutral. Die Stimmung ist prächtig, die Anhänger beider Clubs übertreffen einander in ihren Gesängen. Karnevals- und Kirchengesänge sind nichts dagegen, selbst Gotthilf wäre hilflos. Plötzlich tritt völlige Stille ein, zwei junge Männer betreten das Lokal: Kevin und Julian. Ich muss mich in den Arm zwicken, ob ich vielleicht träume. Das sind bestimmt Doppelgänger. Aber es könnten auch die Originale sein, denn der Fernsehreporter teilt gerade mit, dass beide wegen leichter Verletzungen nicht spielen können und auch nicht im Stadion sin. Die sind hier bei uns, um sich das Spiel anzusehen! Als die Gäste das mitkriegen, drehen sie durch, wollen Autogramme, die „09-er“ ein „blau-weißes“ auf die „schwarz-gelben“ Trikots und die „04-er“ ein „schwarz-gelbes“ auf die „blau-weißen“ Trikots. Wenn das ab morgen bei den anderen Fans mal gut geht! Die beiden sehen sich das Spiel gar nicht an „wir sehen alles in der ausführlichen Videoanalyse unserer Trainer“, lassen sich nach getaner Autogrammgeberei blanke Blätter und Stifte geben, bemalen und beschriften sie. Mich packt das blanke Entsetzen, die werden doch jetzt nicht Kindergarten spielen oder Transferverhandlungen von Spieler zu Spieler führen oder gegenseitig Taktikpläne verraten! Ich kann mich leider nicht weit aus der Durchreiche lehnen, dann sehen und erkennen sie mich und hauen sofort ab. Auf jeden Fall haben sie einen Mordsspaß und schreien andauernd, wohingegen beim Lokalderby nicht viel passiert und unsere Gäste nur wenig Grund zum Jubeln haben. Das Spiel endet schiedlich friedlich torlos 0:0, die Gäste verabschieden sich enttäuscht von Kevin und Julian. Als die fertig sind, geben sie mir je eine Dauerkarte „damit du die Klappe hältst und keinem Pressefuzzi steckst, dass wir hier waren.“ Sie zahlen und lassen das Papier und die Stifte liegen. Ich kann es vor lauter Neugier nicht mehr aushalten und reiße die Blätter an mich. Sie haben „Spieler versenken“ gespielt. Auch ihr Spiel und mein Arbeitstag enden remis, denn die VIP-Karten sind auch ´ne Menge wert. Nur schade, dass ich zu den Spielen immer noch nicht mit dem Porsche fahren kann.

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Autor:

Manfred Korte aus Mülheim an der Ruhr

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