Sexistische Werbung
Fleischer sieht Frauen als Besitz und Hobby

Ein Fleischer aus dem Kreis Recklinghausen bewarb auf seiner Facebookseite öffentlich seine Produkte mit den Worten:

"Ihre Frau kann nicht kochen⁉️"
"Kein Problem❗️
Kaufen Sie unsere küchenfertigen Produkte und behalten Sie Ihre Frau als Hobby❗️"

Die Reaktionen auf diesen sexistischen Spruch sind gespalten. Jedoch scheinen viele ihn als Humor zu sehen. Nachdem dieser Fleischer von jemandem auf den Sexismus aufmerksam gemacht wurde, antwortete er:

„Sexismus kann ich. Humor kann ich auch 😅“

Er erkennt also den Sexismus und deklariert ihn gleichzeitig als Humor. Einsicht zeigt er nicht, dass er eine Personengruppe, die immerhin 50% unserer Gesellschaft ausmacht, beleidigt, herabwürdigt und sich noch lustig macht.

In meinem Blogartikel „Sexistischer Shitstorm-Teil III“ zitierte ich bereits:

"Der moderne Sexismus ist häufig sehr viel subtiler, häufiger als Humor getarnt. Wer nicht darüber lachen kann, wird dann als empfindlich oder humorlos dargestellt."

Gehen wir doch mal genauer auf diesen Sexismus ein.

Der Sexismus in der Aussage

Viele Reaktionen der Kommentatoren beziehen sich auf das „nicht kochen können“. In welchem Universum muss die Frau im 21. Jahrhundert noch den Mann bekochen? Hier zeichnet sich schon ein Frauenbild gemäß einer Dr. Oetker-Werbung aus den 50er Jahren ab.

Erstaunlich ist, dass der Fokus nicht mal daraufgelegt wurde, dass Frauen als Besitz und Hobby deklariert werden. Und das ist nicht nur ein altes Frauenbild. Diese Sicht auf Frauen spiegelt sich sogar in unserer Justiz wider und ist ein großes Thema. Dazu schrieb ich in meinem Artikel „Tote Frauen sind nur Besitz und Sachen“:

„Indem eine Frau einen (oftmals vorher gewalttätigen) Mann verlässt, darf sich dieser als beraubt fühlen. Also einer Sache entwendet. Eine Sache, die ihm mal gehörte. Diese Ausführung des Urteils zeigt ganz klar, welch patriarchische Strukturen auch bei Gericht vorherrschen mögen.
Wir leben im 21. Jahrhundert und die Frau wird per Gesetz noch immer als Besitz des Mannes gesehen.“

Diese Sichtweise auf Frauen gibt manchen Männern gefühlt das Recht, ihre Frauen töten zu dürfen, weil sie als Besitz gelten. Spätestens JETZT sollte erkennbar werden, dass so ein sexistischer Spruch dieses Besitzdenken von Männern weiter in die Öffentlichkeit trägt.

Während sich manch einer lustig unterhalten fühlt, versucht statistisch jeden Tag ein Mann seine Frau zu töten. An jedem Dritten gelingt es ihm. Weil Männer ihre Frauen als Eigentum betrachten, findet alle 45 Minuten in Deutschland häusliche Gewalt statt. Ist nun diese Werbung noch immer lustig?

Schlimm ist, dass dieser Fleischer Arbeitgeber eben auch von Frauen ist. Mit seinem Zahnpasta Lächeln ist er den Kunden bekannt. Was sich jedoch hinter der Fassade zusammensetzt, ist fast nicht zu glauben. Ein Frauenbild, das nicht nur mindestens über 70 Jahre alt ist, sondern auch noch Männer bestärkt, Frauen als Eigentum, und noch despektierlicher, als Hobby zu besitzen, ist nicht nur schlechter Geschmack. Es ist gefährlich.

Wenn man jetzt hofft, ein wenig Einsicht erkennen zu können, so findet man im Netz eine Spirale des geistigen Offenbarungseides. So verbreitet er die Information, dass er diesen Spruch in seiner Meisterschule im Bereich Marketing und Werbung erlernt hat. Es ist nicht zu vermuten, dass er Mitte des letzten Jahrhunderts die Meisterschule besuchte. Wenn das jedoch im wahrsten Sinne „Schule“ macht, muss man dort auch die Menschen sensibilisieren, ihr Unterrichtsmaterial zu überdenken.

Wird langsam erkennbar, wie tief diese Sicht auf Frauen gesellschaftlich verankert scheint?

Und damit der Niveaulimbo weitergeführt wird, bezieht sich der Fleischer noch auf den herabwürdigen Song „Layla“. Da hätte das Marketing auch funktioniert. Mit tränenüberströmten Lach-Emojis füllt er seine Kommentare. Das ist kaum auszuhalten. Hinweise, dass diese Werbung Sexismus ist, werden mit absoluter Uneinsichtigkeit beantwortet. Wie soll man da eine vernünftige Diskussion führen?

Ich habe diesen Versuch schon mal gestartet und einen 16-DIN-A4 Seiten langen Shitstorm aushalten müssen. Da hat inhaltliche Substanz, Respekt und Diskussionskultur leider keinen Platz. Vieles, was in diesem Shitstorm passierte, ist in so einer Situation üblich, wiederholt sich. Da hat man keine Chance.

Reaktionen von Frauen

Wie zu erwarten, bekommt dieser Fleischer viel Zuspruch. Es ist leider noch immer gesellschaftliche Norm, Frauen herabzuwürdigen. Mit dabei: Frauen! Oftmals handelt es sich um Personen, die dazugehören wollen. Sie hängen, wahrscheinlich intuitiv, noch immer diesem Wertesystem hinterher, dass es Frau gut geht, stellt sie sich mit Männern gut. Dann ist sie versorgt, ein braves Mädchen und hat bessere Chancen. Wer von Männern gemocht wird, ist attraktiv, cool, nicht zickig.

Schaut man in die Facebook-Profile von Frauen, die dem Sexismus noch Zuspruch geben, so erkennt man beispielsweise likes auf den Seiten von „Die Bachelorette“, „Liebe ist“, „Die Schönsten Nägel“. Damit sind nicht die mit Köpfen gemeint. Diese Profile zeigen sich oft der Harmonie verbunden, was soweit nicht schlecht ist. Schlecht ist es nur, wenn auf Beleidigungen mit Zuspruch reagiert wird, um Harmonie zu wahren.

Die Frage bleibt, wieso noch immer zu wenige Frauen nicht erkennen, dass sie gerade auf das Übelste herabgewürdigt werden. Ist es für sie normal, Besitz zu sein und wenn es dem Mann passt, ist sie auch mal Hobby? Wahrscheinlich hängt dies mit dem Selbstwert der Frau zusammen. In ihrem Wertesystem ordnet man sich halt unter. Dann bekommt Frau, was sie will. Begehrt sie auf, ist sie eine Zicke, Kratzbürste und Mann mag sie nicht.

Frauen, die so denken, den kann ich versichern: Es gibt auch gute Männer, die Frauen schätzen und auch lieben, wenn sie Ecken und Kanten haben. Frauen, die gebildet sind, mitreden, mitentscheiden und Kontroversen bieten. Das fördert eine Beziehung, macht sie stärker und festigt das Zusammensein. Man wächst miteinander. Wenn Frau sich unterordnen zu muss, kann sie gehen. Das sollte sie auch tun. Aber es steckt auch zu viel erlerntes Verhalten darin.

Eine Reaktion im Netz sticht besonders hervor. Und zwar deshalb, weil diese Aussagen eigentlich immer kommen, wird öffentlich über Sexismus diskutiert:

"Find schon witzig, dass einige meinen, für alle Frauen zu sprechen! Wenn Frau was nicht passt, kann sie selber reden! Alles, als sexistisch zu bezeichnen - mittlerweile lächerlich!"

Man kann es inhaltlich auch so sehen:

"Find schon witzig, dass einige meinen, für alle Migranten zu sprechen! Wenn dem Migranten was nicht passt, kann er selber reden!
Alles als rassistisch zu bezeichnen - mittlerweile lächerlich!"

Die Strukturen für bestimmte Personengruppen sind nicht so, wie sie sein sollen. Da ist es oftmals nicht möglich, sich alleine zu wehren. Ein Migrant soll sich gegen Fremdenfeindlichkeit wehren? Ein Homosexueller gegen Homophobie? Ein Jude gegen Antisemitismus? Man muss gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vorgehen. Das ist eine Sache der Moral und der Haltung.

Was die Person, die es Frauen abspricht für Frauen sprechen zu dürfen, vielleicht nicht weiß, dass die Frau per Gesetz als Besitz betrachtet wird, was der Fleischer mit seiner Werbung hier noch verstärkt. Wenn Frauen unter häuslicher Gewalt leiden, gestalkt und bedroht werden, kann sie natürlich für sich selbst reden. Nur würde sie wahrscheinlich dafür noch einmal mehr verprügelt. Sie kann für sich alleine kämpfen, wir können uns aber auch gemeinsam für eine gleichberechtigte und sichere Lebensweise einsetzen. Dafür braucht es Aufklärung. Es scheint dringend nötig zu sein, Herabwürdigungen von Frauen erst mal zu erkennen. Denn es ist ja noch immer normal. Dann lacht man halt mit. Ist ebenso. NEIN! So ist es eben nicht. Wir müssen uns für eine Realität einsetzen, in der die Frau respektiert wird.

Was gilt es zu tun?

Ich erinnerte mich, dass es Internetseiten gibt, auf denen man sexistische Werbung melden kann. Bei „Pinkstinks“ fand ich den Werbemelder

„Die Werbemelder*in ist eine 2017 von Pinkstinks initiierte Plattform, über die ihr Werbung melden könnt, die ihr als sexistisch oder stereotyp empfindet. Seit der Gründung von Pinkstinks wurde der Verein immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, das Problem Sexismus in der Werbung sei ein gefühltes. So genau könne man das gar nicht sagen und außerdem sei das alles sowieso nur eine Frage des persönlichen Geschmacks. Die Werbemelder*in ist die Antwort auf diesen Vorwurf. Sexismus in der Werbung ist real und kann anhand von Kriterien identifiziert und bekämpft werden.“

Dann gibt es noch den Deutschen Werberat:

„Der Deutsche Werberat schreitet bei Verstößen gegen diese Prinzipien ein. Ausgehend von seiner bisherigen Spruchpraxis stellt er fest, dass eine Diskriminierung dann vorliegt, wenn vermittelt wird, dass eine Person oder Personengruppe weniger wert sei als andere. Eine Herabwürdigung besteht, wenn Personen in ihrer Würde verletzt oder verächtlich gemacht werden.“

Auch „Terre des femmes“ bietet eine Plattform für Beschwerden gegen frauenfeindliche Werbung:
 

„Melden Sie sich bei uns per Mail an al-themen@frauenrechte.de und wir unterstützen Sie! Bitte schicken Sie immer einen Link, Screenshot, Foto etc. von der Werbung mit, über die Sie sich beschweren möchten. Ohne einen Nachweis können wir leider nicht aktiv werden.“

Fazit

Einerseits habe ich wieder was gelernt. Es gibt Möglichkeiten, solche Werbungen zu melden. Das ist eine wichtige Errungenschaft für uns Frauen, damit Männer nicht ihre Produkte bewerben, indem sie Frauen schlecht darstellen. Das Frauenbild muss gesamtgesellschaftlich korrigiert werden. Das braucht Information, Aufklärung, Bewusstsein und vor allem: SELBSTbewusstsein.

Andererseits bin ich wieder Reaktionen begegnet, die einfach immer wieder passieren. Männer finden sich in einer Bestätigungsmeinung wieder. Sie fühlen sich groß und mächtig, wenn sie sich zusammenfinden und Frauen….aaaach…die sind doch nur…. Und schon haben sie sich wieder emotional vereint, wenn es um das gemeinsame Frauenbild geht. Und ein bestimmter Frauentypus hechelt wieder hinterher.

Aber es gibt auch die, die still mitlesen. Der Fleischer mag das nicht bemerken, dass es auch Menschen gibt, denen er ordentlich vor den Kopf gestoßen haben mag. Aber sie reagieren nicht. Vielleicht bleiben sie einfach weg und kaufen nicht mehr. Es braucht ja auch Kraft, Reaktionen aushalten zu müssen. Auch ich habe bereits jetzt schon Reaktionen erlebt, weil ich mich bei Facebook zu dem Thema äußerte. Nichts, was nicht zu erwarten wäre. Aber wer das nicht kennt, mag erst mal verunsichert sein. Dann sagt man lieber nichts.

Und dann gibt es ja doch noch Kommentare, die den Sexismus klar erkennen. Sie bekunden ihren Unmut und zeigen sich. DIESE Menschen sind besonders wichtig. Sie können einen Shitstorm brechen. Sie können auch durch das Zeigen so manch einen weiteren dummen Kommentar verhindern.

Es ist halt so, dass wir schleichend vorankommen. Diese Beleidigungen von Männern an Frauen werden in naher Zukunft nicht aufhören. Aber wir können daran mitwirken, Frauenfeindlichkeit zu beenden. Dazu ist es wichtig, immer wieder auf diese Missstände aufmerksam zu machen.

Link zum Werbemelder
Link zum Werberat 
Link zu Terre des femmes

Autor:

Sandra Stoffers aus Recklinghausen

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