Ralf Rothmanns Erzählungen „Hotel der Schlaflosen“
Angst vor Gewalt

„Er starb lautlos, sank hin wie ein Haufen Kleider“, heißt es in der Titelgeschichte des elf Erzählungen umfassenden Bandes von Ralf Rothmann, in dem die Angst vor der Gewalt das Leitmotiv ist.

In der Titelgeschichte steht die historisch verbürgte Ermordung des russischen Schriftstellers Isaak Babel im Januar 1940 im Mittelpunkt. Dieses beklemmende Stück Prosa wird aus der Perspektive des Henkers, des Geheimdienstoffiziers Wassili Blochin erzählt, der in einem zum Gefängnis umfunktionierten Moskauer Hotel reihenweise Erschießungen durchführt. Ohne jede emotionale Regung bewirtet der Protagonist (geradezu routiniert) den bei Stalin in Ungnade gefallenen Autor, berichtet über Belanglosigkeiten, ehe er dann zur Exekution schreitet. Gewalt, Barbarei, totale Gefühlslosigkeit in Reinkultur bietet dieser Rothmann-Text, über den Mörder Blochin, der sich 1955 selbst das Leben genommen haben soll.
Auch in den anderen Texten spielen Angst und Gewalt eine zentrale Rolle. Rothmann, der zuletzt 2018 mit dem Uwe-Johnson-Preis ausgezeichnet wurde, lässt uns immer wieder in die seelischen Abgründe schauen, lässt Verzweiflung und Ausweglosigkeit körperlich spürbar werden.
Eine Musikerin aus Berlin hat eine tödliche Diagnose erhalten, ein Maurer hat eine Affäre mit der Tochter seines Vorgesetzten, ein Bestatter im Ruhrgebiet identifiziert unter den geborgenen Leichen eines lange zurück liegenden Zechenunglücks seinen eigenen Vater, und immer wieder gewährt uns Rothmann en passant Einblicke in die eigene Kindheit und Jugend. Ob im Dunstkreis der Eider (der Autor ist in Schleswig geboren) oder im Ruhrgebiet, wo er aufgewachsen und zur Schule gegangen ist – überall weht ein rauher Wind, das Tremolo eines Kasernentons diktiert den Alltag. „Spätestens, wenn die Laternen angehen, bist Du Zuhause“, heißt es, und im Hintergrund scheint eine handfeste Drohung für den Fall des Nichteinhaltens der Vorgabe gleich mitzuschwingen.
Nicht verwunderlich, dass der inzwischen 67-jährige Ralf Rothmann, der seit etlichen Jahren im ruhigen Berliner Stadtteil Frohnau lebt, über seine Jugend im Ruhrgebiet einmal befand, dass es „keine Kuschelecke“ gewesen sei. Viele Erinnerungen werden für Rothmanns Altersgenossen zwischen den Zeilen mitgeliefert – von der Zigarettenmarke Ernte 23 in der orangefarbenen Verpackung bis hin zum Opel Commodore, der seinem Besitzer einen „gehobenen“ gesellschaftlichen Staus verliehen hat.
Und immer wieder geht es um offene oder latente Gewalt in den elf Texten, die sich wie nicht finalisierte Romanfragmente lesen. Da ist die Krankenschwester Marlies, die als Kind von ihrer Mutter geschlagen wurde und einen Milchzahn verloren hat. Als Erwachsene quält sie später ihre Katze. Ob im Moskauer Hotel, in Mexico, in Schlewsig-Holstein, Brandenburg oder im Ruhrgebiet – die Omnipräsenz der Gewalt in all ihren Facetten zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte dieses Bandes.
Das ist ganz schwere Lektürekost und nichts für zartbesaitete Gemüter. Aber es ist außerordentlich bewundernswert, wie es Ralf Rothmann schafft, der Allgegenwart der Angst aus den Blickwinkeln seiner Figuren eine Stimme zu verliehen. Große Literatur!

Ralf Rothmann: Hotel der Schlaflosen. Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 205 Seiten, 22 Seiten.

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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