Leila Slimanis Roman „Schaut, wie wir tanzen“
Beherrschung und Lässigkeit

„Aicha dachte, dass es keinerlei Verbindung gab zwischen dieser Welt und der Straßburger Welt, zwischen ihrem Leben hier und ihrem Leben dort. Diese beiden Existenzen waren durch nichts miteinander verbunden.“ Diese exponierte Form der Zerrissenheit prägt den Lebensweg der Protagonistin Aicha im neuen Roman von Leila Slimani.

Die französische Autorin ist gerade einmal 41 Jahre alt, hat aber bereits 2016 den renommierten „Prix Goncourt“ erhalten und nun schon vier bedeutende Romane vorgelegt. Die in Rabat geborene und seit vielen Jahren in Paris lebende Autorin hatte hierzulande mit ihrem 2017 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Dann schlaf auch du“, in dem ein Kindermädchen zur Mörderin wird, den Durchbruch geschafft. Frankreichs Präsident Macron, so wurde es aus Paris kolportiert, wollte sie sogar zur Kulturministerin machen. Leila Slimani hat in der französischen Öffentlichkeit ein herausragendes „Standing“.
Ihr neuer Roman ist der zweite Teil der Trilogie um die Familie Belhaj, um deren kulturellen Spagat zwischen Marokko und Frankreich. Es ist ein schmaler Grat zwischen Anpassung und Ausgrenzung, zwischen Fremdsein und Integrationswillen.
Wir befinden uns im Marokko der ausgehenden sechziger Jahre und begleiten Aicha und Selim Belhaj, Kinder einer Elsässerin (Mathilde) und eines Marokkaners (Amine). Das Land befindet sich in einem rasanten Wandel, die Studentenbewegung in Paris ließ eine kaum zu bremsende Emanzipationswelle nach Marokko überschwappen. Das Gefälle Gefälle zwischen Stadt und Land ist gewaltig. In den großen Städten wächst der internationale Einfluss und auch der Wohlstand, auf dem Land ist der Alltag von Armut und Rückständigkeit geprägt. Aicha hat vier Jahre Medizin in Straßburg studiert und nebenbei noch Simone de Beauvoir gelesen, während sich ihr Bruder Selim der aufkommenden Hippiebewegung anschließt, die freie Liebe genießt und sich in Drogenexzessen verliert. Ihre Eltern Mathilde und Amine haben den sozialen Aufstieg vollzogen und gehören einer wohlhabenden Oberschicht an, in der sich Marokkaner und Franzosen (nach der Unabhängigkeit) zu arrangieren gelernt haben. Auf Mathildes Betreiben wird im Garten als äußeres, gut sichtbares Zeichen des Wohlstandes ein Pool errichtet. Dafür muss der geliebte, aus dem Vorgängerroman bekannte „Zitrangenbaum“ weichen - ein Baum, halb Zitrone, halb Orange, der für die doppelte Identität dieser Familie steht. Im vorangegangenen Roman „Das Land der Anderen“ (dt.: 2021) hatte Mutter Mathilde über den symbolträchtigen Baum erklärt: "Wir sind wie dein Baum, halb Zitrone, halb Orange. Wir gehören zu keiner Seite."
Die aus Paris zurückgekehrte Aicha lernt den jungen Wirtschaftswissenschaftler Mehdi kennen, der im Freundeskreis nur Karl Marx genannt wird. Dieser Mehdi avanciert zur interessantesten Figur dieses Romans. Als eifriger, auf soziale Gerechtigkeit und Reformen bedachter junger Mann versteht er es, mit seinen Vorträgen seine Freunde in den Bann zu ziehen. Wo Mehdi ist, scheint Bewegung und Aufbruch zu herrschen. „Um Mehdi zu begreifen, musste man ihn tanzen sehen. Da war etwas in seinen Gesten, seinen Bewegungen, eine seltsame Mischung aus Beherrschung und Lässigkeit.“ Aus dem fortschrittlichen „Aufklärer“ Mehdi wird dann allerdings in kurzer Zeit ein korrupter Regierungsbeamter im Machtapparat der Monarchie.
"Wann wird man begreifen, dass wir unsere eigene Persönlichkeit entwickeln, unsere eigene Kultur kennenlernen, unser Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen müssen?", heißt es am Ende des Romans.
Viele Hoffnungen sind zerplatzt wie Seifenblasen. Die zwischenzeitlich dominierende Aufbruchstimmung in diesem Roman weicht mehr und mehr einer neuen Tristesse, einer handfesten Desillusionierung. Mit „Schaut, wie wir tanzen“ hat Leila Slimani wieder einen faszinierenden Roman über die Zerrissenheit vorgelegt, über ein zerrissenes Land und über innerlich zerrissene Figuren.

Leila Slimani: Schaut, wie wir tanzen. Roman. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand Verlag, München 2022, 380 Seiten, 22 Euro

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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