BUCHTIPP DER WOCHE: Desdemona auf der Toilette

Ralf Rothmann: Shakespeares Hühner. Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 212 Seiten, 19,95 Euro

Der im Ruhrgebiet aufgewachsene und seit vielen Jahren in Berlin lebende Autor klopft die Zwischenräume im Kleine-Leute-Milieu nach den wirklich existenziellen Dingen des Lebens ab.

Ralf Rothmanns Texte kreisen dabei um Liebe und Tod, um gescheiterte Aufbrüche und bittere Enttäuschungen. Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem Figuren, die sich nicht auf der Sonnenseite des Lebens tummeln und eher als Außenseiter ein trauriges Dasein fristen.
So wie der Protagonist in „Frischer Schnee“, der gemeinsam mit seinem Freund Lars zwei junge Frauen kennen lernt und „abschleppt“. Der zurück haltende Ich-Erzähler begegnet der gerade aus dem Krankenhaus entlassenen Marlies äußerst verständnisvoll, einfühlsam und hört ihr geduldig zu. Während nebenan Lars und Aischa eine wilde Liebesnacht durchleben, schläft Marlies vollständig bekleidet in den Armen der männlichen Hauptfigur ein, die an das Schneefegen am kommenden Morgen denkt und dennoch ein emotional bewegendes Gefühl erlebt. Der junge Mann fühlt „einen Puls unter ihrem Puls, ein zarterer, und auch der schien ein leises Echo zu haben“.
Ein Gestrandeter besonderer Art ist auch der ehemalige Bauleiter, den es im Text „Der Hunger der Vergesslichkeit“ nach Scheidung und Zwangsversteigerung einer Villa von Düsseldorf nach Berlin verschlägt, wo er einen neuen jungen Liebhaber findet. Um gleichgeschlechtliche Liebe geht es latent auch in „Othello für Anfänger“. Dieser Erzählung ist auch der Buchtitel entlehnt, der in einer Verwechslung von Hünen und Hühnern seinen Ursprung hat. In diesem Text zieht Rothmann alle Register seines Könnens, mischt Humor, aphoristische Schärfe und ausgefallene Metaphorik mit einer in tragikomische Sphären abdriftenden Handlung.
Die Ich-Erzählerin, die im Schultheater die Desdemona spielte, gerät in emotionale Turbulenzen, weil ihre Mitschülerin, eine ausgebuffte Gewohnheitsdiebin, mehr als nur ihre gute Freundin sein möchte. Es hat schon einen stark theatralischen Touch, wenn Rothmann die Protagonistin beim Urinieren den letzten Vers ihrer Rolle rezitieren lässt: „Töte mich morgen, lass mich heute noch leben.“ Am Ende zerbricht sogar die Freundschaft zwischen den Abiturientinnen. „Du kannst etwas nicht ausdrücken - aber das sagst du so umwerfend, dass es keine Rolle mehr spielt.“
Das alltägliche Scheitern hat der 59-jährige Ralf Rothmann (Foto) ins Zentrum seiner Texte gerückt, ob an der Seite eines gestressten Paares in einem japanischen Kloster oder in der Erzählung „Alte Zwinger“ im Dunstkreis der Zeche Prosper. Hier kehrt der Heinrich-Böll-Preisträger des Jahres 2005 erzählerisch in die 60er Jahre zurück, in das Ruhrgebiet seiner Kindheit und zu den Handlungsschauplätzen seiner Romane „Wäldernacht“ (1994), „Milch und Kohle“ (2000) und „Junges Licht“ (2004). Jede Form der nostalgischen Verklärung hat sich Rothmann an dieser Stelle gottlob verkniffen.
Hier und da hat der Autor allerdings poetisch auch etwas über die Stränge geschlagen, und seinen Formulierungen ist dann das Ringen um Originalität anzumerken, etwa - wenn es über einen Friseurbesuch heißt: „Während die Schere um meine Ohren zwitscherte...“
Aber das ist nur von marginaler Bedeutung, denn nachhaltig im Gedächtnis bleiben nach der Lektüre Rothmanns präzise Beobachtungen, sein sensibler Blick in die Grauzonen der Psyche und für die kleinen Verletzungen der menschlichen Herzen. Ein wunderbar leises Buch, das das Gespür für Zwischentöne schärft.

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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