Bochumer Autorin Andrea Behnke würdigt in neuem Kinderbuch Else Hirsch
Erinnerung an eine stille Heldin

Andrea Behnke mit ihrem Buch an der Stele der Erinnerung an der Huestraße/ Ecke Dr.-Ruer-Platz, die an die jüdischen Kindertransporte aus Bochum erinnert - und an die Lehrerin Else Hirsch. | Foto: Andreas Molatta
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  • Andrea Behnke mit ihrem Buch an der Stele der Erinnerung an der Huestraße/ Ecke Dr.-Ruer-Platz, die an die jüdischen Kindertransporte aus Bochum erinnert - und an die Lehrerin Else Hirsch.
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„'Die Verknöpften' sind für mich ein besonders wichtiges Projekt – eine Herzensangelegenheit“, erzählt die Bochumer Autorin und Journalistin Andrea Behnke über ihr soeben erschienenes Kinderbuch, das sich an Leser ab zehn Jahren richtet. Es geht in dem Roman um drei jüdische Kinder im Bochum der späten 1930er Jahre, in deren Leben die gütige Lehrerin Ilse Hirschberg eine wichtige Rolle spielt. In Ilse Hirschberg ist Else Hirsch, nach der in Bochum inzwischen eine Straße und eine Schule benannt und der ein Stolperstein und eine der Stelen der Erinnerung gewidmet sind, unschwer zu erkennen.

Doch halt: Auf dem Buchcover sind doch vier Kinder zu sehen. Es handelt sich um Minna, Liselotte und die Nichtjüdin Hildegard, die sich selbst als „Verknöpfte“, also als unzertrennlich, beschreiben, und ihren Freund Leon, dem Liselotte später ein besonderes Geschenk macht, das ebenfalls mit Knöpfen zu tun hat. Der Nationalsozialismus überschattet die fröhlichen Spiele und die Freundschaft der Kinder mehr und mehr. Neben ihren Eltern bzw. Großeltern haben Liselotte, Minna und Leon bald nur noch ihre Lehrerin Ilse Hirschberg als Bezugsperson.
Während Liselotte, Minna und Leon fiktive Figuren sind, hat Fräulein Hirschberg mit Else Hirsch ein reales Vorbild. „Ich habe schon vor etlichen Jahren Texte über bedeutende Frauen der Bochumer Geschichte für die Homepage der Stadt verfasst“, erinnert sich Andrea Behnke, „und vor allem das Schicksal von Else Hirsch hat mich nicht losgelassen.“

Schleichender Prozess der Entrechtung

Else Hirsch, Lehrerin an der jüdischen Schule, wirkte in einer Zeit, als das Leben der Juden nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten zunächst massiv eingeschränkt und schon bald immer unverhohlener bedroht wurde. Andrea Behnke schildert das im Nachwort zu „Die Verknöpften“. Für jüdische Kinder war es besonders schmerzlich, nicht mehr ins Freibad oder in den Sportverein gehen zu dürfen. Zudem wurden sie zum Wechsel an die jüdische Schule gezwungen.
In ihrem Roman beschreibt Andrea Behnke die fortschreitende Entrechtung der Juden: Jüdische Familien werden wirtschaftlich isoliert und Parkbänke sind mit der Aufschrift „Nur für Arier“ versehen. Der kleine Leon, der nach dem Tod seiner Eltern bei seiner Großmutter in ärmlichen Verhältnissen lebt, erfährt die Gewalt gegen Juden am eigenen Leib. Liselotte erlebt das Pogrom vom 9. November 1938 hautnah mit.

Unermüdliche Helferin

Bedenkt man dies, wird verständlich, warum sich die Lehrerin Else Hirsch, 1889 in Mecklenburg-Schwerin geboren und seit 1926 in Bochum zu Hause, entschloss, jüdischen Bochumer Kindern den Weg ins Ausland zu ermöglichen. Auch im Roman „Die Verknöpften“ spielt dies eine Rolle. Bis August 1939 gingen insgesamt elf Züge mit Kindern aus Bochum nach England und Holland. Für die Kinder bedeutete dies die Trennung von ihren Eltern und anderen Angehörigen.
Else Hirsch und andere unermüdliche Helfer konnten auf diesem Weg aber dazu beitragen, dass eine Reihe jüdischer Kinder aus Bochum den Holocaust überlebten.

In Riga ermordet

Else Hirsch selbst konnte sich nicht mehr vor dem Zugriff der Nationalsozialisten retten: Sie wurde ins Ghetto Riga verschleppt und dort ermordet. Ihr literarisches Gegenstück Ilse Hirschberg tritt im Prolog und Epilog von „Die Verknöpften“ als unermüdliche Helferin im Ghetto auf, die Kinder unterrichtet und die Schwächsten mit warmen Getränken versorgt. Ihre Schüler Liselotte, Minna und Leon sind auch zu dieser Zeit noch in ihrer Erinnerung präsent.
Im Hauptteil des Romans sind allerdings die drei jüdischen Kinder die wichtigsten Figuren. „In einem Kinderbuch“, begründet Andrea Behnke diese Entscheidung, „sollten Kinder die Hauptrolle spielen.“ Dennoch wacht Ilse Hirschberg stets im Hintergrund über das Wohlergehen der Kinder und ihrer Angehörigen – und diese Hilfsbereitschaft und Fürsorge werden im Prolog und Epilog noch einmal deutlich.

Beeindruckende Lektüre

Es ist dieses Ineinandergreifen von Inhalt und literarischer Form, das den Roman „Die Verknöpften“ zu einer so beeindruckenden Lektüre macht. Historische Fotos, ein Glossar und ein Nachwort der Autorin runden die Sache ab. Ein Glücksfall sind dabei die Illustrationen der in Israel geborenen und heute in Großbritannien lebenden Künstlerin Inbal Leitner. „Inbal Leitner und ich haben uns bei regelmäßigen Videokonferenzen ausgetauscht und so ergänzen sich Bild und Text wirklich wunderbar“, gibt Andrea Behnke Einblick in den Arbeitsprozess. Erschienen ist das Buch im Berliner Ariella-Verlag, der sich in seinem überwiegend auf Kinder und Jugendliche ausgerichteten Programm mit den verschiedenen Facetten jüdischen Lebens auseinandersetzt und im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet wurde.

Pläne für eine Zukunft ohne Corona

Andrea Behnke, die für die nähere Zukunft ein Bilderbuch, eine Selbstlesegeschichte für Leser ab acht Jahren und Beiträge für den Hörfunk plant, hofft auf eine Zukunft ohne Corona: „Natürlich möchte ich das Buch auch gern bei Lesungen vor Publikum präsentieren, wenn das wieder möglich ist. Mit früheren Büchern war ich öfter in Schulen und Büchereien zu Gast. Da möchte ich auch aus 'Die Verknöpften' lesen, aber bei diesem Buch könnte ich mir auch Veranstaltungen im Stadtarchiv, in Gedenkstätten oder Museen vorstellen.“
In jedem Fall sind dieser sensibel erzählten Geschichte viele Leser zu wünschen. Und es sei eine Prognose gewagt: „Die Verknöpften“ werden in Zukunft bei vielen Lesern den Umzug vom Kinder- ins Jugendzimmer antreten, um auch dort einen Ehrenplatz im Regal einzunehmen – und die Menschen auch in ihrem weiteren Leben begleiten.

Das Buch
Andrea Behnke: Die Verknöpften. Ariella-Verlag (ISBN 978-3-945530-33-7 ).

Autor:

Nathalie Memmer aus Bochum

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