AK 2012 | Tor 16: Ich töte Schneemänner.

„I’m dreaming of a white Christmas“ ist einer der üblichen Weihnachtsgassenhauer, vertont von Bing Crosby. Solche Träume sind schlicht und einfach Albträume. Im Grunde bedeutet es ja, daß überall zur Weihnachtszeit Schnee liegen soll. Da scheiden sich die Geister. Die Hater verfluchen ihn, da sie nicht ohne Steißbeinprellung zur Arbeit gelangen oder gar mit der Bahn fahren müssen und dabei unendliche Minuten lang aus Platzmangel heraus auf dem Schoß einer Oma sitzen müssen. Die anderen lieben den Schnee, weil sie aufgrund von Urlaub, Arbeitslosigkeit, Schwangerschaft, Steißbeinbruch usw. nicht zur Arbeit müssen. Oft vergeht schnell die Freude am der weißen Pracht schnell, weil Schnee nicht lange Schnee bleibt, sondern fix zum grauen Matsch mutiert.

Die Kinder haben, solange wir noch vom Schnee reden, ihren Heidenspaß, denn schliesslich können sie Schlittschuhlaufen, Rodeln, Schlittenfahren und kleine gemeine Dinge wie Ninja-Sterne in Schneebälle bzw. Matschbälle einbauen. Doch neben diesen brutalen Schneeballschlachten entstehen mitunter auch wahre Kunstwerke aus Schnee. Damit meine ich nicht Vornamen, die scheinbar in einem Rutsch in den Schnee gepinkelt wurden („Sean-Andrew was here“), sondern kreative Ausbrüche, die aus dem Medium Schnee entstehen können. Moderne Kunst (z.B. eine Picasso-Interpretation aus unzähligen Eisklumpen und mehreren Calippos) oder auch künstlerische Gesellschaftskritik (z.B. schmilzende Eiszapfen, die alle zusammen ein großes Arbeitsamtsymbol bilden). Einfachere Gemüter oder nostalgisch veranlagte Kinder bauen aber immer noch klassische Schneemänner mit Karotte und Zylinder oder Iglus und machen einen auf Eskimo.
Diese Schneemänner üben jedoch leider zu oft einen fiesen Reiz auf mich aus. Ich gebe es offen zu: Ich lasse meine Agressionen an Schneemännern aus. Ich schlage denen die Gliedmaßen ab, ramme ihnen die Karotte ins Hirn, steinige und enthäupte sie schliesslich. Dafür nehme ich natürlich vorzugsweise fremde Schneemänner, von Kindern aus der Nachbarschaft liebevoll in mühevoller Arbeit errichtet. Nur wenn es ganz dringend ist, baue ich mir selbst einen, auf den ich dann aber nicht ganz so brutal einschlagen kann. Schließlich steckt da auch ein Teil von mir drin – und so selbstzertörerisch bin ich dann doch nicht veranlagt.
Also kleiner Tipp für die Schneezeit und laue Feiertage: Wenn die anstehenden Verwandtenbesuche einem über den Kopf wachsen, einfach mal ein Foto von der Schwiegermutter oder der betreffenden Person auf den Schneemann packen und seiner Fantasie freien Lauf lassen. Sie fühlen sich wie neugeboren.

Autor:

Oliver Peters aus Dinslaken

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