Minipli und meine Oma Dinslaken

Denke ich an meine Oma, rieche ich den typischen, leicht modrigen Geruch alter Häuser. Meine Großeltern lebten während meiner Kindheit in einem großen, alten Haus in Dinslaken. Es gab weder ein Badezimmer, noch einen Elektroherd oder gar eine Heizung. Aber dafür samstags eine Zinkbadewanne in der Küche, einen alten Kohleherd, einen Kohleofen im Wohnzimmer und ein Plumpsklo. Und ganz viel Gemütlichkeit.

Das Grundstück reichte bis an die Bahngleise und der Garten war durch den grünen Daumen meiner Oma ein Paradies. Wie oft habe ich mit meiner Freundin in der Laube mit alten Kleidern verkleiden gespielt, wie oft sind wir durch den Garten getollt.

Meine Oma war eine tolle Frau. Fleißig, mutig, zuverlässig, fürsorglich und vor allen Dingen mit dem Hausfrauen-, Garten- und Handarbeitsgen gesegnet.
Den Namen Oma Dinslaken hatte sie von meiner Mutter zur besseren Unterscheidung meiner beiden Großmütter.

Die Besuche bei meiner Oma waren vor allem im Sommer eine Kette wunderbarer Tage für mich. Morgens aufstehen, Zähneputzen und Katzenwäsche in der Küche, vor dem Frühstück die Zöpfe geflochten bekommen, Kleid an, Schürze davor, fertig war das Kind.

Das Brot zum Frühstück war frisch gebacken, die Marmelade selbst eingemacht, und die Eier von den eigenen Hühnern. Nach dem Frühstück lief ich meistens über den Hof zu meiner Patentante. Das war echt praktisch, da meine Patentante, ihr Mann und ihre Mutter im Nebenhaus wohnten und ich entweder nur über den Hof, oder durch das Treppenhaus laufen musste.

Danach mal eben schauen, ob meine Freundin von gegenüber Zeit hatte, oder der Sohn der Nachbarn, der auch gerne mal das Verbot des Spielens auf den Bahngleisen ignorierte. Zu dieser Zeit fuhren die Züge noch mit Kohle und wir sahen schon von weitem die Rauchsäule. Dann durch die Brennnesseln wieder zurück in den Garten und ganz unschuldig tun.
Zwischendurch immer mal wieder ein Abstecher in die Küche, in der es immer gut roch. Hier wurde gekocht und gebacken, dass es eine Freude war.

Oft sind meine Oma und ich auch in das kleine Lebensmittelgeschäft gegangen, welches genau gegenüber lag. Oder wir sind in die Stadt gelaufen. Unter anderem zum Wall Kaufhaus. Noch heute weiß ich, wie es dort ausgesehen hat.

Gegen Abend, meistens am Wochenende, kam dann die große Stunde der Männer. Unter einem wundervollen großen Baum, schön im Schatten, spielten mein Opa, mein Patenonkel und einige der Nachbarn ihr Lieblingsspiel Skat. Da lag ich unter meinen Kuscheldecken auf einer Liege und bin bei „18, 20, 2, Kontra, Re, Schneider“ langsam aber sicher jedes Mal eingeschlafen.
Wie kann ein Tag so schnell vergehen? Manchmal hatte ich das Gefühl, gerade erst aufgestanden zu sein, als ich auch schon wieder im Bett lag. Unter einem Oberbett, so dick, dass ich beinahe darin verschwunden bin. Und soooooooooo kuschelig.

Leider ging der Traum nur bis zu meinem neunten Lebensjahr. Meine Großeltern haben das Haus wegen einer Erbangelegenheit verkauft, und wohnten danach mit in dem Haus meiner Eltern.
Erst in dieser Zeit habe ich bewusst wahrgenommen, dass meine Oma zu allem einen Spruch hatte. So gut wie nichts blieb von ihr unkommentiert. Als ich in die Pubertät kam, nervte mich das manchmal schon.

Zu dieser Zeit hatte ich lange, glatte Haare, wie so viele junge Mädchen Mitte der 70er Jahre. Doch dann viel mir unglückseligerweise eine Zeitschrift in die Hände mit dem Modetip ‚letzter Schrei - Minipli.'
Ab zum Friseur. „Haare kurz und Minipli“. Die Friseurin ist beinahe in Ohnmacht gefallen. Aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

Danach hatte ich fast die gleiche Frisur wie meine Oma und meine alten Tanten. Es war einfach nur grauenhaft. Meine arme Mutter hat erst einmal nach Luft geschnappt und dann laut aufgeschrieen als sie mich das erste Mal mit meinen neuen Löckchen gesehen hat.

Dann kam meine Oma zur Türe herein. Ein kurzer Blick und dann der Spruch.
„Mädchen mach dir Locken, sonst bleibst du hocken." Ich wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte. Aber Haare wachsen ja wieder.

Und heute kann ich herzlich darüber lachen.

Autor:

Petra Tollkoetter aus Dinslaken

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