Ein Armbruch ist kein Beinbruch

Es ist Mittwochnachmittag – seit Tagen schon freue ich mich auf den Film „All is lost“mit Robert Redford. Er spielt in diesem Film als einziger Protagonist einen Schiffbrüchigen auf hoher asiatischer See.

In meinem Lieblingskino sind die letzten beiden Reihen erhöht, über eine Stufe betritt man sie und sinkt erwartungsvoll in seinen Sitz.

Gebannt schaue ich eineinhalb Stunden in Robert Redfords wunderschönes gereiftes Gesicht, frage mich ob seine Haare wohl gefärbt sind und leide mit ihm mit beim offensichtlich vergeblichen Kampf ums Überleben.

Stürme, Orkane, Monsterwellen, Haie, vorüber eilende Schiffe, die den Hilflosen einfach ignorieren Es ist furchtbar ! Am Ende sinkt er in die tiefe See, taucht nochmal hoch und wir fragen uns, ob das in der Ferne schemenhaft zu sehende Schiff ihn rettet oder ob es das Schiff des Todes ist, welches dem Film zumindest hier ein Ende bereitet.

In völliger Trance erhebe ich mich als erste am Rand Sitzende, trete aus der Reihe, vergesse die Stufe und fliege im hohen Bogen mit einem klatschenden Aufprall zu Boden – der linke Arm knallt an die Wand. Totenstille - Schock ! –
Ich begreife es nicht, will nie mehr aufstehen – und kann es auch nicht.

Hilfreiche Arme helfen mir auf den Kinositz. Mir wird schwarz vor Augen. Ist es das Ende ?
Wasser wird mir gereicht- es wird nicht besser. Ohnmacht lauert im Hintergrund.
Ich soll mich auf den Boden legen, sagt der freundliche Herr vor mir. Mir ist schlecht, es bleibt keine Wahl. Ich sinke zu Boden. Hilfreiche Hände legen die Beine hoch, fühlen den Puls, betasten die Schulter.
„Der Arm ist luxiert“, höre ich eine Stimme. Bin ich schon im Krankenhaus ?

„Haben Sie keine Angst“, sagt die junge Frau zu mir, „wir sind hier alles Ärzte und helfen Ihnen“.
Trotz aller Schwäche überlege ich, warum in diesem Film so viele Ärzte sind. Wollen sie Schiffsarzt werden bei Weltumseglungen ? Wollen sie selber weg segeln, weil sie immer mehr budgetiert werden und das Gesundheitswesen am Boden liegt ? Was ich mir da unten auf dem Kinoboden für Gedanken mache ! Wie neugierig der Mensch im Unglück sein kann ! „Ist das hier denn ein Ärztefilm ?“ röchele ich mit letzter Kraft. Als sei es kurz vor der Benommenheit wichtig, so was zu wissen.

„Nein“, lautet die Antwort „aber heute ist Mittwochnachmittag und da haben die Praxen geschlossen und da gehen die Ärzte schon mal gerne ins Kino“, werde ich aufgeklärt.
Das finde ich cool und während des Wartens auf den Krankenwagen danke ich dem lieben Gott, das ich zum einen nicht Robert Redfords Mitseglerin war und zum anderen das Glück hatte, vor so vielen Medizinern zu verunglücken.

Als ich auf der Bahre nach draussen getragen werde, höre ich die auf die nächste Vorstellung wartende Menge raunen: „Mein Gott, was muss das ein furchtbarer Film sein – sie ist zusammen gebrochen...“ Ich kann mir ein inneres Schmunzeln nicht verkneifen.

Krankenhaus – Röntgen – Armbruch links diagnostiziert – vier Wochen Leibchen tragen mit Arm drin ohne Gips – Entschleunigung.

Ein Armbruch ist kein Beinbruch – ich kann gehen, denke manchmal daran, das Hühner schlechter dran sind, weil sie noch nicht mal einen einzigen Arm haben.

Ich fange an zu essen, wie die Urmenschen – bestelle rheinische Muscheln im Restaurant und puhle sie mit der Hand raus statt mit einer leeren Muschel in der linken Hand. Ich besudele den Tisch, als es an die im Sud liegenden Muscheln geht. Ich bin ein Ferkel, besabbele meine Bluse und geniesse den Ausnahmezustand von Anstand und vom heimischen Kochherd.

Ich verlangsame meinen Rhythmus, sage Termine ab, schaue für Kluge verbotene TV-Sendungen, wie den Bachelor und komme auf Grund der vielen Muße die ich nun habe zu dem Schluss, das der Bachelor schwul sein muss. Man läßt ja einen trinkfreudigen Schauspieler auf der Bühne auch nicht echten Whiskey trinken, wenn die Rolle es verlangt – nein, der bekommt Tee und spielt den Besoffenen. Wäre der Bachelor mit „echtem Whiskey“ angefüllt, wie wollte er die Massen an Fleisch verkraften, die ihm weich und rund entgegen rollen ?

Ohne Armbruch wäre mir das im Leben nicht aufgefallen – ohne Armbruch gäbs keinen Bachelor, keine Entschleunigung, keine Mozartkugeln, keine Biografie von Richard Burton, keine Freikarte für die Oper, keine Einladung zum Kuchen all you can eat, kein Besuch aus Berlin, keine Mehlknödel, keine doofen TV-Sendungen, keine virtuellen Küsse aus fernen Landen, keine Dankbarkeit für das wichtigste im Leben – die Gesundheit !

Autor:

Karin Michaeli aus Düsseldorf

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