Kentzler: „Wir müssen um den Nachwuchs kämpfen!“

Otto Kentzler, Präsident des ZDH | Foto: ZDH
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11.000 Ausbildungsplätze bleiben 2011 unbesetzt. Viele Betriebe im Handwerk haben Nachwuchssorgen. Im Interview mit dem Handelsblatt (22. Dezember 2011) appelliert ZDH-Präsident Otto Kentzler an die Handwerksmeister, gut ausgebildete junge Leute im Handwerk zu halten und um den Nachwuchs zu kämpfen.

Handelsblatt: Wie stark trifft der Wegzug von jungen Deutschen ins Ausland auch das Handwerk?

Kentzler: Den „Brain-drain“ kennen wir nicht nur in akademischen Berufen. Gesellen und Meister mit einer Ausbildung im Deutschen Handwerk sind weltweit hoch angesehen. Die Nachbarstaaten innerhalb der EU werben seit Jahren intensiv um unsere gut ausgebildeten Fachkräfte. Aber auch deutsche Großunternehmen aus Industrie und Dienstleistung sind daran interessiert. Mein Appell an die Handwerksmeister: Wir haben im Handwerk keine Fachkräfte zu verschenken. Halten Sie diese Fachkräfte im Handwerk – wir brauchen sie.

Was können sie tun, um die massive Abwanderung zu stoppen?

Kentzler: Mit großen Scheinen können und müssen Mittelständler nicht winken. Eine Untersuchung hat ergeben, dass gut ausgebildete junge Leute im Handwerk bleiben, wenn das Team stimmt, also das Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten, und wenn sie berufliche Perspektiven erhalten. Daran arbeiten wir. Mit gezielter Weiterbildung nach dem Berufslaufbahnkonzept des Handwerks können sie die Karriere-Leiter erklimmen oder sich auf die eigene Selbständigkeit vorbereiten. Für Eltern engagieren sich immer mehr Betriebe bezüglich Krippen- und Kita-Plätzen. Frauen finden gerade in kleineren Betrieben leichter flexible Einsatzmöglichkeiten – ob als Fachverkäuferin oder Managerin. Beides hilft, Familie und Beruf zu vereinbaren.

Klingt gut, aber wirkt das auch?

Kentzler: Es funktioniert bereits: Der Anteil der Frauen bei den erfolgreichen Meisterprüfungen hat sich innerhalb von 20 Jahren verdoppelt.
Dennoch bildet nur jedes zweite Unternehmen in Deutschland aus…
Kentzler: Das Handwerk hat mit rund 9 Prozent immer noch eine Ausbildungsquote, die mehr als doppelt so hoch wie in anderen Wirtschaftszweigen liegt. Unser Problem ist es mittlerweile, dass allein in diesem Jahr rund 11.000 Ausbildungsplätze nicht besetzen werden konnten.
Wir müssen um unseren Nachwuchs kämpfen wie die Löwen! Viele Handwerksmeister haben längst die Initiative ergriffen. Beispielhaft nennen möchte ich einen Dachdeckermeister aus Neumünster (Schleswig-Holstein), den wir 2011 als besten Ausbilder ausgezeichnet haben. Für schwächere Schüler der Region organisiert und bezahlt er Praktika und Nachhilfe, damit sie einen ordentlichen Schulabschluss schaffen. Viele dieser Jugendlichen lernen anschließend in seinem Betrieb – und erreichen dort dank der exzellenten Ausbildung Spitzenresultate bei Gesellen- und Meisterprüfung.

Warum gelingt es nicht, im Gegenzug mehr Handwerker aus dem Ausland nach Deutschland zu holen?

Kentzler: Aus den EU-Ländern arbeiten schon einige zehntausend als Handwerker in Deutschland, meist als Selbständige. Bewerbungen von Facharbeitern, beispielsweise aus Spanien, wo viele Kräfte aus den Bauberufen arbeitslos sind, sind willkommen. Bisher sind jedoch vor allem Akademiker so mobil, dass sie sich in Deutschland bewerben.

Warum gelingen nicht mehr Einstellungen?

Kentzler: Bei der Einstellung sind die bisher unterschiedlichen Ausbildungsstandards ein Problem. Das neue Anerkennungsgesetz wird den Betrieben und den Bewerbern ab 2012 mehr Sicherheit geben. Wo es Qualifikationsdefizite gibt, wollen die Handwerkskammern künftig gezielt ein Angebot zur Nachschulung zum Gesellen oder Meister machen.

Das Interview führte Daniel Goffart

Quelle: ZDH

Zu Handwerksthemen finden Sie ebenfalls Beiträge unter http://malerillu.de. , dem Online Magazin der Maler- und Lackierer-Innung Düsseldorf sowie unter http://malerdüsseldorf.de und http://energie-und-fassade.de

Autor:

Heiner Pistorius aus Düsseldorf

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