Vom Innenhafen zum Innenhafen
Duisburger Straßen

Küppersmühle, Duisburg Innenhafen 1966, auf Oppas Schiff
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  • Küppersmühle, Duisburg Innenhafen 1966, auf Oppas Schiff
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Ich kann auf dem Wasser laufen!!! Na gut, zwischen dem Wasser und mir ist etwas Stahl, Oppas Frachtschiff liegt vor der Küppersmühle, Innenhafen Duisburg, 1966, ich lerne gerade Laufen. Oppa hält mich fest, aber ich laufe, unter mir ist das Wasser meiner ersten Duisburger Straße, des Wegs zum Rhein über Innen- und Außenhafen.

Ich kann nichts mehr sehen!!! Jetzt kommt Hamborn Provinzialstraße, sagt Omma, gleich sind wir da. Gut, wo man fast nichts mehr sieht, ist man fast am Ziel, auch eine Form der Orientierung, hier in der Straßenbahn nach Marxloh, da will Omma ihre beste Freundin besuchen, wo viele, ganz viele Leute durch dicke, rußige, miefige Luft laufen. Nicht gerade mein Geschmack, ich bin ein Landei von fünf Jahren, na gut, es gibt lecker Plätzkes bei Ommas Freundin, Pluspunkt für die Mansarde im ersten Stock in der Dahlstraße, wo wir schließlich ankommen.

Ich muss mal, wann sind wir endlich da!!? Meine Zweitklässlerblase platzt! Hat diese doofe Straße auch mal ein Ende, sind wir endlich beim Zoo und wo, bitteschön, ist da das Klo? Mehr als eine halbe Stunde Busfahrt liegt hinter uns, bis endlich der Bus vorm Duisburger Zoo parkt, mit dem Zug nach Duisburg ist eindeutig angenehmer; Im Sommer fahre ich mit Omma und Oppa immer in die DDR, der Interzonenzug mit Dampflok vorne wartet im Morgendämmer des Duisburger Hauptbahnhofs, der Weg da hin ist in etwa so wie jener mit der Tram nach Marxloh: Ab Sterkrade herrscht dicke Luft und es müffelt übel, ach was, es stinkt, das sind die Fabriken da draußen, sagt Oppa.

Irgendwas stinkt immer, mir jedenfalls. Maloche zum Beispiel. Ich bin 16, Lehrling, jeden Morgen geht es auf die B8 in den Duisburger Norden und weiter durch die ganze Stadt, auf das Armaturenbrett sind viele gelbe Zettel gepinnt, die Aufträge, meistens hat der Meister „1 Rep.“ drauf gekritzelt, „Rep.“ wie „Reparatur“. Bei alten Ommas in Röttgersbach oder Alt-Walsum kaputte Fensterscheiben auswechseln, Füße abtreten, junger Mann, Schuhe ausziehen, junger Mann! In Meiderich gibt´s immer wenig Trinkgeld, drüben in Homberg wartet ein ganzer Rohbau auf Fensterscheiben, der Meister setzt mich und den Gesellen da ab, geh´ ersma Bier holen, Junge, spricht mich ein Maurer an, in der Mittagspause sind die Jungs alle ziemlich breit. Auch so lerne ich Duisburgs Straßen kennen – über ihre Trinkhallen.

Wieder die B8 entlang, geht es zum Bahnhof Neumühl, aber nicht im weißen Bulli des Meisters, sondern in einem knallbunt angemalten, verkifften 1969er VW-Bus. 1981, der alte Bahnhof ist instandbesetzt, wenn es was zu demonstrieren gibt, sind wir Langhaarigen vor Ort. Der Bahnhof soll geschlossen oder abgerissen werden oder beides, wer weiß das schon so genau, Hauptsache, wir sind dagegen! Ich werde immer Duisburg-kundiger. Es gibt ein „Esch-Haus“ in der City, wo wir Anarchos uns austoben, ein „Old Daddy“ zum Zappeln obendrein, als die Straßen noch Nachtleben haben und fernsehkrimitauglich sind. Nach Hause geht´s die 59 längs, Wegweiser „Milchtüte“, der Beton-Werbeträger einer Molkerei am Innenhafen, genau da, wo Oppas Schiff mal vor Anker lag. Zur nächsten Demo geht´s auf der 42 übern Rhein, Solidaritätskonzert für die Kruppianer, die Toten Hosen sind auch da, 1988.

Ich bin ein später Student, 29 im ersten Semester, aber Frühaufsteher bei den Jobs. Die Duisburger Straßen führen mich nach Rumeln, Ruhrort - und Huckingen. Archäologischer Helfer im Ruhrgebiet bin ich, da gräbt man nach eisenzeitlichen Duisburgern, an der Landstraße, wo Rolf Milser sein Hotel baut. Gebaut wird `95 auch im Innenhafen, umgegraben wird das ganze Ding, die „Milchtüte“ ist schon weg, Schiffe machen keine mehr fest vor der Küppersmühle. Zwischen den Gebäuden legt man Grachten an, unser Archäologieteam buddelt vorher da rum, ich bin, wo ich vor 30 Jahren schon mal war, am Philosophenweg. Zu entdecken gibt´s in dem Schlick hier gerade mal ein paar alte Uniformknöpfe, aber ich bin hier ja nun wirklich zu Hause, hier am Wasser, auf dem Wasser, auf den Straßen, zu entdecken gibt´s in Duisburg überall was.

„Feuer und offenes Licht verboten“ steht im Innern des alten Malakowturms geschrieben, Homberg, Zeche Rheinpreußen, seit 1879 steht er da. Auf der Güntherstraße im Dellviertel wirbt, 2000 noch sehr gut sichtbar, die FRITZ IDE ZUCKERWARENFABRIK aus der Kaiserzeit. Manche Verlautbarungen halten sich hier, scheint es, ewig. Noch 2005 findet sich gut lesbar ein handgemaltes 70er-Jahre-Graffito SCHLUSS MIT DEM VIETNAM-KRIEG an der Wand einer alten Zechenbude in Marxloh, 2019 ist es noch immer schattenhaft vorhanden. Ein paar Straßen weiter prangt ein Transparent von 1976 an der Mauer des ehemaligen Bergwerks Friedrich Thyssen: DAS REVIER STIRBT UND BONN SCHAUT ZU. Auf der Krummacherstraße im Dellviertel fordert ein Stück Streetart noch 2002 zum Boykott der Volkszählung von 1983 auf. Am Bahnhof Neumühl, heute Etablissement für gewisse Bedürfnisse, morgen schlichtes Wohnhaus, sind noch immer Anti-Atomkraft-Symbole der Spontis von `82 zu finden. Im Marxloher Kult-Imbiß „Peter Pomms Pusztettenstube“ hängen gerahmte, handsignierte Polaroids von Götz „Schimi“ George und Eberhard Feik alias Thanner leicht verblasst über den Fritten. In Neuenkamp findet man um 2004 `rum noch den wahrscheinlich letzten Duisburger Pferdemetzger, beim A-40-Picknick im Kulturhauptstadtjahr kriegt man vieles zu sehen, das Appetit macht, auch wenn man´s nicht essen kann. Mit den Bauchtänzerinnen von Leyla Jouvana würde man jedenfalls an normalen Tagen gern freiwillig im Stau auf dem Ruhrschleichweg stehen.

Ein Volkslied ist an einer Kreuzung in Bissingheim verewigt. AM BRUNNEN heißt die eine, VOR DEM TORE die andere Straße. Ein anderer Pfad wird wenig charmant von manchen Leuten „Talibahn“ gescholten, die Route der Straßenbahn 903. An der Hermannstraße in Walsum heißt ein ganzes Quartier im Volksmund „Micky-Maus-Siedlung“, da steht ein großes Tabernakel von 1947, Jesus am Kreuz, verwittert, verängstigt vor einem verrotteten Weltkriegsbunker, so als fürchte er noch immer den nächsten Fliegeralarm, bis selbsternannte Künstler ihn poppig-bunt, zur Mickymaus kaputtlackieren. In Bruckhausen spielt an einer Fassade eine Art Madonna Mandoline bis die Bagger kommen, ein Hermes wacht in Marxloh über dem Eingang einer Bank über Geld, das da längst nicht mehr fließt, in Wedau warten ausgetrocknete Wassertürme auf längst verschrottete Lokomotiven, die auch am Trajektturm in Homberg nicht mehr gesichtet werden. Auf dem Theo-Barkowski-Platz in Laar spielen vor einem Bunker bis zu dessen Abriss Kinder Straßenfußball so wie wohl auch vor der Kirche in Beeckerwerth, in deren Fensterchen überm Portal immer wieder Bälle kleben bleiben.

Ein Landei von mehr als zehn mal fünf Jahren, stehe ich staunend vor einem engen Fußgängertunnel, den ich mit 21 zum ersten Mal fand, er durchquert eine alte Eisenbahntrasse. Irgendein Arschloch hat über seinem Eingang Hakenkreuze gesprayt, damals stand darüber TUNNEL OF LOVE. Kann man eine Stadt lieben? Vor die Frage gestellt, ob mir „meine“ Stadt auch nur gefällt, kommen mir interessante Dinge in den Sinn, die Baerler Turmmühle, die Marxloher Bauhütte, die Kiebitzmühle, die „Traumzeit“ im LaPaDU, das schnuckelige Folkfest am Bergheimer „Tempel“, der von Omma so sehr verehrte Hochfelder Tenor Rudolf Schock, die bedrückend aufragenden Luftschutzbunker des Duisburger Ingenieurs Winkel, die noch in Wedau, Hamborn und auf dem Krupp-Mannesmann-Gelände stehen, die Homberger Binnenschifferschule, Tiger & Turtle, Lehmbruck, Gerhard Richters U-Bahn-Design, die Mafia-Toten des Restaurants „Da Bruno“ und der Loveparade – an Tunneln kommt man in Duisburg schließlich ebenso wenig vorbei wie an Brücken. Über dem Innenhafen steht jene nach wie vor, von der aus man früher auf der Heimfahrt von der Disko die „Milchtüte“ sah, die dort stand, wo ich auf Oppas Schiff das Laufen lernte. Von allen Duisburger Straßen, die ich schon befuhr, ist mir diese noch immer die liebste, diese paar Kanalkilometer vom Innen- zum Außenhafen und zum Rhein, denn wie sang Udo Lindenberg einst in seinem „Monakko“-Lied:

Die beste Straße unserer Stadt,
die führt aus ihr hinaus.

Jens E. Gelbhaar 2019

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