Nur wegen Corona abgesagt?
Warum soll die Ruhrtriennale nicht Corona-gerecht durchgeführt werden können - beim Klavierfestival Ruhr geht es doch auch?!?

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Angesichts der Auseinandersetzungen um den Politikwissenschaftler Achille Mbembe aus dem Kamerun fällt es schwer zu glauben, die Ruhrtriennale sei wegen der Corona-Pandemie abgesagt worden. Folgende Punkte sollten zu denken geben:

  • Das Klavierfestival Ruhr wird jetzt verschoben und ab dem 30.8.2020 coronagerecht durchgeführt
  • Bereits seit dem 16.Mai spielt die Bundesliga wieder – wenn auch noch mit „Geisterspielen“
  • Die Rücknahme der Corona-bedingten Schließungen und Stilllegungen in der Gastronomie, im Reiseverkehr und vielen anderen Bereichen werden gerade von Seiten der Landesregierung NRW zügig vorangetrieben
  • Die Intendantin Stefanie Carp erhielt, soweit für mich erkennbar, kaum Gelegenheit, das von ihr und ihrem Stab akribisch ausgearbeitete Sicherheitskonzept für eine veränderte Corona-gerechte Ruhrtriennale vorzustellen.
  • Zunehmend wird von staatlichen Stellen Kritik an der israelischen Regierung als antisemitisch verunglimpft – speziell wenn es um die Siedlungspolitik Israels und die Politik gegenüber der palästinensischen Bevölkerung geht. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, forderte sogar, Mbembe solle die Ruhrtriennale nicht eröffnen. Er habe den Holocaust relativiert und das Existenzrecht Israels in Frage gestellt. Diese Behauptungen belegte er nicht.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ schreibt „ .. Mbembe ist ein Analytiker kolonialer Macht und ein Kritiker des neoliberalen Kapitalismus, der die ganze Welt geopolitisch zersplittere ...“. Das schließt die Politik Israels gegenüber dem Nahen Osten und gegenüber der palästinensischen Bevölkerung ein. Seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, so z.B. 2015 mit dem „Geschwister-Scholl-Preis“ des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V. und 2018 den „Gerda-Henkel-Preis“. Wie passt das mit den Anschuldigungen „Antisemitismus“ zusammen?
Jetzt haben 37 jüdische Wissenschaftler und Künstler die Abberufung von Felix Klein gefordert. Zudem starteten Akademiker - auch aus Israel - einen Aufruf „Solidarität mit Achille Mbembe“. Dessen Kritikern, auch Felix Klein, werfen sie darin vor, Mbembe „ohne Beweise, unter Zuhilfenahme manipulativ verzerrter Zitate und Inhalte zu desavouieren“. Diese Kritik halte ich für berechtigt!
Allerdings denke ich, dass dies nicht allein an der Person Felix Klein festgemacht werden kann. Denn der Bundestag hat im Januar 2018 in einem Antrag „Antisemitismus entschlossen bekämpfen“ (Drucksache 19/444) den Begriff des Antisemitismus in inakzeptabler Weise ausgedehnt, wenn es dort heißt: „Allerdings findet sich Antisemitismus in allen politischen Lagern und er nimmt mit dem Antizionismus und der Israelfeindlichkeit auch neue Formen an. …. Das umfasst auch alle antisemitischen Äußerungen und Übergriffe, die als vermeintliche Kritik an der Politik des Staates Israel formuliert werden“. Dazu wurde in der Folge der Begriff des „israelbezogenen Antisemitismus“ entwickelt, um Kritiker der israelischen Palästina- und Siedlungspolitik als antisemitisch verunglimpfen zu können.
Weswegen ist dies nun im Zusammenhang mit der Ruhrtriennale so hochgekocht worden?
In ihrem Vorwort zum Programm 2020 schreibt Stefanie Carp:
„Wir beschäftigen uns in diesem dritten Jahr mit Einschränkungen der Freiheit, die schleichend kommen, die aber immer deutlicher werden. Wir beschäftigen uns mit Angst als Instrument der Kontrolle und wir beschäftigen uns mit einer Verlorenheit und Ortlosigkeit vieler Menschen, die keinen sozialen Kontexten mehr angehören.“
Damit wird die Rechtsentwicklung, die gegenwärtig durch Regierungen in der ganzen Welt vorangetrieben wird, ins Visier genommen. Für diese Ausrichtung der Ruhrtriennale ist Achille Mbembe genau der richtige Festredner! Gleichzeitig ist gerade der scharfe Analytiker Achille Mbembe für Träger dieser Rechtsentwicklung in Deutschland ein Dorn im Auge. Deswegen wird versucht, ihn zu diskriminieren.
Ich unterstütze Stefanie Carp in ihrem Bemühen, im Herbst eine Corona-gerechte Ruhrtriennale zu veranstalten. Wegen der nicht nur kultur- sondern auch gesellschaftspolitischen Kompetenz von Stefanie Carp gehört die von ihr konzipierte Ruhrtriennale 2020 aufgeführt - Corona-gerecht!
In meinem Bekanntenkreis und unter Freunden der Ruhrtriennale wird überlegt, wie Stefanie Carp darin unterstützen werden kann. Dabei freue ich mich besonders auf den Festvortrag von Achille Mbembe z.B. in der Corona-gerecht gestalteten luftigen Kohlenmischhalle in Dinslaken.

Autor:

Claus Thies aus Duisburg

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