Embrica decora, die Stadt am Strom

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die Stadt, in der ich seit über 60 Jahren lebe.
Ich bin hier geboren in Emmerich am Rhein. Die Stadt, die umliegenden Dörfchen, die Wiesen und Felder, der Eltenberg und der Fluss gehören zu meinem Leben.

Ich denke, ich könnte auch gut und gerne ganz woanders leben und würde absolut nichts vermissen.
Außer ein paar bestimmten Menschen natürlich.
Und vielleicht den Rhein.
Die neue Rheinpromenade vielleicht auch noch mit ihrem Treidelpfad, von wo aus unser kleiner Enkel mit wachsender Begeisterung stundenlang Steinchen ins Wasser wirft, wenn er mal hier ist.
Und, naja, den Damm, den würde ich auch bestimmt vermissen, den endlos langen Damm rechts und links von Emmerich:
rechts bis nach Lobith in Holland und links bis Ende Praest, wo wir oft stundenlang mit den Rädern unterwegs sind zwischen Schafen, Klee, Kötteln und Blumen. Immer im Grünen, immer mit Blick auf die bunt bevölkerten Rheinwiesen, meistens auch auf den Rhein selber mit seinen Schleppkähnen, Schubschiffen und Ausflugsdampfern.
Wenn wir von Holland kommen und schon etliche Kilometer auf dem Tacho haben, der Popo sich wie totes Leder anfühlt und wir langsam erschlaffen, klammern wir uns an das optische Näherkommen der Brücke: Guck mal, bald haben wir es geschafft, höchstens noch 6 Kilometer..., drei vielleicht noch, gleich sind wir da...
Und dann, schweißgebadet, aber glücklich, irgendwo draußen an der Promenade ein großes, kaltes Bierchen zischen, während die Sonne sich hinter der Brücke mit ihrer blutroten Decke im Rhein schlafen legt.

Doch, das würde ich bestimmt vermissen, aber sonst?

Ich habe oft gemeckert, weil es mit Emmerich in meinen Augen in den letzten Jahren immer mehr bergab ging. Über Kommunalpolitiker, die sich auf Kosten der Stadt profilieren wollten,
über das Aufreißen immer derselben Straßen nacheinander für verschiedene Versorgungsunternehmen.
Über die zunehmende Vereinnahmung unserer Stadt durch Fremde.
Über zunehmende Verrohung und Unsicherheit.
Über die Zweiteilung der Stadt durch die Glückaufschranke, die Betuwe-Line.
Über die versiffte Unterführung am Löwentor, die man ohne Gummistiefel nicht passieren kann, die dreckige Bahnhofshalle.
Jahrelang hatten wir nicht mal ein Kino und ein richtiges Kaufhaus vermisse ich auch...

Aber trotzdem, wenn wir dann Schützenfest alle in schöner Regelmäßigkeit aufstehen, uns einhaken und singen:
"Emm'rich, ich hab dich auserkoren, Heimat und treu dir zu sein.
In deinen Mauern aus uralter Zeit...schön ist's bei uns am Niederrhein..."
also, das finde ich für mich schon ein bisschen peinlich und albern, aber irgendwie, wenn ich ganz ehrlich bin, kriege ich auch jedes Mal eine ganz kleine Gänsehaut dabei.

Erst war der Rhein. Dann kam Emmerich.
Er hat Emmerich gemacht und geprägt. Schon im 9. Jahrhundert bauten sich die ersten Siedler hier ein Haufendorf.
Die überreichen Möglichkeiten, die der Rhein den Menschen bot, trugen dazu bei, dass die Ansiedlung beständig wuchs und reicher wurde. Schon 1233 bekam Emmerich die Stadtrechte.
Schon früh hatten wir eine der angesehensten, ältesten, wenn nicht sogar die älteste Lateinschule, die einzige Schule nördlich der Alpen, die klassisches Griechisch lehrte.
Emmerich wurde bekannt und hatte einen guten Ruf. Es zog namhafte Leute an, Gelehrte, Händler und Künstler kamen nach Emmerich. Sogar der spätere Preußenkönig Friedrich I verlor hier sein Herz. Zwar nicht an die Stadt, sondern an das "schöne Kätchen von Emmerich", eine Wirtstochter, die ihm so nachhaltig den Kopf verdrehte, dass er nie mehr von ihr los kam.

Emmerich hat sich früh den Namen "Embrica decora" – das prächtige Emmerich- verdient.

Zwar gab es auch immer wieder Zerstörung durch Kriege, Feuersbrunst, Seuchen und Epidemien, aber die Emmericher waren ein zähes Völkchen. Was kaputt ging, wurde unermüdlich wieder aufgebaut.
Besonders die Martinikirche, an deren Fundamenten der Rhein sein endgültiges Bett gefunden hatte, war immer wieder betroffen.

Ohne den Rhein gäbe es kein Emmerich. Er war schon immer der Warenumschlagplatz, hat von Anfang an den Handel getragen, und bei seinem Fischreichtum brauchte niemand hungern.
Solange er Normalwasser führte, war alles in Ordnung: es gab regen Verkehr auf dem Wasser, hölzerne Frachtschiffe und Segelboote drängten sich und der Handel blühte.
Aber wehe, er führte Hochwasser oder gefror...!
Dann wurde er zum reißenden, alles überschwemmenden Giganten, der die Stadt überflutete und an ihren Grundmauern zerrte.
Oder bei Eisgang: Dann türmten sich meterhohe Schollen kreuz und quer übereinander, und wenn das Tauwetter einsetzte, krachten und barsten sie tonnenschwer ans Ufer.

An Eisgang kann ich mich auch noch erinnern, ich denke, es war so Anfang der Fünfziger.
Ich war noch ein Kind, als wir uns an einem Sonntag fein angezogen auf den langen Fußweg in die Stadt machten. Solange ich klein war, kam ich nur selten in die Stadt. Wir wohnten ein wenig außerhalb, und der Weg zwischen all den vielen Trümmern rechts und links schien mir immer trostlos und endlos weit.
Jedenfalls kamen wir zum Rhein, und ich staunte Bauklötze.
Es gab keinen Fluss mehr, nur noch riesige, schneegepuderte Eisschollen, die sich bis ans Ufer türmten. Ganz vorsichtig kletterten wir vorne an auf eine dieser Schollen und ließen uns fotografieren. Ich immer ganz fest an der Hand meiner Eltern. Dieser Rhein war mir nicht geheuer.

Ich kann mich nicht erinnern, den Rhein jemals wieder in diesem Zustand gesehen zu haben.
Im Zuge der Industrialisierung und der damit verbundenen Erwärmung des Wassers starben nicht nur die Fische, nein, der Rhein fror auch nicht mehr zu. Sein Wasser blieb Wasser, egal, wie kalt der Winter war.

Ich erinnere mich aber auch an die warmen Sommernachmittage in den Rheinwiesen, damals, als man noch im Strom schwimmen konnte. Mit meinen Eltern zog ich dann bewaffnet mit einer fadenscheinigen Decke, einer Thermoskanne voll "Muckefuck" und vielleicht ein paar Kirschen oder anderem Obst aus dem Garten an den Rhein. Neben uns grasten die rotbunten Kühe, und ich durfte unter Aufsicht und mit einem Schwimmreifen um den Bauch ins seichte Wasser.
Das war für mich damals Abenteuer pur, und ich tat ganz wichtig, so, als könnte ich schwimmen.

Ich konnte natürlich nicht schwimmen, wo hätte ich es denn auch lernen sollen? In einer Wooj, einem alten Baggerloch? Das hätten meine Eltern niemals zugelassen.
Dann gab es damals wohl die "Badeanstalt Hellas". Aber sie war auch nur ein abgeteiltes Stückchen Rhein. Und ziemlich genau dort hatte vor Jahren der Rhein die 15jährige Schwester meiner Mutter geholt.
Wenn ich schon mal den Versuch startete, wie meine Schulfreundinnen dort schwimmen zu gehen, dann erstarrte meine Oma: "Kiiiind, denk an Tante Käthe!"
Wie sollte ich schwimmen lernen?
Was meine Enkel heute ja gar nicht verstehen können.
"Aber Oma, warum warst du denn nicht in einem Schwimmkursus im Embricana?"

Übrigens warne ich ausdrücklich davor, heute noch im Rhein zu baden. Auch wenn an warmen Sommertagen die kleinen Sandbuchten immer noch dazu verlocken...
Es ist absolut lebensgefährlich.
Die ohnehin schnelle Strömung potenziert sich mit dem Schiffsverkehr. Im einen Moment steht man noch harmlos bis zum Knie im Wasser, im nächsten ist der Boden weg und das Wasser steht einem bis zum Hals und höher.

Aber noch rechtzeitig in meine frühe Teenagerzeit fiel der Bau einer richtigen Badeanstalt, in der wir künftig unsere Sommer verbrachten. Und ums Schwimmen ging's dann auch nicht mehr unbedingt, sondern mehr um Geselligkeit und eine möglichst gute Figur zu machen.

Das war auch noch die Zeit, in der wir mit der Ponte übersetzen mussten, wenn wir auf die andere Rheinseite, zum Beispiel nach Kleve, wollten. Die Personenfähre legte in Höhe der Martinikirche an. Wenn man wollte, konnte man sein Fahrrad mitnehmen. Oder man ließ sich drüben mit der Straßenbahn fahren.
Wenn ich vielleicht dreimal in meinem Leben rüber gefahren bin?
Das war Luxus, und wenn man keinen zwingenden Grund hatte, blieb man auf der eigenen Rheinseite.

Aber dann bekamen wir eine Brücke.
Und was für eine!
Eine 803 Meter lange, elegante Hängebrücke. Eine originalgetreue kleine Schwester der großen Golden Gate. Und das für Emmerich!
Das war ein Ereignis!
Am 3.9.1965 wurde sie offiziell mit einem Riesenfeuerwerk eingeweiht.
Zur Feier des Tages hatte ich einen Teil meines Lehrlingsgehalts von DM 75,- auf den Kopf gehauen und mir ein rasantes, schwarzes Kleid gekauft. Und als es abends dämmerte, kletterten wir, ich mit hohen Stöckelschuhen, über Stock und Stein und Zäune, um auf irgendeiner der Kribben im Rhein Platz zu finden fürs Feuerwerk und vielleicht ein bisschen verstohlenes Knutschen im Schutze der Dunkelheit.
Das Feuerwerk war absolut fantastisch. Tausende und abertausende von funkelnden Sternen schossen in den Abendhimmel, sprühten, glitzerten und tanzten wie kostbare Diamanten im Licht, bevor sie sich abwärts stürzten und kopfüber ins dunkle, unbeteiligte Wasser eintauchten.

Kaum war der letzte Stern erloschen, rannten wir zurück auf die Straße, um noch bei Sluyter im Saal ein bisschen tanzen zu gehen.
Ich musste nämlich immer pünktlich zuhause sein. Früh pünktlich. Um zehn Uhr, denn ich war ja noch keine 18!

Das absolut größte und absolut vernichtendste Feuerwerk allerdings haben die Engländer über Emmerich abgeschossen.
Am 7.10.1944 bombardierten sie auf dem Rückweg von Kleve noch eben ausgiebig unser Emmerich. Mit schätzungsweise 750 Bombern brachten sie uns Tod und Zerstörung.
Was Seuchen, die große Feuersbrunst und Naturkatastrophen in den vergangenen Jahrhunderten nicht geschafft hatten, das schafften sie in 38 Minuten.

Der Himmel brannte, die Stadt brannte, der Rhein brannte.
97% von dem, was gerade eben noch Emmerich gewesen war, wurde ausgelöscht im Bombenhagel. Nichts war mehr, wie es war. Nichts stand mehr, wo es stand.
Rund 600 Menschen starben in dem Inferno.
Gut 700 Jahre Stadt weg, einfach ausradiert.

Auch in unserer Siedlung stand kaum noch ein Haus, das bewohnbar war. Alles platt, rauchende Trümmer, tote Nachbarn, Frauen und Kinder. Meine Oma, die zu der Zeit mit einer Tochter allein zuhause war, hat sich im Straßengraben in einem Krübber verkrochen und so überlebt.
Als alles vorbei war, sammelte sie die überlebenden Nachbarn, die ganz ausgebombt waren, und nahm sie in ihrem Keller auf. Mal drei, mal 4 Familien, mal einzelne, so, wie sie gerade eine Betondecke über ihrem Kopf benötigten.
Dächer gab es nicht mehr.

Ich kann mich gut an die Trümmer und Ruinen in unserer Straße erinnern. Sie waren unser Spielplatz.
Wir sprangen von Mauer zu Mauer über die ehemaligen Türöffnungen. Das waren unsere Mutproben. Oft genug schrammten wir uns dabei die Haut von den Knien und Händen, wenn wir zu kurz sprangen und abrutschten. Abends, in der Dämmerung, machten die Trümmer den meisten Spaß, wenn die langen Schatten so langsam in die Ecken krochen. Dann wurde es richtig gruselig und unheimlich.
Aber bevor es dann wirklich dunkel wurde, riefen unsere Mütter und wir mussten rein.

Auch das war Emmerich.

Es wurde komplett wieder neu aufgebaut, die Stadt wurde eine neue, aber der Strom blieb der alte.
Ich achte ihn, ich habe großen Respekt vor ihm. Er ist lebendig, er hat Persönlichkeit und Charakter, fast möchte ich sagen, er hat Charisma. Er ist schön und majestätisch, gefährlich, wild und unberechenbar.
Er ist der Rhein, der "Vater Rhein", er sorgt für seine An"rheiner", verschafft ihnen Wohlstand und Ansehen.
Wenn man ihn denn lässt und ihm nicht die Luft abschnürt mit all den Betonkorsetts.

Emmerich ist auf einem guten Weg, es wird sich wieder erholen. Der Anfang ist gemacht.
Und solange wir unseren Rhein haben, wird es auch Emmerich geben.
Vielleicht nie mehr "Embrica decora", aber vielleicht ein sauberes, freundliches Städtchen, in dem man sich sicher und wohl fühlen kann. Wo auch ich wieder gerne leben mag.

Autor:

Christel Wismans aus Emmerich am Rhein

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