Oma on tour - mit Kinderwagen, Teil 2

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Da! Ein Aufzug!
Ich rannte los, rein in den Aufzug und runter. Unten in der Halle ließ ich meinen Hals kreisen. Gleis 13 :Treppenaufgang. Klar. Den wollte ich aber nicht. Wo ist der Aufzug?
Ich schob mit meinem Wagen zehn Meter rechts und wieder zurück. Andere Richtung. Die Tatsache blieb: kein Aufzug zur 13. Hier ein Aufzug, dort auch, und dort noch einer!
Aber ich hatte keinen!

Die Zeiger meiner Armbanduhr schoben sich langsam, aber beständig Richtung Abfahrt meines ICE.
Ich musste diese ganzen, elendlangen Treppen hoch mit meinem Kinderwagen. Suchend blickte ich herum. Wer konnte mir helfen?
Niemand.
Nicht ein einziger Mensch war zu sehen. Mein Kinderwagen und ich waren mutterseelen allein hier unten im Oberhausener Bahnhof.
Ich erinnerte mich an früher. Rückwärts zu den leeren, im Laufe der Jahre glatt gelatschten Treppenstufen stieg ich hoch, den Kinderwagen mit meiner Reisetasche obendrauf. Stufe für Stufe hinterher ziehend. Klong, klong, klong....

Unten in der Halle fuhr ein Reinigungsfahrzeug langsam vorbei. Hatte der Fahrer meinen Herzschlag gehört? Er ging in die Bremse und kam hinter mir hoch gerannt: „Warten Sie, ich helfe Ihnen!"
Noch so ein netter Mensch. Ich bedankte mich herzlich. Er schaute ein wenig irritiert in den Kinderwagen mit Reisetasche, nuschelte etwas wie: schon gut, und machte sich schleunigst vom Acker. Vielleicht war ich ihm nicht so ganz geheuer. Ich konnte es ihm nicht verdenken.
Jedenfalls war ich pünktlich vor Einfahrt meines ICE auf Gleis 13.

Ein Mann in Bahnuniform tauchte auf. Ich nahm ihn sofort in die Pflicht. Für alle Fälle. „Selbstverständlich", sagte er.
Mein Helfer in Uniform öffnete die nächste Türe des ICE und schob den Kinderwagen hinein. Ich sprang so leichtfüßig, wie es mit meinen Arthrosefüßen möglich war, hinterher und hielt kurz Umschau. Eine Platzkarte habe ich nie, deswegen kann es schon mal ein bisschen eng werden. Ich dachte an die Worte meiner Tochter und verstaute den Wagen sofort vornan im Kofferraum oder wie auch immer die schmale Ecke zwischen den Abteilen heißt.
Der ganze, minimale Platz war damit dicht. Blockiert für andere. Ich hätte den Wagen ja zusammen klappen und somit verkleinern können. Aber ich hatte Schiss, ihn in Frankfurt nicht mehr auseinander zu kriegen. Dann hätte ich ihn wohlmöglich tragen müssen, und das war das Letzte, was ich wollte. Selbst seine Vorbesitzerin hatte damit abends zuvor ziemliche Probleme gehabt. Theoretisch wusste ich genau Bescheid, aber ich wollte mich nicht unbedingt innerhalb von Minuten testen müssen.

Der Waggon, in dem ich gelandet war, war das Bistro. Und es war nicht sehr besetzt. Also! Kinderwagen in Sichtweite gut verstaut, ich an einem Bistrotisch mit Speisekarte. Ich war rundum glücklich. Ich simste meiner Tochter, dass Oma und Sportwagen pünktlich waren und kletterte später mit Hilfe meiner neuen Bistrotisch-Bekannten in Frankfurt am Flughafen ohne Sportwagenprobleme ganz gelassen aus dem ICE.

Aufzug, durch den dunklen, ewig langen Schlauch, Terminal und endlich, sogar unter Bewältigung von Rolltreppen, bahnte ich mir meinen Weg nach draußen. „Ich bin da", simste ich, „wo bist du?"
Ihr Anruf kam Sekunden später. „Wir sind sofort da. Ich müsste dich eigentlich schon fast sehen können." Ich reckte den Hals nach links, bis er fast steif war und meine Zehenspitzen sich unter Krämpfen krümmten.
Keine schwarze Familienkutsche. Keine Tochter. Keine Enkel.
Langsam wurde mir mulmig.
Plötzlich fing mein Handy an zu musizieren: „Mama, wo steckst du denn? Wir stehen schon minutenlang hier, direkt vis-à-vis vom großen DB-Schild!"
„Ich doch auch! Bei Abflug. - Oder Ankunft? - Jedenfalls da, wo ich immer bin… Allerdings ... ähm...bin ich vielleicht doch nicht richtig? Zu hoch? Oder zu tief?"
„Du musst eins tiefer! Beeil dich, ich darf hier nicht parken!"

Ich pustete mir die Hitzewelle vom Ausschnitt und hastete mitsamt meinem Wagen wieder ins Gebäude. Den nächsten Menschen in Uniform hielt ich an: „Entschuldigen Sie, geht's hier irgendwo noch tiefer? Zur Straße? - Rolltreppe? Ok! Dort, ja, vielen Dank!" und ich schob den beladenen Kinderwagen auf die Rolltreppe wie nichts. Ich vergaß zu schwitzen, tauchte ab in die unteren Gefilde und stieß mit dem Wagen voran raus durch die erste Türe in die gleißende Sonne. Augenblicklich entdeckte ich das Auto meiner Tochter und sie selber, die davor von einem Fuß auf den nächsten hüpfte und einen langen Hals machte.

„Mami, endlich! Da bist du ja! Gott sei Dank! Alles gut gelaufen?“
„Sicher", ich strahlte übers ganze Gesicht, „klar doch. Ganz easy. Warum auch nicht?"

Auszug aus meinem Buch: Himbeerrote Knallbonbons

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