Essener Tafel: In 14 Tagen soll ein Runder Tisch beraten, wie es weiter geht

Die Situation eskaliert: Parolen wurden auf Fahrzeuge und an das Gebäude der Essener Tafel am Wasserturm gesprüht.
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Die Reaktion kam spät, aber umso heftiger. Seit einigen Wochen und "bis auf Weiteres" nimmt die Essener Tafel neue Kunden nur auf, wenn sie einen deutschen Personalausweis haben. Die mediale Aufregung ist groß. Nach wie vor kommen die Tafel-Verantwortlichen nicht zur Ruhe. Jetzt hat sich sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Debatte eingeschaltet. Doch an der Entscheidung soll sich vorerst nichts ändern, wie eine Krisensitzung am Dienstag, 27. Februar, mit allen beteiligten Institutionen ergab.

Wer meint, Bedürftige könnten die Ausgabestellen für Lebensmittel einfach so aufsuchen, irrt. Tafeln sind durchorganisierte Einrichtungen, und der Essener e.V. nimmt Neuanmeldungen jeden Mittwoch um 9 Uhr an der Steeler Straße 137 an. Schließlich müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, um an den Spenden teilhaben zu können.

Nun ist bei der Essener Tafel ein weiteres Aufnahmekriterium hinzu gekommen: der deutsche Personalausweis. Grund ist die Tatsache, dass, wie man bei der Tafel berichtet, der Anteil ausländischer Mitbürger bei den Kunden auf 75 Prozent angestiegen ist. Damit sei "eine vernünftige Integration" nicht mehr gewährleistet.
Die Situation eskalierte in der Nacht auf Sonntag, 25. Februar, als Unbekannte Graffitischmierereien an Fahrzeugen und Türen der Essener Tafel hinterließen. Im Hinblick auf Kommentare wie "Nazis" und "Fck Nzi" ermitteln Polizei und Staatsschutz. Zeugen können sich unter der Rufnummer 0201 - 8290 melden.

Auch die Bundeskanzlerin schaltete sich ein


Dass der Beschluss der Essener Tafel es bis auf Bundesebene geschafft hat, spricht für die Brisanz des Themas.
Jochen Brühl, Vorsitzender des Dachverbands Tafel Deutschland e.V., stellt klar: „Ziel und Aufgabe aller Tafeln ist es, Lebensmittel an alle Bedürftigen zu verteilen und so akute Not zu lindern. Maßgeblich für unser Engagement ist die Bedürftigkeit und nicht die Herkunft. Wenn einzelne Tafeln Ausnahmen machen müssen, dann ist dies ausschließlich Situationen geschuldet, die für die Ehrenamtlichen vor Ort organisatorisch nicht mehr anders handelbar sind.“ Zugleich prangert er aber auch an: „Dass die Zustände in Deutschland mittlerweile so dramatisch sind, zeigt die enormen Verfehlungen der Politik in den letzten Jahren. Wir erwarten von der neuen Regierung, dass sie sich endlich mit den drängendsten Themen des Landes befasst und nachhaltige Lösungen für die akuten Probleme der Ärmsten findet."

Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnt an, nicht solche Kategorisierungen vorzunehmen. "Das ist nicht gut", so Merkel in einem Interview wörtlich. Die Entscheidung der Ehrenamtlichen in Essen zeige aber auch "den Druck, den es gibt", und wie viele Bedürftige auf Lebensmittelspenden angewiesen seien.

Allen Menschen gerecht werden

Jörg Sartor, Vorsitzender Tafel Essen e.V., sagt: „Wir wollen allen Menschen gerecht werden, die zu uns kommen. Angesichts der Situation in den Ausgabestellen hatten wir keine andere Möglichkeit, mit der Herausforderung umzugehen. Wir hoffen sehr, dass sich die Lage schnell soweit bessert, dass wir keine Warteliste mehr haben. Alle bisherigen Kunden der Essener Tafel werden wie gewohnt mit Lebensmitteln unterstützt.“

Auch in unserer Nachrichten-Communitylokalkompass.de/829794nehmen zahlreiche BürgerReporter Stellung zu dem Thema.

Der Essener Sozialdezernent Peter Renzel postet auf Facebook:
"Ich respektiere die Entscheidung der Essener Tafel, die dazu beitragen soll, dass die Bevölkerungsstruktur sich auch in der ,Kundenstruktur' der Tafel wiederspiegeln soll. Unabhängig davon habe ich den Vorstand gebeten auch über eigene vorgezogene Zeitfenster z.B. für ältere Frauen und Männer, als auch für Alleinerziehende mit Kindern noch einmal nachzudenken."

Caritasdirektor Björn Enno Hermans kommentiert die Thematik ebenfalls auf Facebook: "Das Problem ist benannt: ältere Menschen, weitere Deutsche scheinen nicht mehr oder weniger zu kommen und ein Grund scheint das Verhalten einiger ausländischer Männer in den Warteschlangen zu sein. Gleichzeitig machen ausländische Nutzer mittlerweile einen Anteil von 75 Prozent aus.
Im Sinne einer gewissen ,Verteilungsgerechtigkeit' und des Anspruchs, alle Bürgerinnen und Bürger zu erreichen, haben die Verantwortlichen diese Entwicklung als Problem erkannt und mit einer drastischen Maßnahme reagiert: neue Anmeldungen nur noch für Deutsche. (...) Nur nach Nationalität zu entscheiden wird der Sachlage sicher nicht gerecht und ist aus meiner Sicht auch nicht vertretbar. (...) Ich wünsche mir, dass die Essener Tafel ihre scheinbare Lösung für das o.g. Problem überdenkt und zu differenzierteren Vorgehensweisen kommt."

Die Gespräche am Dienstag zwischen Verantwortlichen der Essener Tafel e.V., dem Landesverband der Tafeln in NRW, der Tafel Deutschland und der Stadt Essen ergaben, dass sich am Ausländerstopp vorerst nichts ändern wird. Innerhalb der nächsten 14 Tage soll ein Runder Tisch unter Moderation von Peter Renzel gebildet werden, an dem auch Vertreter der Wohlfahrts- und Migrantenverbände sitzen werden.

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