Kundgebung zum Gedenken an den 9. November 1938 an einem in mehrfacher Hinsicht erinnerungswürdigen Ort
Von Edelweißpiraten und Holocaust-Leugnern

 Mehrere hundert Bürger folgten dem Banner gegen das Vergessen durch die Gelsenkirchener City bis zum Mahnmal im Stadtgarten. Foto: Gerd Kaemper
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  • Mehrere hundert Bürger folgten dem Banner gegen das Vergessen durch die Gelsenkirchener City bis zum Mahnmal im Stadtgarten. Foto: Gerd Kaemper
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Das diesjährige Gedenken an die Pogromnacht vor 80 Jahren stand auch unter dem Zeichen des Aufrufens der ersten deutschen Republik und des Frauenwahlrechtes vor 100 Jahren. Der 9. November ist und bleibt ein erinnerungswürdiger Tag in vielerlei Hinsicht.

Und so versammelten sich wieder einige Hundert Gelsenkirchener mit unterschiedlicher Herkunft und Religion auf dem Platz vor der Synagoge und lauschten dem Kaddisch, dem Gebet des Rabbi Kornblum für die Verstorbenen, um anschließend über den Heinrich-König-Platz, die Ahstraße und Zeppelinallee auf den Weg in den Stadtgarten zu marschieren und sich dort am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus zur Kundgebung zu versammeln.
Hier erwartete die Teilnehmer zunächst ein Vortrag von Dr. Daniel Schmidt vom Institut für Stadtgeschichte. Er erinnerte an das Geschehen in der sogenannten Reichskristallnacht am 9. November 1938 und die folgenden Gräueltaten des nationalsozialistischen Regimes.
Dr. Schmidt erinnerte auch daran, dass genau dieses Mahnmal im Gelsenkirchener Stadtgarten, das auf eine Initiative der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes errichtet wurde, immer wieder ein Ort des Gedenkens und der Erinnerung ist. Den Ort dieses Mahnmals und der aktuellen Kundgebung stellte der Historiker noch dazu als einen geschichtsträchtigen vor, was auch für viele Gelsenkirchener eine neue Erkenntnis war. Passend dazu stimmten Jugendliche der Falken das Lied „Hohe Tannen“ an.
Dazu schreibt Lokalkompass-Bürgerreporter Dirk Frank Bronischweski, der ebenfalls bei der Kundgebung war: „Eine Gruppe der Falken sang das Lied „Hohe Tannen“, welches ein Symbol der im Jahre 1942 in Gelsenkirchen gegründeten Edelweißpiraten gegen die Nazi-Herrschaft, die damalige Hitlerjugend und den Bund deutscher Mädchen darstellte. Die Edelweißpiraten, auch bekannt aus München durch die dortige Weiße Rose, hatten „keinen Bock“ auf die Regeln und die Disziplinierungen in der HJ. Sie zeigten ihre Suche nach Freiheit unter anderem durch ihre Kleidung und ihre Frisur, aber auch durch ihre Lieder. Ein Großteil der damaligen Nazi-Marschlieder wurden dazu umgetextet, um als Gegenpol wirken zu können. Gerade im Ruhrgebiet, Bergischen Land und Kölner Raum waren die Edelweißpiraten sehr aktiv und die Pfingsttreffen sind berühmt.“
Die Gelsenkirchener Edelweißpiraten trafen sich im Stadtgarten, um „ihre“ Lieder zu singen und sich von der Uniformität des Nazi-Diktates abzuheben. Die meisten von ihnen wurden nach Erläuterung Dr. Daniel Schmidts 1943 verhaftet. Wobei die jungen Männer der Wehrmacht überstellt wurden.
Oberbürgermeister Frank Baranowski betonte in seiner Ansprache: „Die Geschichte der Edelweißpiraten muss uns darum eine Warnung sein, ebenso wie die Geschichte der Gelsenkirchener Juden. Sie muss unser Sensorium schärfen für den Moment, da Menschen in Deutschland auf die Straße gehen und rufen: „Wir sind das Volk!“ – und eigentlich meinen: Andere sind es nicht. Nicht die sogenannten Eliten, die angebliche Lügenpresse, Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund, selbst wenn sie deutsche Staatsbürger sind. Das verbale Ausschließen, das lehrt die Geschichte, ist oft der erste Schritt.“
Bürgerreporter Dirk Frank Bronischewski beschreibt die Rede des Stadtoberhauptes folgendermaßen: „Oberbürgermeister Frank Baranowski erhielt sehr viel Applaus für seine Rede, in der er auch eindrucksvoll betonte, dass jeder Einzelne Verantwortung für die Demokratie zeigen müsse und lobte die Anwesenden, die sich eindeutig gegen eine rechte Gesinnung und gegen die Propaganda einer im Bundestag vertretenen Partei, deren Fraktionsvorsitzender die Verbrechen der NS-Zeit allen Ernstes per bewusst platziertem Tabubruch als einen „Vogelschiss“ der Geschichte bezeichnet, aktiv aufrichten. Er erinnerte auch an die Demo im September, als Mütter gegen Gewalt und andere fragwürdige Gruppen durch die Stadt zogen, auch hier waren die Gegendemonstranten deutlich in der Überzahl.“
Oberbürgermeister Frank Baranowski beendete seine eindrucksvolle Rede mit den Worten: „Und genauso wichtig ist es, dass wir von Zeit zu Zeit – immer wenn es nötig ist – gemeinsam ein öffentliches Zeichen setzen. Dass wir deutlich machen, dass unsere Stadt und unser Land für Vielfalt, Toleranz und Demokratie stehen. Und dass es nur eine Gruppe gibt, die bei uns keine Toleranz erwarten kann: Jene, die sich nicht an diese Regeln des Miteinanders halten wollen, ganz gleich welcher Herkunft!“
Zum Ende der Veranstaltung wurde wie in jedem Jahr gemeinsam das Lied von den Moorsoldaten gesungen, ehe die Falken- und DGB-Jugend dazu aufriefen, bei der Kundgebung verteilte, kleine Gedenksteine nach jüdischem Ritus zum Gedächtnis an die Toten am Mahnmal niederzulegen. Diesem Aufruf folgten alle Teilnehmer der Kundgebung gern und gedachten damit in einer ergreifenden Szenerie der Opfer von Krieg und Nationalsozialismus.

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