Uedems Schachclub 1948 spielt wegen Corona nur online
"Oh Göttin Caissa, bleib!"

Schach in Coronazeiten. Foto: Steve
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Unter der Coronapandemie leiden alle, wenn auch in unterschiedlichem Maße: Der örtliche Einzelhandel sicher mehr, so mancher Sportverein ebenso, und auch dem Uedemer Schachclub legt Corona ganz neue Herausforderungen auf. Da mag Caissa, die Göttin des Schachs, noch so fest ihre schützende Hand über die Spieler legen. Doch die sind zum Glück schlau genug und spielen trotz allem ...

VON FRANZ GEIB

Uedem. Man mag darüber streiten, ob das Internet dem Schachspiel in irgendeiner Form zuträglich ist oder nicht, doch dürften viele zustimmen, wenn gesagt würde, dass die Digitalisierung dem Schachsport in der derzeitigen Krise größere Schwierigkeiten vom Leibe hält. "Was uns aber fehlt, sind die Partien in Präsenzsituationen, face to face", sagt Uedems Spielleiter im Uedemer Schachclub 1948, Josef Schenk. Oder um es mit den Worten des Pressewarts Heinz "Ali" Aldenhoven zu formulieren: "Wir Schachspieler wollen das Weiße in den Augen unserer Gegner sehen!" Denn, so Josef Schenk, Schachspieler seien durchaus gesellige Typen, die ein Frischgezapftes im Biergarten zu schätzen wüssten: "Die gesellschaftliche Verankerung ist für ein Vereinsleben enorm wichtig, weshalb wir immer unsere Familien mitnehmen", erklärt "Ali" und erinnert daran, dass der Schachclub bereits seit 1986 Studienreisen zu den führenden Schachnationen Usbekistan, Georgien, Armenien, USA, Kuba und Ägypten, um nur einige zu nennen, anbot. Die dabei bestrittenen Vergleichskämpfe in Budapest, Istanbul oder Prag, gingen mit Ausnahme eines Remis von Josef Schenk in Kairo allesamt mit Pauken und Trompeten verloren, was der mit Anekdoten und Dönkes gefüllten Vereinschronik zum 50. Bestehen ihren Titel "Wir spielten nicht gut, aber gerne ..." gab.

Schachclub hoffte im Sommer 2020

Doch zurück zu Corona: Im März 2020 unterbrach der Deutsche Schachbund den Spielbetrieb in den Bundesligen, dem auch die Landesverbände folgten. Hoffnung gab es im Spätsommer als die Corona-Schutzverordnungen gelockert wurden und Gastronomen ihre Gäste zumindest im Biergarten empfangen durften. Der Schachclub hatte gehofft, dass Präsenzschach wieder möglich sein könnte, investierte in Hygienekonzepte für Wettkämpfe und Spukschutzbarrieren an den Tischen, doch dann kam der nächste Lockdown: "Gerade mal zwei Runden konnten wir absolvieren." Im Oktober 2020 verkündete Schachbund NRW die Absage der Landesmeisterschaften und des Ligabetriebs, und rief stattdessen dazu auf, im Internet ans virtuelle Brett zu kommen.

Schach gilt als ehrlicher Sport

Schach ist trendy, weil online-kompatibel und vor allem das perfekte Hobby in Corona-Zeiten? "Wir haben zehn bis zwölf Spieler, die dort regelmäßig spielen, aber es ist eben schwer auf diese Weise neue Leute ranzuziehen", sagt Heinz Aldenhoven. Und auch bei erfahrenen Schachstrategen bot das virtuelle Spiel zunächst wenig Attraktives, das Misstrauen gegenüber jenen, die mit "Hilfsmitteln" den Gegner mattzusetzen versuchten, war groß, denn für sie Schach gilt und galt als ehrlicher Sport, als Spiel der Könige.
Doch mehr und mehr Vereine, so auch der Uedemer Schachclub, kamen mit immer mehr Angeboten für Mitglieder und Interessierte ins Netz. Auf Schach-Plattformen wie Lichess, Chess.com oder Chess24 tummelten sich schon in 2020 die Fans des königlichen Spiels bei kürzeren oder längeren Partien und bei Turnieren.

Gegner per Smartphone eingeladen

In Uedem ist Josef Schenk der Mann fürs Virtuelle. Auf Plattformen wie Teamspeak und Lichess.org organisierte und organisiert er private Schachkämpfe, Schachturniere und Vereinsmeisterschaften. Zu Beginn wurden die Konkurrenten noch per Smartphone eingeladen, später fanden und finden die Wettbewerbe durchweg komplett im Netz statt. Es gibt virtuelle Spielräume allein für die Kontrahenten, Kiebitzräume für die Analyse der Gäste, und eine Lounge, für das Gesellige. Auch an den anderen Wochentagen, wie dem freitäglichen Vereinsabend besteht in Uedem die Möglichkeit, Schach zu spielen und zu chatten, was auch den ortsfernen Mitgliedern die Möglichkeit gibt, die Verbindungen an den Niederrhein zu halten.

Gezogen ist gezogen

Das anfänglich kritisch beäugte Schummelproblem ist für Heinz Aldenhoven mittlerweile obsolet: "Wir glauben nicht, dass die Leute fudeln." Vorbehalte gab es nur technischer Art: Wer mit der Computer-Maus versehentlich den falschen Zug macht, hat ein Problem, denn gezogen ist gezogen. Und wenn das private Internet abstürzt gilt die Partie als verloren, für den Verursacher.
Dem Internet-Schach kann Aldenhoven so manches Gutes abgewinnen. Der Uedemer Schachclub hat nach Worten seines Pressewartes seit dem Lockdown im vergangenen Jahr keine Austritte verzeichnen müssen, sondern im Gegenteil, sogar einige Neulinge begrüßen dürfen: "Schach scheint vor allem Menschen mit Migrationshintergrund eine gute Möglichkeit zu sein, sich in der Gemeinschaft zu integrieren, wir haben russischstämmige Spieler, Moldawier, Polen und andere in unseren Reihen."
82 Mitglieder, davon 9 weiblich und insgesamt 78 aktiv, weist die Homepage des Uedemer Schachclub (www.uedemer-schachklub.de) heute aus. Ziel des Vereins ist es in zwei Jahren zum 75. Geburtstag des Vereins die 100er-Marke zu erreichen. Heinz Aldenhoven: "Caissa, die (anachronistische) Göttin des Schachs, möge hilfreich sein..."

 Der Uedemer Schachclub 1948 e.V. wurde am Freitag, 12. März 1948 durch den mittlerweile verstorbenen Ehrenvorsitzenden Karl-Heinz Hoffesommer in der Gaststätte „Haus Franken“ an der Keppelner Straße gegründet. Erster Vorsitzender ist heute Johannes Janßen. Fünf Seniorenmannschaften sowie zwei Jugendmannschaften sind auf Verbands-, Bezirks- und Kreisebene aktiv. Schachvereine gab es in jeder Stadt und Gemeinde des Kreises. Die meisten Vereine (außer Turm Kleve) mussten ihren Betrieb einstellen. In Weeze gibt es noch eine Gruppe, die dem TSV Weeze angeschlossen ist, und vor Corona freitags zu regelmäßigen Schachabenden einlud. Uedem blieb erhalten Die derzeit geltenden Kontaktbeschränkungen treffen im Amateurbereich vielerorts auf Unverständnis. Für den Deutschen Schachbund zählt Schach zu den kontaktlosen Individualsporten. Diese Einschätzung wurde auch vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) offiziell bestätigt. Die Ansteckung sei geringer noch als die der Fußball-Bundesliga. Kontaktarm

Schach in Coronazeiten. Foto: Steve
Fürs Foto simulierten Heinz "Ali" Aldenhoven (links) und Spielleiter Josef "Jupp" Schenk, wie der Schachsport in Uedem gepflegt wird: Ein Laptop ersetzt das Schachbrett. Foto: Steve
Autor:

Franz Geib aus Goch

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