Deutsche und türkische Familien: gleiche Probleme

„Familien heute“ hieß eine Ausstellung der Ev. Kirche von Westfalen im Gemeindezentrum Holthausen, die jetzt zu Ende ging. Am Schlusstag gab es noch einmal eine Führung mit Pfarrer Ludwig Nelles (helle Hose). Mit dabei auch Dezernentin Beate Schiffer (Dritte v.r.) sowie Erkan Cöloglu (rechts), Vorsitzender vom Integrationsrat, und Dilek Eroglu (mit Handtasche), Frauenbeauftragte der Ditib-Gemeinde Hattingen. Foto: Römer
  • „Familien heute“ hieß eine Ausstellung der Ev. Kirche von Westfalen im Gemeindezentrum Holthausen, die jetzt zu Ende ging. Am Schlusstag gab es noch einmal eine Führung mit Pfarrer Ludwig Nelles (helle Hose). Mit dabei auch Dezernentin Beate Schiffer (Dritte v.r.) sowie Erkan Cöloglu (rechts), Vorsitzender vom Integrationsrat, und Dilek Eroglu (mit Handtasche), Frauenbeauftragte der Ditib-Gemeinde Hattingen. Foto: Römer
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Vor wenigen Tagen ist sie zu Ende gegangen, die Ausstellung „Familien heute“ der Ev. Kirche von Westfalen. Gezeigt worden war sie im Ev. Gemeindezentrum Holthausen an der Dorfstraße. Der STADTSPIEGEL sprach dazu mit „türkischen Hattingern“.

Familie ist ein Thema, zu dem jeder und jede etwas zu sagen und beizutragen hat, denn jeder hat Familie – auch ein Single. Im Stammbuch ist nachzulesen, wer zur Familie gehört und wer nicht.
Wie steht es um Familie bei Hattingern mit Migrationshintergrund? Erkan Cöloglu, Vorsitzender des Hattinger Integrationsrates und ehemaliger Vorsitzender der Ditib-Gemeinde Hattingen: „Wir sind gar nicht so weit weg von den Problemen in Familien der deutschen Hattinger. In der ersten Generation der so genannten Gastarbeiter gab es noch die typische Rollenverteilung wie in der Türkei. Der Vater war das Familienoberhaupt und sorgte für das Einkommen. Die Mutter war Hausfrau und Mutter. Zu der Zeit war es in türkischen Familien vollkommen normal, vier oder sogar fünf Kinder zu haben.“
Das habe sich in den letzten Jahrzehnten jedoch gewandelt, ein Umbruch sei erfolgt. Erkan Cöloglu: „Nehmen wir meine Familie. Ich arbeite, meine Frau ebenfalls. Sie ist Erzieherin. Wir haben nur eine Tochter. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, fünf Kinder groß zu ziehen. Da kann man sich um das einzelne mit seinen Sorgen, Nöten und Bedürfnissen doch gar nicht richtig kümmern.“
Für ihn kommt noch ein weiterer soziokultureller Aspekt dazu: Früher hätten sich die Familien regelmäßig gegenseitig besucht. Das sei heutzutage gar nicht mehr machbar, die Zeit fehle einem einfach dafür. Stattdessen spielten soziale Netzwerke wie Facebook auch unter den türkischstämmigen Mitbürgern eine immer größer werdende Rolle: „Da unterscheiden sich die Menschen mit Migrationshintergrund überhaupt nicht von denen ohne. Unterschiede gibt es doch höchstens noch dort, wo sie religiös bedingt sind.“
Auch die Rolle der Frau habe sich in den letzten Jahren sehr gewandelt, bestätigt Dilek Eroglu. Sie ist die Frauenbeauftragte der örtlichen Ditib-Gemeinde und gleichzeitig das lebende Beispiel für die neue Satzungsvorschrift der Ditib-Gemeinden. Danach müssen nämlich mindestens zwei Frauen mit im Vorstand wirken.
„Wir Frauen sind selbstbewusster geworden“, sagt sie und macht dem STADTSPIEGEL gegenüber dies anhand eines Beispiels deutlich: „Vor Jahren war es doch allein von ihrer Bildung her den Müttern gar nicht möglich, ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen. Heute ist das jedoch überhaupt kein Problem mehr. Ich selbst habe den Realschul-Abschluss und mein Sohn hat jetzt im Kindergarten einen Sprachtest so hervorragend absolviert, dass er sogar noch Zusatzpunkte erreicht hat.“
Dennoch geben beide Hattinger zu, dass es noch einiges zu tun gäbe. Beispielsweise seien bei den meisten türkischstämmigen Familien die Satelliten-Antennen für den Fernsehempfang immer noch auf die türkischen Programme ausgerichtet. Und dort würden sie mit unzähligen Serien zugemüllt, die den Alltag durchaus beeinflussen – vor allem negativ.
So sei vielfach dort der Vater noch mit dem Rollenbild eines „Pascha“ der Familie dargestellt, obwohl das mit der heutigen Realität nicht mehr viel gemein hätte, viele Frauen würden sich nach der gezeigten Mode kleiden und manche seien sogar regelrecht „Serien-süchtig“.
Dilek Eroglu und Erkan Cöluglü sind beide der Meinung: „Erziehungsfragen spielen in der Ditib-Gemeinde zurzeit eine große Rolle und zum Glück hat sich in den Familien seit früher sehr viel getan.“
Aber unterscheiden sich die Hattinger mit Migrationshintergrund denn dadurch tatsächlich so sehr von denen ohne Migrationshintergrund?
In einer Familie geht es nach Definition der Ev. Kirche darum, „in Liebe und Verantwortung füreinander zu sorgen, einander Sicherheit zu geben, die Kinder zu erziehen, Arbeit zu teilen, Verlässlichkeit zu bieten und Glück zu erleben. Familie ist da, wo Menschen dauerhaft und generationenübergreifend persönlich füreinander einstehen und Verantwortung übernehmen.“
Die Familienform „Ehepaar mit Kindern“ ist mit 72 Prozent nach wie vor die häufigste Familienform. Dazu gehören auch „Patchworkfamilien“. Weiter angestiegen ist vor allem die Zahl der nicht­ehelichen Lebensgemeinschaften, die sich in den letzten zwölf Jahren fast verdoppelt hat, beschreibt die Kirche und weiter: Eine Zunahme ist auch bei Alleinerziehenden zu beobachten. 2010 waren 19 Prozent alleinerziehend, zwölf Jahre zuvor waren es 14 Prozent. Das Alleinerziehen ist offenbar „Frauensache“: In neun von zehn Fällen war der alleinerziehende Elternteil im Jahr 2009 die Mutter.
Nichteheliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften nehmen zu, ebenso Wochenend-Ehen, getrennte Haushalte und Pendelbeziehungen.

Autor:

Roland Römer aus Hattingen

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