Wahl-Hattingerin Dr. Franka Bindernagel gibt Tipps für nachhaltigen Alltag
Zero Waste: das kommt mir nicht in die (Plastik)Tüte

Dr. Franka Bindernagel lebt seit einem Jahr in Hattingen. Auf dem Tisch hat sie nachhaltige Produkte aus ihrem Alltag aufgebaut. Foto: Pielorz
  • Dr. Franka Bindernagel lebt seit einem Jahr in Hattingen. Auf dem Tisch hat sie nachhaltige Produkte aus ihrem Alltag aufgebaut. Foto: Pielorz
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Dr. Franka Bindernagel (42) hat lange in Berlin gelebt. Seit einem Jahr wohnt die Mutter einer siebenjährigen Tochter mit Mann und Kind in der Hattinger Innenstadt. In einer Altbauwohnung versucht sie, zusammen mit ihrer Familie nachhaltig zu leben und einen guten ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. Das ist nicht immer einfach, aber sie hat trotzdem viele Dinge im ganz normalen Alltag für sich und die Familie verbessern können.
Etwas unglücklich ist die Nicht-Auto-Besitzerin mit dem öffentlichen Personennahverkehr. Zu teuer und zu schlechte Taktung. „Die Preise liegen dreimal so hoch wie auf vergleichbaren Strecken in Berlin und die Taktung ist nicht gut. Sie wird zum Dezember hin ja auch noch schlechter, wenn die S-Bahn ab und nach Hattingen nur noch halbstündlich verkehrt. Da kann ich verstehen, wenn man über die Anschaffung eines Autos nachdenkt. Die Frage ist dann aber immer noch, welches Auto und welche Größe es sein muss.“
Wesentlich besser schaut es bei den alltäglichen Einkäufen aus. Franka Bindernagel packt kleine Säckchen auf den Tisch. Sie sind für loses Obst und Gemüse und kommen mittlerweile bei vielen Lebensmittelhändlern zum Einsatz. „Noch gibt es hier keinen unverpackt-Laden um die Ecke, aber man kann trotzdem beim Einkaufen auf vieles achten. Zum Transport der gekauften Lebensmittel kann man Netze und Körbe nutzen. Oder die Baumwolltaschen. So kann man den Transport-Verpackungsmüll komplett vermeiden – selbst die Papiertüte ist natürlich immer noch besser als Plastik. Dann sollte man auf unverpacktes Obst und Gemüse achten. Äpfel in Plastikschalen oder Paprika in Folie, das muss nicht sein. Ich persönlich kaufe auch immer Käse oder Wurst an der Theke ein – das ist nicht ganz verpackungsfrei, aber immerhin reduzierter als die komplett verpackte Ware. In manchen Fällen wird auch der mitgebrachte eigene Behälter zum Neubefüllen erlaubt.“ Selbstverständlich wird der Kaffee nicht per Pappbecher im Stehen genossen – nachfüllbare Behälter sind auch hier ein Muss. Oder man nimmt sich einfach mal zehn Minuten Zeit und genießt die Tasse Auszeit im Sitzen – wie früher eben! „Und wer etwas Zeit für Backen und Kochen erübrigen kann, praktiziert nicht nur umweltweltfreundlich, sondern gewinnt auch neue Erfahrungen und – gemeinsam mit Kindern oder Freunden - hat Spaß.“

Weniger Müll, mehr Lebensqualität

Mindestens genauso gut sind Einsparungen in der Haushaltschemie und im Kosmetikbereich. „Ich habe nur noch selbstgemachten Essigreiniger und Gallseife. Damit kann man eigentlich alle Flächen reinigen und sämtliche Flecken entfernen. Im Kosmetikbereich nutze ich als Deo einen Kristall, der mit Wasser befeuchtet werden muss und dann prima Dienste versieht. Sehr sparsam im Verbrauch. Und es gibt Waschstücke, die wie ein Seifenstück geformt sind, aber keine Seife sind. Unsere Haut wird vom Säureschutzmantel umhüllt, der konstant einen pH-Wert von etwa 5,5 hat. Normal sind Werte von 4-6, was eindeutig im sauren Bereich liegt, der Name ist hier also Programm. Der Säureschutzmantel wird von unseren Schweiß- und Talgdrüsen gebildet und schützt die Haut vor dem Austrocknen sowie vor Keimen und Umwelteinflüssen. Wenn wir nun eine basische Reinigung – in der Regel Seife - wählen, wird der Säureschutzmantel zerstört und braucht mehrere Stunden, um sich zu regenerieren. In dieser Zeit ist die Haut ungeschützt und anfällig für äußere Einflüsse und Keime und auch für reizende Inhaltsstoffe. Hautirritierende Stoffe in Kosmetikprodukten können die Haut durch den fehlenden Schutz noch mehr irritieren als mit intaktem Säureschutzmantel. Deshalb verwende ich neutrale Waschstücke. Viele von ihnen sind vegan, tierversuchsfrei und kommen ohne Verpackung oder nur mit kleiner Pappschachtel aus. Ich mache das jetzt seit fast einem Jahr und brauche mich nicht mehr eincremen. Auch meiner Kopfhaut tut das gut – ein Shampoo nutze ich auch nicht mehr und für die Spülung nehme ich Kamillen- oder Schwarztee. Ich finde, auch unter dem Gesichtspunkt der zunehmenden Allergien eine gute Alternative.“
Noch ein weiterer Verpackungsmüllbereich kommt bei Franka Bindernagel nicht in die Tüte, sondern in kleine Stoffsäckchen: Geschenke. „Diese bunten Säckchen kann man selbst nähen, in Kreativläden fertig kaufen und immer wieder verwenden. Ist das Geschenk größer, dann greife ich zu Krepppapier. Wichtig ist mir, keine Folie oder andere Beschichtungen zu verwenden.“ Kommt dann noch Selbstgebackenes im Glas als Geschenk daher, passt es noch besser. Gerade in der Vorweihnachtszeit muss ein Geschenk durch aufwendige Verpackung oft viel mehr hermachen – warum eigentlich? Und macht es nicht am meisten her, wenn es selbstverpackt ist unter umweltverträglichen Gesichtspunkten?
Auch in Sachen Kleidung ist die studierte Soziologin und Geschichtswissenschaftlerin nachhaltig unterwegs. Bio – sehr gerne. Second hand – wo es möglich ist. „Hier gibt es im Ruhrgebiet schon noch deutlichen Nachholbedarf. Denn die Second hand-Szene in Berlin ist etwas anders aufgestellt“, findet sie. Für die Familie ist der nachhaltige Ansatz im Alltag übrigens kein Problem. „Meine Tochter wird so groß und mein Mann sieht vieles genauso“, sagt sie. „Vieles wird den Kindern auch heute über die Schule vermittelt – das ist gut so. Wir haben in einem Zeitraum von zwei Wochen nur einen halben gelben Wertstoffsack. Meistens jedenfalls. Und das bekommt man wirklich alltagstauglich hin.“
Jeder, so findet die Wahl-Hattingerin, wird in seinem persönlichen Alltag einen Bereich finden, in dem er nachhaltiger leben kann. „Vieles weiß man ja auch einfach, man muss es sich nur bewusst machen und dieses Wissen im Alltag leben. Das ist dann schon ein guter Anfang.“

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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