„Hattingen hat ein Siegel in Wappenform“

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Gastautor Ralf Stelter, Grafiker und Heraldiker aus Hattingen, schreibt derzeit an einem Werk über das Stadtwappen.
 
Siegel von etwa 1630, deutlich dreidimensional. Das derzeitige Stadtwappen - heraldisch völlig unbefriedigend und ebenfalls dreidimensional ausgestaltet. Repro: Stelter
(von Ralf Stelter)

Ralf Stelter, Grafiker und Heraldiker (Wappenfachmann) aus Hattingen, schreibt derzeit an einem Werk über das Hattinger Wappen. Dabei sind ihm einige Ungereimtheiten aufgefallen, die das Stadtwappen im Laufe der 100 Jahre seiner Meinung nach immer weiter „verschlimmbessert“ haben.

Unser heutiger Gastautor wird nach den Sommerferien eine neue Version des Stadtwappens vorstellen, einen heraldisch vertretbaren Kompromiss zwischen dem, was gewünscht war, und dem, was daraus gemacht wurde, wie er dem STADTSPIEGEL gegenüber deutlich machte.
Hier sein Beitrag dazu:

"Am 15. August 1911 genehmigte König Wilhelm II. von Preußen der Stadt Hattingen ihr Wappen. Die Idee des Königs war es, die zahlreichen von den Städten wappenartig geführten Siegel durch korrekt gestaltete Wappen zu ersetzen. Siegel sind dreidimensional und ohne Farben, Wappen hingegen sind zweidimensional und nach heraldischen Farbregeln gefärbt.
Als nach über eineinhalb Jahren Prüfung der eingereichte Wappenvorschlag genehmigt wurde, war durch zahlreiche Änderungswünsche seitens der zuständigen Bezirksregierung das Wappen derart verschlimmbessert worden, dass unsere Stadt seit dem genau das führt, was der König abschaffen wollte: ein Siegel in Wappenform.
Schon vor 1911 hatte Hattingen das Siegel als Wappen geführt. Bild des Siegels war der heilige Georg, der den Drachen tötet. Doch warum ausgerechnet dieser Heilige unser Wappen ziert und kein Hinweis auf die märkische Zugehörigkeit im Wappen vorhanden ist, darüber gibt es keine Belege.
Ich habe darum einmal ein Gespräch erfunden, in dem der Schultheiß von Hattingen, Conrad Lebbing, sich mit Wennemar Dücker, Amtmann aus Lüdenscheid, unterhält, wie denn wohl das Siegel Hattingens aussehen könnte.
Am 2. Juli 1396 besiegelten Graf Dietrich von der Mark, Johann Kückelsheim, Conrad Lebbing und Wennemar Dücker einen Befestigungsvertrag, der bei vielen als Beginn der Stadtwerdung angesehen wird.
Das folgende Gespräch könnte nach der Vertragsunterzeichnung stattgefunden haben. Der Graf ist abgereist und auch Johann von Kückelsheim ist nicht mehr anwesend. Allein Conrad Lebbing ist noch auf Haus Kliff und unterhält sich mit Wennemar Dücker.
,Wir sollen uns ein Siegel zulegen, hat der Graf gesagt. Was meinst du, Wennemar, was soll denn das Siegel zeigen?‘
,Was soll ich dazu sagen, schaut euch die Siegel doch an, die unter der Urkunde sind. Und dann macht es denen einfach nach!‘
,Schön, der Graf hat sich selbst dargestellt, mit seinem Wappen am Arm. Und auf dem Rücksiegel ist nur sein Wappen. Unser Ort hat aber keine Kampfschilde, also auch kein Wappen. Der Kückelsheim hat eine Pferdeprame in seinem Wappen, du deine fünf Balken und ich hab ein Antoniuskreuz drin.‘
,Aber davon können wir nichts verwenden. Die Siegel sind einfach zu persönlich!‘
,Was haben denn andere Orte in ihren Siegeln, Wennemar? Du kennst doch ein paar.‘
,Die Oberen meiner Stadt Lüdenscheid siegeln mit ihrem Stadtbild und darauf natürlich der Balken des Grafenhauses. Auch andere Orte zeigen ihre Wehrhaftigkeit und den Grafenbalken in ihrem Siegel.‘
,Wir haben aber keine Wehrmauern und keine Befestigung. Deswegen war der Graf doch hier! Was also sollen wir zeigen? Etwa wie arm wir dran sind? Und was sollen wir mit dem Grafenbalken zeigen? Dass wir ihm gehören? Er hätte uns doch auch ein Siegel mitbringen können!‘
,Das wir dann doch nicht verwenden? Du weißt doch, dass wir Hattinger eigen sind, und er weiß es auch! Er hätte uns damit brüskieren können. Also überlässt er es uns, was wir im Siegel zeigen wollen.‘
,Wie er uns alles überlässt! Ihr müsst euch befestigen, damit ihr euch verteidigen könnt, damit euch so leicht keiner überfallen kann. Ha, alles schlaue Sprüche von einem Gerngroß, der den mächtigen Grafen heraushängen lässt. Weißt du, dass der Kückelsheim nur deshalb auf Burg Blankenstein sitzt, weil der Graf das Geld nicht hatte, um Elverfeld zu überfallen? Er hätte seine Leute nicht ausrüsten und schon gar nicht bezahlen können! Da hat ihm der Kückelsheim ausgeholfen...‘
,Der Schlechteste ist der doch nicht, oder?‘
,Vergiss Köln nicht! Vieles von dem, was der Graf hier für sich deklariert gehört doch den Klosterleuten aus Deutz oder Essen!‘
,Dann lass uns doch einfach den Georg ins Siegel nehmen. Den hat der alte Erzbischof Adolf damals nach Hattingen gebracht, als er die Kirche gebaut hat, und den hat sein Bruder auch als Heiligen gehabt, der Altenaer, und dessen Sohn auch. Der hat hier unten nie jemanden belästigt. Erst als die Burg in Blankenstein gebaut war, ging doch für die Hiesigen der Ärger los. Was also sollen wir mit dem Grafenbalken im Siegel? Der meint doch dann, er hätte uns als Leibeigene! Und was erzählen wir dem Erzbischof? Der kommt doch gleich wieder mit seinen Leuten und schlägt Krach!‘
,Aber der Isenberger hat doch damals den Kölner Erzbischof überfallen. Wie können wir dann seinen Heiligen ins Siegel nehmen?‘
,Ganz einfach: Köln hat doch immer noch den Georg als Patron! Und außerdem hat doch der Erzstift den Isenbergern vergeben! Selbst Bischof Engelbert von Osnabrück, der Bruder unseres Friedrich, ist wieder in sein Amt eingesetzt worden, als der Erzbischof Heinrich tot war. Die haben doch gemerkt, dass der Mollenark gemeinsame Sache mit den Märkern gemacht hatte.‘
,Also lass uns vorschlagen, den Schutzpatron unserer Kirche ins Siegel aufzunehmen!‘
Wie erwähnt: Dieses Gespräch nach der Vertragsunterzeichnung ist reine Fiktion. Es ist noch nicht einmal klar, ob Hattingen der gräflichen Aufforderung, sich ein Siegel zuzulegen, schnell nachgekommen ist. Der Siegelnachweis von 1397 stellte sich als Fälschung heraus. Das früheste vorhandene Siegel stammt aus dem Jahre 1497. Es kann durchaus sein, dass sich Hattingen rund 100 Jahre Zeit gelassen hat! Andere Städte (ebenfalls unter Graf Dietrich) ließen sich offenbar ebenso lange Zeit.“
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Ulrich Jean Marré, M.A. aus Essen-Ruhr | 17.08.2011 | 09:22  
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