Das Ego unter Kontrolle bringen

Daniela wehrt sich und zielt auf die Augen. Alle Fotos: Detlef Erler
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  • Daniela wehrt sich und zielt auf die Augen. Alle Fotos: Detlef Erler
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Es schaut hübsch-adrett aus wie ein Gymnastikkurs: Zehn Männer und drei Frauen machen hingebungsvoll Seilchen-Springen – aber das ist nur das Warmmachen. Denn im alten Gymnastiksaal des Gymnasiums Eickel ist „Schlagring“ angesagt. Das ist keiner, den man an der Hand trägt, sondern eine Kombination aus Schlagen (Boxen) und Ringen.

Trainer Dietmar Berg legt großen Wert auf den historischen Hintergrund dieser Kampfkunst. „Schon im alten Ägypten und in Griechenland haben sie gerungen und geboxt“, gibt der 46-Jährige voller Elan zu verstehen.
„Später hat zum Beispiel Albrecht Dürer Ringer akribisch genau gezeichnet – veröffentlicht im ‚Fechtbuch‘ von 1512.“ Ringen war seinerzeit ein Fechten ohne Waffen. Und Dürer schuf nicht nur „Betende Hände“. . .
Berg will europäische Traditionen pflegen, bezeichnet „Schlagring“ als „erste eigenständige deutsche Kampfkunst seit Jahrzehnten“.
Um den Gegner zu verunsichern, müsse man verschiedene Körper-Ebenen angreifen, die Winkel der Schlagrichtung plötzlich wechseln, den Rhythmus des Kontrahenten brechen und sich in seinen Takt hineinkämpfen. Das alles dient erst einmal und vor allem dem Selbstschutz. „Wenn etwa eine Frau angegriffen wird, kann sie die Augen des Täters ausdrücken, auf den Gehörgang schlagen oder ihr Knie zwischen seine Beine rammen.“ Auch bei einem Raubüberfall können die Techniken hilfreich sein.
Die Selbstverteidigung ist ein erster Schritt – sie kann sich zum Hochleistungssport entwickeln. Ein Beispiel ist Mandy: 1977 Europameisterin im Kickboxen, unzählige Male Deutsche Meisterin und zwei Mal Vize-Weltmeisterin. Oder Sibel: Deutsche Meisterin im Thai-Boxen 2008.
„Einige aus unserer Trainingsgruppe treten an bei Wettkämpfen in Mixed-Martial-Arts. Das sind sowohl Schlag- und Tritttechniken des Boxens, Kickboxens sowie des Muay Thai und Karate als auch Bodenkampf- und Ringtechniken des Brazilian Jiu-Jitsu, Ringens, Judo und Sambo“, klärt Dietmar Berg auf. „Wir nehmen zudem teil an Sanda (chinesischer Freikampf mit Kickboxen, Werfen und Ringertechniken) sowie am Thai-Boxen“, ergänzt er.
Daniela hingegen sieht in der Schlagring-Kampfkunst erst einmal „einen guten Ausgleich zum Job“. Sie arbeitet in der Projektleitung einer Gebäudeentwicklung. Patrick hat das Training als Vorbereitung für die Bundeswehr genutzt. Jetzt ist er Beamter in einer JVA und setzt auf „Gefahren-Abwehr“. Peter ist vor allem fasziniert davon, „Bewegungen zu einem Ganzen zu verbinden“.
„Wir sind keine Chaoten, wir gehen niemals aggressiv aus dem Training raus“, entkräftet Dietmar Berg mögliche Vorurteile. „Meine Leute – vom Banker bis zum Polizisten, vom Maurer über den Studenten bis zum Selbstständigen – gehen tiefenentspannt nach Hause, denn wir schaffen es, das Ego unter Kontrolle zu bringen. Wir wollen, dass eine gefährliche Situation nicht eskaliert. Deshalb ist Selbstschutz so wichtig.“ So wichtig, dass viele Schulen bei ihm Deeskalations-Kurse buchen.
Wer sich informieren möchte, geht auf: www.fighters-world.de. Wer mitmachen möchte, ruft Dietmar Berg unter 0174/32 02 521 an. Trainiert wird zum Teil an fünf Tagen in der Woche im alten Gymnastiksaal des Gymnasiums Eickel. Dort hat auch inzwischen das Kinder-Training begonnen (17 bis 18 Uhr). Nur dienstags findet es in der DSC-Halle statt.
Die zehn Männer und drei Frauen haben unterdessen hart auf den Matten des Hallenbodens gearbeitet und jede Menge Schweiß vergossen. Aggressiv ist hier niemand, sondern gelassen und mit sich selbst im Reinen. So entspannend kann Kampfkunst sein.

Autor:

Bernhard W. Pleuser aus Essen-Kettwig

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