Die Felgenhelden: Marathon nach Istanbul

Durch Bulgarien hindurch
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Ein Mülheimer Tankwart in Österreich, slowenische Zöllner, die mit uns anstoßen, ein geplatzter Reifen in Bulgarien und ein 21-Stunden-Marathon bis Istanbul – knapp die Hälfte der Strecke haben die Felgenhelden bei der Rallye Allgäu-Orient hinter sich gebracht und dabei auch so einige Prüfungen bestehen müssen.

„Viel Spaß, Jungs“, wünscht uns Wilfried Gehr von der Rallyeleitung beim Start in Oberstaufen im Allgäu, „in spätestens zwei Stunden werdet ihr mich hassen!“ Was er damit wohl meint? Wir erfahren es bereits in Immenstadt kurz hinter Oberstaufen.

Im größten Kletterpark Bayerns muss das „Roadbook“ erobert werden. Hier stehen alle Aufgaben drin, die es bis Baku zu erfüllen gilt. Der Sieger erhält ein echtes Kamel. Thilo zieht das kürzere Streichholz. Er darf sich in bis zu 15 Meter Höhe auf der „Bärenstiege“ durch die Bäume hangeln. Eine Stunde und mindestens zwei Liter Schweiß verbraucht er für den anspruchsvollen Kletterparcours, dann halten wir endlich das Roadbook in den Händen – um nur ein paar der Aufgaben zu nennen: Einen Maibaum errichten, bis Ankunft am Berg Ararat eine Arche Noah im Maßstab 1:200 bauen, Aufkleber an unmöglichen Orten anbringen oder ein Bier mit einem Polizisten, Zöllner oder Bürgermeister trinken… Wilfried, wir hassen Dich!

Weiter geht’s. Als wir in Salzburg tanken spricht uns Frank an. Ich hab‘ nur „MH“ gesehen und dachte, da geh‘ ich an die Kasse, die sprichste mal an.“ Frank ist aus Speldorf, kennt daher sogar unseren Sponsor Auto Thon, lebt aber schon eine ganze Weile in Österreich. Frank erklärt uns noch den kürzesten Weg durch Salzburg, um 21.00 treffen wir an unserem Nachtlager am Wolfgangsee ein. Moritz und Reinold freuen sich tierisch über ihr Wurfzelt. Während die anderen noch mit Heringen nesteln, fliegt bei den Zweien schon der erste Kronkorken.

Am nächsten Morgen geht es über den Obertauernpass, durch Slowenien und bis ins nördlich von Zagreb gelegene Varazdin. Kurz vor der Grenze zu Kroatien nehmen wir eine falsche Abbiegung, die Straßen werden plötzlich immer kleiner und holpriger. Laut Karte müsste es aber auch hier einen Grenzübergang geben. Und tatsächlich: Mitten im Nichts ein kleiner Posten. Einer der slownischen Zöllner spricht Deutsch, wir erklären die Aufgabe mit dem Bier. Er grinst, „das wir kriegen hin“ – fürs Foto tut er so als kippe er das Bier weg (sicher ist sicher), danach wird gemeinsam angestoßen.

Bei den kroatischen Grenzern geht es weniger freundlich zu, mürrische Mienen, kurzer Kofferraumcheck, dann sind wir durch. Als wir den nächsten Ort passieren merken wir erst wie weit wir tatsächlich von der Strecke abgekommen sind. Um 22.00 erreichen wir Varazdin, eigentlich wollten wir heute weiterkommen, aber es ist schon dunkel und alle sind müde.

Der nächste Tag bringt uns nach Belgrad. In der wunderschönen Altstadt endlich richtig schlemmen, viel Fleisch, viel Raki, wenig Schlaf. Schließlich müssen wir früh weiter, um die verlorene Zeit einzuholen. Als wir morgens zu den Autos kommen staunen wir nicht schlecht. Über Nacht ist auf dem Dach unseres Volvo aus blauweißen Bierdosen und viel Gaffatape ein Mini-Maibaum gewachsen. „Grüße von Team 67“ steht dran. Wären die Dosen wenigstens noch voll gewesen…

Die Stoßdämpfer ächzen unter den schlagloch-übersähten Landstraßen in Serbien, die Fahrzeuge schlingern nach rechts und links, um den übelsten Kratern auszuweichen. Erst gegen Nachmittag erreichen wir die bulgarische Grenze, zurück in die EU. Die Straßen in Bulgarien sind besser – aber nur außerhalb der Städte. Innerorts ist es fast noch schlimmer als in Serbien.

Unser Ziel ist noch heute Nacht die türkische Grenze zu erreichen. PENG! Ein lauter Knall lässt uns aufschrecken, der Nissan zieht plötzlich nach rechts, flapp, flapp, flapp, das rechte Vorderrad knirscht und zischt auf dem Asphalt. Als wir nachsehen sieht der Reifen aus wie mit einem Dosenöffner aufgeschlitzt.

Radwechsel. Es klappt nicht auf Anhieb, das Ersatzrad passt nicht. Gut, dass wir eine KFZ-Werkstatt als Sponsor haben. Alfred Thon erklärt uns über Handy, dass wir einen Zwischenring entfernen müssen. Bei den alten Alufelgen wurden diese als Adapter verwendet. Also weg damit, nun passt es auch. Wir sind heilfroh, denn es ist 21:00 und wird bereits dunkel.

Bis zur türkischen Grenze sind es noch über 300 Kilometer und das im Dunkeln. Trotzdem, wir beschließen durchzufahren, um die langen Wartezeiten tagsüber am Zoll zu vermeiden. Kurzer Tankstopp, Fahrerwechsel. An der Tanke treffen wir noch ein Team, ebenfalls in Zeitverzug, ein weiteres überholen wir kurz darauf. Endlich, um 3.00 erreichen wir die Grenze. Fast eine Stunde dauert es, bis wir alle Formalitäten erledigt haben.

Es ist bereits 4.00, alle sind erschöpft, der Campingplatz kurz hinter der Grenze bereits geschlossen. Irgendwann wollen alle nur noch schlafen, seit 21 Stunden sind wir unterwegs. Wir stellen die Autos einfach an einer Straßengabelung ab, Sitze nach hinten, Schlafsäcke raus, die Augen fallen von alleine zu.

Vier Stunden später holen uns die Imame der nahen Moschee mit lautem Gesang aus dem Schlaf, die Sonne scheint prall aufs Auto, um uns herum Hupen, staunende Blicke, einige Autos halten an, fragen uns nach unserem Ziel. Istanbul ruft. Nach einem improvisierten Frühstück – nochmal Fahrerwechsel – geht es weiter. Die Straßen sind nun fast Autobahnen, es geht gut voran. Wir sehen immer mehr Teams - rote, blaue, grüne Rallyeautos überholen uns, man begrüßt sich hupend.

Endlich, nach einer letzten Hügelkuppe liegt das Ziel vor uns. Endspurt. Wir gewöhnen uns schnell an den türkischen Fahrstil, laut hupend schneiden wir im Slalom durch die Innenstadt. Vorfahrt und rote Ampeln sind hier allenfalls vage Anhaltspunkte, im Zweifel einfach mit Vollgas in die Lücke, der andere bremst schon. Fast eine Stunde benötigen wir, um durch die Innenstadt zum Fahrerlager an der Blauen Moschee zu gelangen.

32 Stunden nach unserem Aufbruch in Belgrad sind wir endlich da, fix und fertig. Aber alle sind glücklich, die erste Etappe haben wir hinter uns. Drei Tage bleiben wir nun in Istanbul, bevor es weitergeht, können uns und den Fahrzeugen eine Ruhepause gönnen und die wunderschöne Innenstadt besichtigen. Außerdem müssen wir noch Ersatz für das kaputte Rad besorgen.

Schließlich liegt noch über die Hälfte der Strecke bis nach Baku in Aserbaidschan vor uns. Aber jetzt heißt es erst einmal erholen vom Marathon nach Istanbul!

Den ersten Beitrag zur Rallye und den Vorbereitungen zum Start lesen Sie hier

Mehr zum Team Felgenhelgen und dem Auto, in dem es startet, lesen Sie hier

Autor:

Reinold Növermann aus Mülheim an der Ruhr

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