Martin Luther: Ein Reformator mit Makel. Bericht von Christina Kirsch über einen Vortrag von Wolfgang Beutin

Luther allerorten. Der Historiker Wolfgang Beutin verschwieg in seinem Vortrag an der Urspringschule die Schattenseiten des Kirchenerneuerers nicht. Was fand Luther für eine Gesellschaft vor? In welchem Zustand war 1517, dem Jahr seines Thesenanschlags, die Kirche? Beutin beschrieb im ersten Teil seines Vortrags die Zeit und den Einfluss der Kirche. „Die Kirche war ein wichtiger Machtfaktor der damaligen Gesellschaft“, sagte der Referent. Päpste verschenkten Ländereien, unter anderem an Spanien und Portugal. Unter dem Vorwand der Heidenmission wurden Ureinwohner Lateinamerikas ermordet.

Päpste führten Kriege

„Päpste führten an der Spitze ihrer Heere Kriege“, sagte Beutin, der schon 1982 vor Luthers 500. Geburtstag das Buch „Der radikale Doktor Martin Luther“ veröffentlichte. In der dritten Neuauflage ist das Buch aktualisiert, erweitert und mit aktuellen Positionen unter anderem von Margot Käßmann und Heiner Geißler angereichert worden. „Man kann sich die Machtfülle der Kirche des 16. Jahrhundert heute nicht mehr vorstellen“, sagte der Historiker. „Der Papst beanspruchte die Weltherrschaft und die geistliche Rechtsprechung durchdrang die weltlichen Gerichte“. Zu Luthers Zeiten durften Laien keine Bibel besitzen, die Kirche hatte das Monopol der Lehre. Luther wandte sich gegen diese Machtfülle und ihre Auswüchse. „Die Ablehnung der Werkheiligkeit ist der Kern von Luthers Lehre“, erläuterte der Wissenschaftler. Unter Werkheiligkeit versteht man die Vorstellung, dass sich der Mensch durch gute Werke oder Gebete seinen Aufenthalt im Himmel sichern oder zumindest besser erwirken kann. In vorreformatorischer Zeit bestand ein abgestuftes System der Gnadenmittel, mittels derer der Mensch schon zu Lebzeiten für sein Seelenheil sorgen konnte.

Der Kirche brachten diese Ablasszahlungen enormen Reichtum. Beutin fasst Luthers Lehre mit dem Satz „An die Stelle des moralischen Zwangs steht freiwilliges Guthandeln“ zusammen. Das Geld und Gut, das die Kirche gestohlen habe, müsse zurückgegeben werden, forderte Luther. Von sieben Sakramenten entfallen fünf und der Unterschied zwischen geistlichem und weltlichen Stand müsse eingeebnet werden. Mit der Forderung „Es ist doch immerfort ein Mensch so wertvoll wie der andere“ verlangte Luther die Gleichheit aller Menschen.

Luthers Hetztiradene

Auch den Frieden, „der das größte Gut auf Erden ist und worin alle weltlichen Güter inbegriffen sind“, forderte er. Unbestritten sind Luthers gute kirchenkritischen Ansätze, aber es gibt auch noch den anderen Luther. Es ist ein Theologe, der Hetztiraden gegen Juden und Türken führte und der „wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ wetterte. Nach Beutin war Luther kein Antisemit, sondern antijudaistisch eingestellt. Er habe die Juden abgelehnt, weil die gegen Jesus gewesen seien. Nach Luther durften die nicht getauften Juden verfolgt werden. Auf den Reformator fallen noch andere Makel. „Luther vertrat die Ansicht, dass Frauen, die sexuellen Verkehr mit dem Teufel hatten, verbrannt werden durften“, sagte Beutin. Luther habe zur Hexenverbrennung widersprüchliche Aussagen gemacht. „Er empfahl theoretisch die Hexenverbrennung und wollte andererseits die Hexen vor dem Tod bewahren“. Luther sei der Meinung gewesen, dass das Böse nicht auszurotten sei. So schlug er sich auch im Bauernkrieg auf die Seite der weltlichen Obrigkeit, der Fürsten. Für Beutin spricht daraus der Realitätssinn der Reformators, der die Fürsten für die Durchsetzung seiner innerkirchlichen Erneuerung brauchte. Am Ende des Vortrags blieb ein zwiegespaltenes Lutherbild. Luthers Verdienste um Sozialethik und die Säkularisation müssen demnach nicht geschmälert werden. Aber seine feindselige Haltung gegenüber den Juden und seine schmeichlerische Nähe zu den Fürsten gehören ebenfalls zu Luther. Man dürfe von einem einzelnen Gesichtspunkt nicht auf die ganze Gedankenwelt Luthers schließen, empfahl Beutin.

CHRISTINA KIRSCH

[Ehinger Tagblatt. Südwest Presse vom 18.02.2017]

Autor:

Dietrich Stahlbaum aus Recklinghausen

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