Besichtigung in der Gießerei: Eine ganz heiße Sache

Rund 20 Besucher nahmen an der Besichtigung der Gießerei statt, die die SPD Velbert in ihrem Sommerprogramm angeboten hat. Hier die Gruppe, die Kevin Knackert (4.v.r.), Abteilungsleiter bei der GEW Guss, durch den Betrieb führte.  Fotos: Schröder
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  • Rund 20 Besucher nahmen an der Besichtigung der Gießerei statt, die die SPD Velbert in ihrem Sommerprogramm angeboten hat. Hier die Gruppe, die Kevin Knackert (4.v.r.), Abteilungsleiter bei der GEW Guss, durch den Betrieb führte. Fotos: Schröder
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Besichtigung in der Gießerei: "Alles was ein Rad hat, hat Vorfahrt!"

Eine ganz heiße Verabredung hatte die Redaktion des Stadtanzeigers mit einigen interessierten Bürgern Mitte letzter Woche: die Besichtigung der Gießerei GEW Guss an der Industriestraße 35.

In sommerlicher Kleidung und teils in Sandalen trafen sich die Teilnehmer der Veranstaltung des SPD-Sommerprogramms vor dem Eingang. Manche flüchteten angesichts der um 11 Uhr morgens bereits sehr hohen Temperaturen gleich in den Schatten. Und dabei sollte es drinnen doch noch heißer werden!
Die knapp 20 Interessierten wurden begrüßt von GEW-Betriebsleiter Christian Leick und Abteilungsleiter Kevin Knackert. Dann ging es in zwei Gruppen durch den Betrieb, damit jeder einen guten Blick bekommen würde und Fragen stellen konnte. Der Stadtanzeiger machte sich bewaffnet mit Block und Fotoapparat auf den Weg mit Kevin Knackert.
"Die erste Regel hier lautet: Alles was ein Rad hat, hat Vorfahrt!", mahnt der Mann für Planung, Organisation und Abläufe gleich zu Anfang. Schließlich findet die Führung während des normalen Betriebs statt, und Sicherheit geht vor.

Vieles ist immer noch Handarbeit

Los geht's in der Modellbau- und Mustermacherei, wo wir erfahren, dass es in der Firma lange noch alte Muster aus der Kriegszeit gab, etwa für Granathülsen – und die Rede ist hier von Granathülsen für den Ersten Weltkrieg. Im Grunde genommen gäbe es den Gießereimechaniker bereits seit 5000 Jahren und vieles sei immer noch reine Handarbeit, betont Knackert. Auch, wenn man heute zum Beispiel Guss-Modelle aus hochwertigen Kunststoffen herstellt und am Computer vorgearbeitet wird. Überall wird im wahrsten Sinne des Wortes Hand angelegt, von der Mustermacherei bis zur Endkontrolle, die man lieber erfahrenen Mitarbeitern überlässt anstatt optischen Kontrollsystemen.
Ich bin deshalb ein bisschen überrascht, so viele Leute im Betrieb zu sehen, hatte ich mir doch vorgestellt, dass hier heutzutage fast alles von Maschinen gemacht wird. Einer der Teilnehmer macht jedoch die Bermerkung, dass man früher mehr Menschen in den Gießereien gesehen hätte. Und die Velberter müssen es wissen, gab es doch früher viele solcher Betriebe hier. "Die Gießereien waren früher die Hauptarbeitgeber hier. Sie haben Velbert reich gemacht", erklärt mir als Ortsunkundiger ein Teilnehmer. Es sei viel für die Autoindustrie gearbeitet worden, doch viele hätten später die Produktion ins Ausland verlegt, zum Beispiel nach Spanien, weil es dort billiger war und eine nach der anderen Gießerei sei aus Velbert verschwunden.
War es an den ersten Stationen noch angenehm kühl, wird es langsam wärmer, als wir uns der sogenannten Kermacherei nähern. "Sieht ein bisschen aus wie in einer Bäckerei", sagt ein Besucher schmunzelnd über die gelben Werkstücke, von denen manche wie Küchlein oder seltsame Plätzchen aussehen. Und so ganz unrecht hat er nicht, denn hier werden die Kerne in der Hotbox bei bis zu 200 oder 300 Grad "gebacken".

Dann wird es doch noch schmutzig, laut und heiß

Dahinter wird es dann doch noch laut und schmutzig und heiß, denn hier wird schließlich heißes Metall gegossen. Förderbänder mit dunklem Sand laufen über uns hinweg. Mein weißes T-Shirt war für diesen Termin vielleicht doch nicht die beste Wahl.
Beim Gießvorgang, den wir allein schon wegen der Hitze aus gebührendem Sicherheitsabstand verfolgen, sehen wir große Sternchenfunken springen, während der allgegenwärtige dunkle Staub alles ein wenig verschleiert. Den Erklärungen von Kevin Knackert kann ich kaum noch folgen, vor allem, weil es viel zu laut ist, aber auch, weil ich abgelenkt bin vom Anblick des geschmolzenen Metalls. Für mich schließlich alles andere als alltäglich und schon irgendwie magisch, beruht doch fast unsere gesamte Zivilisation letztlich auf der Entdeckung und Weiterentwicklung der Metallverarbeitung.
"Gibt es noch Fragen?", ruft Kevin Knackert in die Runde. Bestimmt. Aber so konkret hat jetzt keiner eine Frage. "Um das alles zu verstehen, müsste ich noch mindestens zweimal hier eine Führung mitmachen", sagt der Herr neben mir. Dem kann ich nur zustimmen.
Ein spannender Abschnitt ist noch die Temperei. Zu sehen gibt es hier nicht viel, aber beim "Tempern" passiert das, was das Endprodukt des Tempergusses so erfolgreich macht: Eine enorme Festigkeit bei hoher Flexibilität und eine sehr hohe Zugfestigkeit. Außerdem: "Es gibt nur noch ganz wenige Tempereien in NRW", erklärt Knackert. "Wir tempern deshalb auch für andere Gießereien den Temperguss." Der Trick dabei ist, über Erhitzen und langsames Abkühlen der Teile, Kohlenstoff entweichen zu lassen.
Am Ende stellen wir überrascht fest, dass die Führung gut anderthalb Stunden gedauert hat. "Hätt ich nicht gedacht, dass das so interessant sein würde", sagt ein Teilnehmer. "Ja, es war warm und natürlich auch dreckig, aber das hatte ich mir schlimmer vorgetellt", meint eine Teilnehmerin und lacht. Und alle Besucher sind begeistert und danken Kevin Knackert von Herzen für die informative Besichtigung - und das noch bevor er uns mitteilt, dass es für jeden außerdem noch ein kleines Geschenk hat. Jeder darf in einen Karton greifen und sich ein Teil herausgreifen. Ich nehme eine kleine Katzenfigur in die Hand und denke sofort "boah, ist die schwer!". Klar, ist aus Gusseisen, kennt man doch.

 Die Besichtigung der Gießerei ist Teil des Sommerprogramms der SPD Velbert, die noch bis Ende August Veranstaltungen anbietet.
 Bei der der Gew-Guss GmbH in Velbert, werden alle gängigen Hartguss, Temperguss und Gusseisensorten nach DIN gefertigt.
 In Velbert enstand im 19. Jahrhundert die größte Konzentration von Gießereien Deutschlands. Im Jahr 1892 gab es in Velbert 14 Eisen- und Tempergießereien sowie 18 Gelbgießereien. Velbert war zu dieser Zeit der größte Gießereistandort Europas.

Autor:

Annette Schröder aus Bochum

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