Fien Veldmans beeindruckender Debütroman „Xerox“
Der Drucker als einziger Freund

Der Romanerstling der jungen niederländischen Autorin Fien Veldman ist gleich ein großer literarischer Wurf. Mit geradezu sezierendem Blick und anspruchsvoller Komposition betritt die 34-Jährige mutig und voller Elan die literarische Bühne. In ihrem schmalen Roman thematisiert sie viele zeitgenössische, gesellschaftlich relavante Sujets. Es geht in „Xerox“ um die Vereinsamung der Individuen, um Veränderungen in der Arbeitswelt und um die Reduzierung der verbalen Kommunikation und der sozialen Interaktion auf ein Minimum.

Im Mittelpunkt des Romandebüts der in Leeuwarden geborenen Schriftstellerin, die bisher vor allem als Journalistin und Theaterkritikerin arbeitete, steht eine namenlose, aus einfachen Verhältnissen stammende junge Frau aus der Provinz.
Der Einstieg wirkt eher irritierend, aber eine absurde Note zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Es beginnt mit einer Paketsendung, die offensichtlich an eine falsche Adresse geschickt wurde. Die Protagonistin macht sich auf den Weg, um das Paket abzuholen. Sie kennt weder den Inhalt noch weiß sie, wer der Absender ist.
Die junge Frau arbeitet in einem Amsterdamer Start-up und bedient dort den Drucker, der pausenlos E-mails „ausspuckt“. Kontakt zu anderen Mitarbeitern hat sie nur sporadisch, sie lebt zurückgezogen – in einer Mischung aus Frustration und Gleichgültigkeit. Trotz ihres Studiums hat die moderne Ellenbogengesellschaft ihr „nur“ den Job am Büro-Drucker zugewiesen. Eine Tätigkeit, die sie glücklich-unglücklich macht. Sie ist zwar einsam, wird aber auch nicht permanent gegängelt und kontrolliert.
Die junge Frau redet laut mit den Drucker, offenbart ihm ihre trostlose Vergangenheit in der Provinz und ihren latenten Wunsch nach sozialem Aufstieg. Diese Passagen heben sich schon optisch durch das kursive Schriftbild ab, wirken zugleich tragisch und komisch. Dahinter verbirgt sich die Enttäuschung, nach dem Studium keinen adäquaten Job gefunden zu haben.
Die Kolleginnen und Kollegen haben keine Namen, sondern werden nach ihrer Funktion („Chef“, „Projekt“ oder „PR“) benannt. Austauschbar wie programmierbare Maschinen und total entmenschlicht.
Die Erzählerin lässt uns (abseits ihres Arbeitsplatzes) auf ihrem Weg durch die Straßen Amsterdams an ihren Beobachtungen der „Vermüllung“ als Auswuchs der Wegwerfgesellschaft teilhaben. Die Metropole droht im Müll umzukommen. Autorin Fien Veldman erzählt durchgehend im Präsens und holt den Leser dadurch ganz nah an die Geschehnisse heran. Ihre Sprache ist schnörkellos, wirkt bisweilen sogar so kalt und abweisend wie der Alltag der Protagonistin.
In „Xerox“ erleben wir ein Höchstmaß an Entfremdung und Frustration. Die dargestellte Leere im Arbeitsalltag mündet in der absurd wirkenden Ersatzbefriedigung menschlicher Bedürfnisse durch den Drucker. Er hört zu und widerspricht nicht. Und wieder wirkt es tragisch und komisch gleichzeitig.
Den Namen Fien Veldman werden wir uns merken müssen. Eine junge Frau mit wachem Blick, eine neue unverbrauchte Stimme in der Gegenwartsliteratur. Mit ihrem Romandebüt „Xerox“ hat sie die Messlatte für Nachfolgewerke sehr hochgelegt. Man darf gespannt sein, ob sie dieses Niveau halten kann.

Fien Veldman: Xerox. Roman. Aus dem Niederländischen von Christina Brunnenkamp. Carl Hanser Verlag, München 2024, 223 Seiten, 23 Euro

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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