Milena Busquets' Roman „Meine verlorene Freundin“
Der Name der Toten

Welch furioser, aber auch beklemmender Romaneinstieg: „Gema ist für mich immer der Name einer Toten gewesen. Oder nicht immer, aber seit gut dreißig Jahren, und das ist fast dasselbe. Sie starb mit fünfzehn. Zwei Jahre später starb mein Vater.“

Die 50-jährige Autorin Milena Busquets, die nach ihrem Archäologiestudium in London in Barcelona lebt und arbeitet, nimmt einen thematischen Faden aus ihrem Bestseller „Auch das wird vergehen“ (2016) wieder auf. Hier wie dort geht es um den Verlust eines nahestehenden Menschen, um Trauer und Erinnerung. Im Erstling war es die autofiktionale Aufarbeitung des Todes der Mutter, der renommierten Autorin und Verlegerin Esther Tusquets, die 2012 gestorben ist. Nun geht es um den Tod der einstigen Mitschülerin Gema, die im Alter von 15 Jahren den Kampf gegen die Leukämie verloren hat. Schon nach wenigen Seiten des trotz des traurigen Inhalts sehr flott und kurzweilig erzählten Romans stellt sich die Frage: Geht es hier wirklich um den fast 30 Jahre zurück liegenden Tod der Mitschülerin? Oder betreibt die Ich-Erzählerin, eine Mittvierzigerin, die sich als Übersetzerin einen Namen gemacht hat und zur intellektuellen Schickeria Barcelonas gehört, eine versteckte Selbstbefragung und ein verzwicktes Spiel mit der subjektiven Komponente von Erinnerungen.
Irgendwann zu Beginn der Schulferien (ihre Söhne befinden sich mit den Vätern im Urlaub) landet die Protagonistin in einem Restaurant, das einst Gemas Eltern gehört hatte und in dem gemeinsam Kindergeburtstage gefeiert wurden. Bei der Hauptfigur setzen Erinnerungen ein, sie kontaktiert damalige Mitschülerinnen und ist im Rückblick verwundert darüber, wie schnell man nach Gemas Tod wieder zum Alltag übergegangen ist.
Die Recherche wird intensiviert: Google wird zu Rate gezogen, Klassenfotos und Traueranzeigen gesichtet, und es folgt ein Besuch in der alten Schule. Je mehr sie nachfragt, umso mehr Zweifel mischen sich in die eigenen Erinnerungen. Was war wirklich mit ihrer letzten Begegnung auf dem Schulhof, nachdem Gema zuvor wegen ihrer Krankheit einige Wochen im Unterricht gefehlt hatte. „Wir benahmen uns wie Erwachsene, wir sagten nichts von dem, was wir dachten. Unsere Eltern wären stolz auf uns gewesen, sie hätten es selbst nicht besser hingekriegt. Ich sah sie nie wieder.“
Dieser Roman handelt nicht nur von den verschwommenen Jugenderinnerungen, in die kaum noch Ordnung zu bringen ist, sondern auch vom Hier und Jetzt einer selbstbewussten Frau in den besten Jahren, die mit leichter Hand über Mode, Männer, Job und Moral philosophiert und von leichten Anflügen einer midlife-crisis heimgesucht wird.
Die Beziehung zu ihrem Partner Bruno ist mehr als kompliziert: „Wenn ich die Augen aufschlug und dabei aus irgendeinem Grund dem Blick einer anderen Person begegnete, die mich ansah, spürte ich unweigerlich einen Anflug von Panik und schlechter Laune.“
Wie schon in ihrem Vorgängerwerk über den Tod der Mutter versteht es Milena Busquets vorzüglich, die Atmosphäre von Orten einzufangen und sie vor dem Auge des Lesers spürbar werden zu lassen. War es vor sechs Jahren die Abgeschiedenheit des Künstlerdorfes Cadaques, ist es nun die pulsierende katalanische Metropole Barcelona, deren Sommerhitze in den Ramblas, deren Geschäftigkeit und kulturelle Vielfalt als Hintergrundmelodie mitschwingt.
Milena Busquets erzählt mit ganz viel Augenzwinkern und Selbstironie, gibt aber ihrer Protagonistin auch eine gehörige Portion Narzissmus mit auf den Weg. Ein Roman über verblasste Erinnerungen und deren kaum nachprüfbare Qualität, über Tod und Trauer und den nicht greifbaren Faktor Zeit. Die „verlorene“ Freundin bleibt am Ende eine Fremde, ihr Tod fungiert lediglich als Initialzündung für eine assoziative Selbstbefragung.
Vor wenigen Wochen ist in Spanien Milena Busquets' Tagebuchband „Las palabras justas“ (dt.: Die schönen Worte) über das erste Corona-Jahr erschienen. Nach ihrem Bekunden „ein sehr lebendiges Buch“, in dem es mehr um Liebe und Jugend als um den Tod geht.
Man darf sich schon jetzt freuen, denn diese Autorin scheint es immer wieder zu schaffen, „schwere“ inhaltliche Kost mit ganz viel Raffinement und leichter Hand zu Papier zu bringen.
„Vielleicht ist das Schreiben immer irgendwie auch Archäologie – man geht immer tiefer und versucht zu sehen und verstehen, was da ist“, hat Milena Busquets ihr dichterisches Credo beschrieben. Man möchte sie gern bei weiteren literarischen Ausgrabungen begleiten.

Milena Busquets: Meine verlorene Freundin. Roman. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp Verlag, Berlin 2022, 137 Seiten, 22 Euro

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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