Judith Hermanns Roman „Daheim“
Die zersägte Frau

Um die Suche nach einer geografischen wie auch geistigen Heimat befinden sich die Figuren in Judith Hermanns zweitem Roman „Daheim“. Mit der inzwischen 51-jährigen Autorin sind auch ihre Protagonisten gealtert.

Vor 23 Jahren hat Hermann mit ihrem literarischen Debütwerk „Sommerhaus, später“ gleich einen grandiosen Erfolg gefeiert. Der Band avancierte zum Bestseller, und der Name Judith Hermann galt fortan beinahe als Synonym für das mediale Phänomen „Fräuleinwunder“. Als „Stimme ihrer Generation“ wurde sie gefeiert und ihren Texten ein „unwiderstehlicher Sog“ attestiert. Ihr 2014 erschienener, erster Roman „Aller Liebe Anfang“ war eher unspektakulär, bisweilen etwas langatmig geraten und kreiste um eine Frau mittleren Alters, die eine Zwischenbilanz gezogen hat.
Nun hat Judith Hermann zum ersten Mal ein sozialkritisches Fundament für ihren Roman gelegt und lässt ihre namenlose weibliche Hauptfigur aus der Perspektive einer Arbeiterin in einer Zigarettenfabrik berichten. „Die Arbeit war simpel“ resümiert die Frau rückblickend auf die 30 Jahre zurück liegende Zeit, in der sie in einer Einzimmerwohnung im fünften Obergeschoss wohnte und der Blick vom Balkon zu den emotionalen Highlights gehörte. Das rege Treiben auf einer gegenüberliegenden Tankstelle übt eine seltsame Faszination aus. Dort begegnet sie einem Zauberer mit auffallend weißem Haar, der sie als Assistentin für seine Bühnenshow als „zersägte Frau“ gewinnen will. Wenig später schlüpft die damals junge Frau in die Kiste, geht aber nicht auf das Angebot des Zauberers ein, mit ihm auf Kreuzfahrt-Tournee zu gehen.
Die Metapher vom zersägten Menschen steht bei Judith Hermann hier für (mindestens zwei Figuren) eine Zweiteilung des Lebensweges, für gravierende Zäsuren. Die Frau gib ihren anstrengenden Job in der Zigarettenfabrik auf, sucht die Abgeschiedenheit eines norddeutschen Küstendorfes, wo sie in einer Kneipe ihres Bruders kellnert. Der Neuanfang in der Provinz entpuppt sich als Fluch und Segen gleichzeitig. „Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich in einem Haus wohne. Alleine lebe in einem Haus.“ Um sie herum tummeln sich allerdings ziemlich skurrile Figuren – unter ihnen auch ihr sammelwütiger Ex-Ehemann Otis, mit dem sie eine gemeinsame Tochter hat, und der sie aus der Ferne mit seinen Briefen „nervt“ und so die Erinnerung an ihr „erstes Leben“ wachhält.
Bruder Sascha, dem sie in seiner Gaststätte hilft, unterhält eine Beziehung zu der nicht einmal halb so alten Nike, die stark traumatisiert ist, weil sie als Kind von ihrer Mutter oft in einer Kiste eingesperrt wurde.
Dann ist da noch Bildhauerin Mimi, die drei gescheiterte Ehen hinter sich hat und ein ausgeprägtes Faible fürs Nacktbaden pflegt. Deren Bruder Arild betreibt Viehwirtschaft auf einem gut florierenden Bauernhof, hat ein Auge auf die Ich-Erzählerin geworfen und tischt ihr ein miserabel zubereitetes Tiefkühlkost-Dinner auf. Nicht nur deswegen entsteht keine Sympathie, das Schlafzimmer empfindet die Protagonistin als „eine Zentrale zur Durchsetzung eines komplizierten und persönlichen Systems.“ Richtig glücklich ist hier niemand, das klaglose Sich-Abfinden, das Arrangieren mit den Lebensumständen eint die Figuren trotz ihrer unterschiedlichen Lebenswege.
Judith Hermanns Tonfall hat sich verändert. Die etwas zähe, aber kunstvoll kultivierte Melancholie aus den voran gegangenen Büchern rückt in den Hintergrund und ist einer angenehmen Polyphonie gewichen. Die Figuren denken und fühlen nicht mehr im emotionalen Gleichschritt, buhlen beim Leser nicht um Sympathiepunkte und wirken dadurch (trotz ihrer Marotten) ausgesprochen authentisch.
Das Leben hat kleine Wunde hinterlassen, und nicht immer führen Aufbrüche und Neuanfänge zum großen, vielleicht erhofften Glück. Am Ende sitzt die Hauptfigur - einigermaßen mit sich und ihrem Leben versöhnt – auf einem Stuhl und beobachtet eine aufgestellte Marderfalle. Eine Szene mit beinahe kontemplativem Charakter. „Ich trinke den Tee, den letzten Schluck schütte ich ins Gras. Dann beuge ich mich vor, atme ein und mache die Falle auf.“ Eine andere, eine völlig neue, vielleicht die beste Judith Hermann, die wir je hatten.

Judith Hermann: Daheim. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2021, 189 Seiten, 21 Seiten.

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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