Paulus-Oratorium am 26. Mai 2013 in St. Mariä Himmelfahrt Wesel

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Was ein Chorsänger lernt (Teil 2) „Paulus“-Oratorium von Felix Mendelssohn Bartholdy oder: das geniale Musical des 19. Jahrhunderts

Der Chorsänger lernt wieder - diesmal kommt ein großartiges Oratorium am 26. Mai 2013 um 19 Uhr in St. Mariä Himmelfahrt Wesel zur Aufführung. Und das hat es in sich, denn wiederholt sind in einer Mischung aus Rezitativen, Arien und Chorpartien die Chöre aktiv an der Handlung beteiligt.
Das fast auf den Tag genau vor 177 Jahren (am 22. Mai) uraufgeführte Werk ist nicht nur hinsichtlich der ausführenden Besetzung und der Aufführungsdauer gewaltig, sondern hat eine musikalische Eingängigkeit, die sich mit dem mitreißenden Empfinden eines heutigen Musicals vergleichen lässt.

Die Handlung besteht aus zwei Teilen: Während der erste Teil mit der Verfolgung des jungen Christentums durch Saulus und dem Damaskuserlebnis seine dramatischen Steigerungen aufweist, hat der zweite Teil, in dem die missionarische Arbeit des Paulus geschildert wird, einen eher predigenden Charakter. Bei den Texten hat sich der Komponist eng an die Worte der Heiligen Schrift, vor allem der Apostelgeschichte, gehalten und diese unter Mitwirkung des Theologen Julius Schubring selbst zusammen gestellt. Dabei zielt das Oratorium sehr stark auf eine Stationendramaturgie und weniger auf die klassische Erzählung mit dramatischem Bogen.

Konzertoratorium durch Choräle als imaginäre Kirchenmusik komponiert

Wer anfangs glaubte, dass er es hier mit einem romantischen Werk zu tun hätte, wird in den Proben die Verbindung von liedhaften, klassisch-romantischen Formen und Elementen des Spätbarock erfahren. Nicht umsonst gilt Mendelssohn als Nachfolger der Händel-Oratorien und Auslöser der damaligen Bach-Renaissance. Im "Paulus" schafft es der Komponist, die reich verzierte und komplexe Kirchenmusik Bachs in einem moderneren Gewand einzubringen.
So wird die Haupthandlung - wie bei Bach-Passionen üblich - durch Rezitative des traditionellen Erzählers vermittelt, jedoch teilt Mendelssohn diese Rolle auf Tenor und Sopran auf. Die Choräle erinnern an Bachsche Passsions-Choräle, im "Paulus" haben sie als eigene Reflexionen den Zweck, die im Konzertsaal lauschende Gemeinde zu spiegeln und einzubinden.
Der Chorsänger lernt: Fermaten sind nur der Choralzeilen Ende - sie werden nicht einfach langgezogen, nur weil es "Romantik" ist.

Mendelssohn leitet das Oratorium mit einer Instrumentalouverture ein, die als eine Zusammenfassung des gesamten Werkes das Erwachen von Paulus Glauben hörbar werden lässt. Der Choral »Wachet auf! ruft uns die Stimme« wird zu Beginn intoniert und zeigt direkt auf die Wandlung des Saulus zum Paulus, indem sich die feierlichen Klänge der aufsteigenenden Dur-Melodie in ein Moll-Thema verwandeln, das dann an Tempo zunimmt und zu einer vollendeten Fuge wird.
Dazu werden als musikalisch-szenischer Komplex die beiden folgenden Nummern einbezogen: Mit dem Chor »Herr, du bist der Gott« und dem Choral »Allein Gott in der Höh sei Ehr« sind die Glaubensgrundsätze dargestellt und durch musikalische Formen untermauert.
Hörbar ist auch: Paulus wird in bester jüdischer (Melodie-)Form bekehrt, die Punktierung bei »Mache dich auf« erinnert einmal mehr an die Turba-Chöre von Bach als „Stimme des Volkes“. Der Chorsänger lernt: Bach ist überall zu finden.

Überhaupt wird im Paulus-Oratorium die kunstvolle Verbindung von Choral und Fuge verarbeitet - ob als Doppelfuge (»O, welch eine Tiefe des Reichtums«), als fünfstimmige Fuge (»Denn alle Heiden«) oder als Choralfuge (»Aber unser Gott ist im Himmel«), immer wieder sind anspruchsvolle Fugen in Anlehnung an Bachsche Fugenkunst komponiert. Im "Paulus" geht es dabei weniger um die Bewältigung von Koloraturen als um die sprachliche und gesangstechnische Umsetzung der Textstellen, wie Mendelssohn sie vorgibt.

Mit eingängigen Beispielen vermittelt Willem Winschuh seinem Collegium Vocale dies in jeder Probe. So soll im »Ihm sei Ehre in Ewigkeit« die "Ehre" wie eine Verbeugung klingen und neu ist für manchen, dass im »...und unerforschlich seine Wege« ein Tritonus steckt als Vertonung "unerforschlicher Wege" (dieser ist eigentlich nicht erlaubt in der Kompositionslehre - macht Herr Bach in seiner Passion aber auch).
Der Chorsänger lernt: die Noten sind scheinbar leicht, aber die Kunst liegt in der Ausführung.

Bei so viel Reminizenz an J.S.Bach soll noch erwähnt werden, dass Mendelssohn zum romantischen Klassizismus zählt und von daher manche Passagen so lebhaft wirken wie seinerzeit Carl Maria von Webers aktuelle Oper "Der Freischütz". Hier stimmt dann der Vergleich mit der heutigen Form des Musicals: Ohrwurmfähige Arien und fetzige, mitreißende Chorsätze. Mein Lieblingssatz ist »Mache dich auf und werde licht« - auch wenn ich erst lernen musste, dass mit "licht" dabei "leicht" gemeint ist und kein Lampenlicht...

Der Chorsänger lernt also fleißig und freut sich auf die Aufführung am 26. Mai 2013 - und auf viele Zuhörer für das einzigartige Oratorium in Wesel.
Mehr Informationen gibt es auf der Webseite Collegium Vocale Wesel.

Autor:

Dagmar Persing aus Wesel

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