Wesel — da stimmt die Chemie

Wesel sieht man nicht nur auf Landkarten, sondern auch auf dem Periodensystem der Elemente!
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  • Wesel sieht man nicht nur auf Landkarten, sondern auch auf dem Periodensystem der Elemente!
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Samstag Abend durfte ich (ein weiteres Mal) einen gesprochenen Minnesang für Wesels Stadtjubiläum vor dem Berliner Tor aufsagen und ich bin einfach mal so frei, den Text hier einzustellen — für alle, die nicht da waren. Es geht um Identität, Medien und Chemie.

Verehrtes Publikum,
seit 777 Jahren ist Wesel Heimat!

Damit meine ich jedoch nicht dieses verkorkste Heimatgefühl, das zwischen den Poren des Bodens Ödnis von stumpfsinnigen Traditionalismus sprießen oder verklärte Sentimentalität über die Landkarte farbzerlaufend triefen lässt.
Nein.
Mit dem Wissen, dass unsere Welt hinter dem Ortsschild nicht aufhört und dass Ortsgrenzen lediglich der bürokratischen Verwaltung und der Orts-Grenz-Schilder-Industrie dienen(!), gelangt man zu der Erkenntnis, dass Heimat viel mehr ist.
Heimat ist nicht Zustand, nicht Geografie,
Heimat ist auch nicht als Produzent von Stempeln im Pass gedacht,
Heimat ist ein Sammelbegriff für verortete Erinnerung und Zukunftsplanung,
ist Vertrautheit in jedem Schritt,
ist schlendern oder hetzen auf Wegen, die tausendmal gegangen wurden…
Heimat ein Aufwahrungsgefäß für Menschen, die man kennt und schätzt, und kennen und schätzen lernen kann.
Heimat ist Rückzugsort und immer auch die Richtung, aus der man auf Andere zugeht.
Heimat ist der Ort, an den man denkt, wenn man in einem Mondkrater sitzt und auf die Erde schaut.

Und wenn ich an Wesel denke, an die vielen Eselsstatuen, die nachts lebendig werden und die Kunstblumenkränze von Fahrradlenkern anknabbern, da wird mir ganz warm ums Herz und...
"Wir unterbrechen das laufende Programm für eine Sondermeldung.
Wesel. Die beschauliche Stadt am unteren Niederrhein ist seit Jahrzehnten Opfer eines markenidentitären Irrtums; das haben kürzlich Nachforschungen vom Rechercheverbund NDR, WDR, Süddeutscher Zeitung sowie dem Grevenbrücker Sauerlandkurier ergeben. Es geht um den Esel als Symboltier der 60.000-Einwohner-Stadt. Wir schalten Live zu unserem Niederrhein-Korrespondenten Dieter Ruhr. Herr Ruhr, wären Sie so freundlich, uns ihre Eindrücke zu schildern?"
'Es ist schlimm, das kann man nicht anders beschreiben. Ich habe hier Szenen tiefster Verzweiflung miterlebt, die ersten Bürger haben schon das Wort "Warum" auf die Rückseite von Kornflakes-Pappschachteln geschrieben und bedeutungsschwer vor die Plastikesel in der Innenstadt niedergelegt. Grund für diese …doch sehr emotionale Reaktion war die am späten Nachmittag veröffentlichte Nachricht, dass das Symboltier der Stadt Wesel eigentlich ein Wiesel war — welches ja auch als dreifaltiges Wiesel das Stadtwappen ziert und somit in seiner Funktion leicht erkennbar gewesen wäre.
Die kommunale Verwaltung und das ortsansässige Stadt-Marketing haben jedoch seit Jahrzehnten im Geheimen durch klug gemachte Kampagnen dafür gesorgt, dass das originäre Wiesel vom Esel verdrängt wurde. Grund hierfür dürften die bevormundend unterstellten Unterschiede der Sympathiewahrnehmung der beiden Tiere sein:
Esel sind praktisch, sehen putzig aus und verfügen über ein geringes Maß an Alphabetisierung, weil sie die Buchstaben I und A identifizieren und anwenden können.
Aber Wiesel? Die beißen nur Kabel durch und so viele Bombenentschärfungen gibt es hier nicht… und ob die Viecher auch den blauen Draht erwischen ist fraglich.
Da wurde das Wiesel einfach wegrationalisiert. Die Menschen sind enttäuscht, dass sie jahrelang um die Wahrheit ihres Symboltieres betrogen wurden. Ein Bürger stellte sich spontan ans Berliner Tor und ruft seit nun doch einiger Zeit nervenzerfressend die Parole: Im Wiesel steckt die Wahrheit! Im Wiesel steckt die Wahrheit!
Im Wiesel steckt die Wahrheit!… Ich werde vor Ort bleiben und mich bei Veränderung der Lage im Studio melden.'
Das war Dieter Ruhr am Ort des Geschehens. Tja, was soll man da sagen? Im Wiesel steckt die Wahrheit. Oder: lassen Sie sich nicht zum Esel machen, wenn Sie ein Wiesel sind. Ich wünsche Ihnen einen guten Abend… hier gehts jetzt weiter mit dem vorgesehenen Programm.

Ähm… dat is jetzt blöd gelaufen irgendwie. Also, jetzt so im Textfluss mittendrin. Ich hätte echt die Nachrichten-App ausschalten sollen.

Naja.
Selbst wenn die Eselsache stimmen sollte… Wesel hat ja viel mehr zu bieten als nur Esel an jeder Straßenecke.
Im Dunkeln leuchtende Brücken zum Beispiel.

Wussten Sie eigentlich, dass die 1896 geborenen
Ida Noddack-Tacke Entdeckerin des Rhenium ist? Das silberglänzende Übergangsmetall, das auf dem Periodensystem der Elemente unter der Ordnungsnummer 75 zu erreichen ist, hat einen Schmelzpunkt von 3180 Grad Celsius. Zum Vergleich: Titan, das harte, unzerbrechliche Titan schmilzt schon bei 1660 Grad. Um das ganze Bildlich zu demonstrieren, hier eine weitere Live-Schalte in einen Schmelzofen: Wir hören zunächst die Reaktion vom Rhenium: "Die haben mir eben gedeutet, wo die Garderobe ist, aber ich behalte die Jacke noch 'ne Weile an."
Und jetzt die Reaktion vom Titan: "Ich glaub, ich seh' ein weißes Licht. Ich… mir ist so heiß"
(Soviel also zu meinem Bildungsauftrag…)
Und diese Eigenschaft des Rheniums, Legierungen enorme Hitzestabilität zu verleihen, führt dazu, dass es dem Material von Flugzeugtriebwerken und Turbinen beigemischt wird.

Und was will ich damit sagen?

Selbst, wenn man in den Himmel schaut, ist da immer noch ein Stück Wesel zu sehen. Mehr kann man von einer Stadt nicht verlangen!

Wesel sieht man nicht nur auf Landkarten, sondern auch auf dem Periodensystem der Elemente!
Wenn man Flugzeuge (wie hier hinter der Spitze des Funkturms) im Himmel sieht, denkt man auch an Wesels Geschichte
Autor:

Timothy Kampmann aus Wesel

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