Piraten, Tabaklobby, rechte Populisten und Esoteriker – im Geiste verbunden im Kampf gegen wirksamen Nichtraucherschutz

Die Serie an rauchfreien Bundesländern wird immer länger. Jedes Jahr kommen neue hinzu
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  • hochgeladen von Eberhard Freise

Die Kampf-Artikel gegen konsequenten Nichtraucherschutz in NRW wollen nicht enden. Nun hat eine Frau „Dr. med. Müller-Klar“ (eine alternative Medizinerin, die gerne auf Bachblüten schwört, aber nicht so gern auf weltweit anerkannte, handfeste epidemiologische Fakten) eine Art „offenen Brief“ verfasst, in der sie in beispielhaft populistisch wirkender Form den Grünen-Abgeordneten Abel für dessen faktenreiche Landtagsrede angreift und ihn indirekt der Lüge bezichtigt. Andreas Rohde von den „Piraten“ hat dies sogleich aufgegriffen und geht damit eine unheilige Allianz zu einer der größten Bedrohungen von Mensch und Umwelt des 21. Jahrhunderts ein – der Tabakindustrie.

In dem offenen Brief werden sehr viele Dinge durcheinander gewürfelt, wie es gerade passt. Es ist z.B. beschämend für eine „Medizinerin“, die so leicht vermeidbaren Schäden durch das Rauchen und Passivrauchen zu relativieren. Frau Müller-Klar offenbart besonderes Unwissen, indem Sie behauptet, „Lungenkarzinome hätten seit Jahrzehnten zugenommen, obwohl immer weniger Menschen rauchen“. Scheinbar weiß die Frau Dr. nicht, dass Krebs nicht von heute auf morgen entsteht, sondern eine jahrelange Latenzzeit hat. Darum erkranken ja auch immer mehr Frauen an Lungen-Karzinomen – die Zahl der Raucherinnen steigt seit Jahrzehnten an.
Man könnte meinen, Frau Dr. Müller-Klar wäre „umweltbewusst“. Schließlich rät Sie Herrn Abel und den Grünen, sich doch lieber um die „Tiere“ zu kümmern. Scheinbar hat sie aber keine Ahnung davon, was der Tabakanbau am Ökosystem anrichtet. Das reicht von Abholzung und Brandrodung der Wälder, Boden-Auslaugung durch die Tabak-Pflanze, Monokultur und Pestizideinsatz bis hin zu Kinderarbeit und Ausbeutung der in den Tabak-Anbaugebieten wohnenden Bauern, die sich dann nicht einmal mehr Lebensmittel anbauen können und diese teuer kaufen müssen.
Wie viele Tiere jedes Jahr für sinnlose Tierversuche durch die Zigarettenindustrie elendig sterben, wie viele Waldbrände Zigaretten jedes Jahr auslösen, ist dabei ebenso wenig eingerechnet, wie die Erkrankungen von Mensch (v.a. Kinder) und Tier, die sich gezwungenermaßen in Raucherhaushalten aufhalten.
All dies scheint die Frau Medizinerin nicht zu wissen. Informieren kann sie sich u.a. auf den Seiten des DKFZ: http://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/RoteReihe/Umweltrisiko_Tabak_Band11.pdf

Außerdem lenkt Frau Dr. mit Dingen wie „Luftverschmutzung“ oder „Atomkraft“ vom eigentlichen Thema ab, ohne offenbar mitbekommen zu haben, wem sie die Veränderungen in diesen Bereichen auch mit zu verdanken hat, nämlich auch der Partei von Herrn Abel. Dass es in vielen Bereichen technische und soziale Fortschritte gibt, scheint ihr fremd zu sein. Lieber wirft sie alles in einen Topf.
Angeblich würden Rauchverbote auch nicht die Zahl der Raucher reduzieren, weil sie in letzter Zeit in Irland oder Norwegen wieder leicht angestiegen wären – Frau Dr. scheint dabei aber nicht bedacht zu haben, dass viele Faktoren für das Rauchverhalten eine Rollte spielen und es absolut unseriös ist, zwei kleine, völlig unterschiedliche Länder hier herauszustellen. In Norwegen rauchen ohnehin viel weniger Menschen als z.B. in Deutschland.
Frau Dr. verteidigt rechte Gruppierungen und Missbrauch von Nazi-Symbolen in der NRW-Demo gegen den Nichtraucherschutz als „Einzelfall“, ohne jedoch sehen zu wollen, mit welchen Hetz-Parolen auch an andere Stellen um sich geworfen wird, oder wie gewaltbereit auch manche Raucher sind (fast täglich wird jemand verprügelt, der einen Raucher darum bittet, z.B. im Zug oder in der U-Bahn nicht zu rauchen).
Frau Dr. ignoriert weiterhin beharrlich, dass es in NRW noch 2012 kaum eine rauchfreie Kinder-Karneval-Veranstaltung gab, dass auch in Diskotheken und Kneipen fast überall geraucht wurde, und dass rauchfreie öffentliche Räume Kinder auch in den eigenen Vier Wänden besser schützen, weil das Nichtrauchen für die Eltern normal wird .
Die jüngste Studie des DKFZ zu den Diskotheken in Baden-Württemberg bestätigte eine frühere Studie der TU-Berlin zu den Berliner Clubs eindrucksvoll: in 92 von 100 Clubs wird noch geraucht!
Von übermäßigen Kneipen-Schließungen dagegen kann laut internationalen Studien keine Rede sein.
Gewisse Fluktuationen in der Gastronomie sind normal – besonders zu Beginn des neuen Gesetzes. Umsätze sinken zudem seit vielen Jahren – aus vielerlei Gründen.
Hat sich eine Gesellschaft an Extrem-Süchtigen zu orientieren, die „4 Zigaretten pro Stunde“ brauchen, und dafür nicht kleine Unannehmlichkeiten ertragen können, oder sollte sie nicht eher darauf hinwirken, einen Anreiz zum Aufhören zu schaffen? Ist nicht eher das Rauchen selber das große Problem für die Lungenentzündung, anstatt dem Nichtraucherschutzgesetz, das Raucher draußen rauchen lässt?
Schon einmal darüber nachgedacht, dass Rauchen auch ein Problem für die Geselligkeit darstellen kann?
Man macht es sich zu einfach, wenn man eine Partei pauschal als „Verbotspartei“, bezeichnet, die Prävention und Fremdschutz vor Lobby-Interessen stellt. Die international längst bewiesene Zusammenhänge beim Thema Tabaksucht erkennt und endlich auch in Deutschland umsetzt. Und die chemische Substanzen nach ihrer wahren Gefährlichkeit – unter Wahrung sowohl der Eigenverantwortung als auch des Schutzes von Nichtkonsumenten – beurteilt.

Noch einmal: das aktuelle Statment von Prof. Dr. Dr. Wiestler, Chef vom DKFZ (27.6.2013): "Der Zigarettenkonsum stellt dabei in Deutschland das bedeutendste einzelne vermeidbare Gesundheitsrisiko
dar, an Krebs zu erkranken, und ist die führende Ursache frühzeitiger Sterblichkeit
infolge von chronischen Krankheiten, wie Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen."

Autor:

Eberhard Freise aus Wesel

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