Wildnis im Schatten von Zollverein

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Auf dem ganzen Gelände gingen die Schüler auf Entdeckungstour. (Foto: Ruhrmuseum)
 
Mehrere Aufgaben mussten gelöst werden. (Foto: Ruhrmuseum)

Die Zeche Zollverein ist weltbekannt als kulturelles Zentrum des Ruhrgebiets. Doch längst hat auch die Natur das Gelände zurückerobert – und einen besonderen Lebensraum geschaffen. Zwischen alten Schächten und Koksöfen veranstaltete das Ruhrmuseum dazu einen Schüler-Tag. Auch die 6d der Sekundarschule Stoppenberg machte sich auf die Suche nach Leben - und brauchte dazu keine Lupe.

Ein kurzer Blick auf die nasse Wiese genügte. „Da bewegt sich doch etwas“, riefen aufgeregte Stimmen. Denn schon wieder hatte die sechste Klasse der Sekundarschule am Stoppenberg ein Tier entdeckt. Diesmal eine etwas scheue Kreuzkröte – nur etwa fünf Minuten vom Haupteingang entfernt. „Die gibt es auf dem Gelände überall“, klärte Biologin Katrin Unseld auf. Trotzdem werden sie von den Zollverein-Besuchern fast nie entdeckt. Im Schatten der berühmten Zeche lässt es sich gut leben. Doch zum „Tag der Artenvielfalt“ standen sie – zusammen mit Fröschen, Jagdspinnen oder Ödlandschrecken – im Mittelpunkt. Denn vor den Sommerferien gab es für fünf Essener Schulklassen eine besondere Schnitzeljagd – quer über das gesamte Gelände. Mit GPS-Geräten suchten sie gemeinsam mit Biologen „die Wildnis vor der Haustür“.

Nach einer kurzen Einführung starteten sie die Entdeckungs-Tour am Kokskohlenbunker (KoKoBu). Fünf Stationen mit Aufgaben waren auf dem Gelände versteckt, nur die richtige Lösung ergab dabei die Koordinaten der nächsten Station. Für Begeisterung sorgte das Ratespiel „Musik liegt in der Luft“ – es gab aktuelle Hits zu hören. „Mal sehen, ob ihr bei den Vogelstimmen genauso fit seid, wie bei den Musikcharts“, begrüßte Vogelkundler Tobias Rautenberg die Schüler und drehte seinen MP3-Player auf. Während „Happy“ schon nach den ersten Tönen richtig Pharrell Williams zugeordnet wurde, verursachte die zweite Aufnahme Rätselraten. „Zilp-zalp-zelp-zilp-zalp“, hieß es da nur monoton.

Manchen bereitet die Amsel Schwierigkeiten

„Ist das ein Rotkehlchen? Oder vielleicht doch eine Meise?“, kamen die ersten vorsichtigen Antworten. Schließlich löste Phil Tielmann (12) das Rätsel. Er erkannte den Zilpzalp. Er habe „die Vogelstimmen in der Grundschule im Unterricht gelernt“. „Hört nochmal auf den Gesang, dann versteht ihr auch, warum der so heißt“, sagte Rautenberg. Auch das beliebte Rotkehlchen tauchte am Ende noch auf – zur Zufriedenheit der Schüler. Schließlich lobte auch Rautenberg die Leistung: „Diese Klasse war sehr gut, andere kommen da heutzutage schon bei der Amsel in Schwierigkeiten.“ Dabei leben diese Vögel doch direkt um uns herum – auch in Zollverein. Nachdem die Koordinaten herausgefunden wurden, machte sich die Klasse auf zur nächsten Station.

Doch der Tag der Artenvielfalt war kein Wettrennen – dafür gab es zu viel Unerwartetes zu bestaunen. „Die Industriebrachen werden als hot spot der Biodiversität behandelt“, bestätigte auch die Biologin Esther Guderley. So gebe es auf dem 100 Hektar großen Gelände knapp 540 Pflanzenarten, darunter viele exotische. Da das gesamte Gelände gründlich saniert wurde, bestehe auch in unbekannteren Ecken keine Gefahr für die Besucher. Bereits 1986 kaufte das Land der Ruhrkohle AG die Zeche ab – ein „seltener Glücksfall“ nicht nur für Kohlewäsche und Fördermaschinen . Auch die Natur profitierte. Bereits zum sechsten Mal durften sich nun auch Schulklassen davon überzeugen. Neben Zollverein gibt es den Entdeckungstag auch einmal jährlich im Landschaftspark Duisburg Nord. Doch für die hohe Nachfrage der Schulen, gebe es trotzdem zu wenige Plätze. „Der Tag der Artenvielfalt ist eine tolle Idee“, freute sich auch Marianne Renert, Naturwissenschafts-Lehrerin der 6d. Die Aktion sei eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag.

Die Wildnis vor der Haustür

Weiter ging es für die Klasse beim „Bäume bestimmen“ – dort war Anpacken gefragt. Schüler sollten in den Wald gehen und armlange Äste abbrechen. Anschließend wurde die Baumart mit einem Handout bestimmt. „Davon lebt der Wald, normalerweise würden das sowieso die Rehe machen. Heute seid ihr einfach die Rehe“, sagte Studentin Janna Lemmes. Und so sammelte sich die 6d schon nach kurzer Zeit wieder am Treffpunkt. Lemmes half aus, wenn Unklarheiten bestanden – und die gab es reichlich. Schließlich wachsen dort unzählige Arten wie Weißdorne, Pappeln oder Haseln. „Da sind wir noch nicht so sicher“, meinte auch Gina Böring (12) und deutete auf einen stark verzweigten Ast.

Am Ende des Tages waren alle überrascht vom grünen Gesicht der Zeche: „Das hat hier wirklich viel Spaß gemacht“, freute sich Daria Matarek (12) aus Stoppenberg. Besonders die Station „Vielfalt der Tiere“ habe ihr gefallen – so wie vielen. Denn mit einem Kescher konnten sogar Molche gefangen werden. Auch für Esther Guderley war der Tag ein Erfolg: „Alle Teilnehmer haben gesagt, dass sie neue Tiere und Pflanzen kennengelernt hätten.“ Am Schnellsten das Ziel erreichte schließlich die Albert-Einstein-Realschule aus Rellinghausen. Doch wichtiger sei, dass alle etwas über die „Wildnis vor Haustür“ gelernt hätte.

Zwischen Armenischen Brombeeren und Chinesischen Fliederspeeren

Organisiert wurde der Tag wieder vom Ruhrmuseum und der Biologischen Station Westliches Ruhrgebiet (BSWR). Seit 2009 bieten beide den Schüler-Aktionstag an. Doch auch wer nicht mehr die Schulbank drückt, kann Zollverein erkunden. „Das Ruhrmuseum bietet einmal monatlich eine Exkursion zum Thema Natur an“, berichtete Esther Guderley. Am letzten Wochenende des Monats werden Führungen zu wechselnden Themen angeboten – Erwachsene zahlen drei Euro, Kinder nehmen kostenlos teil. Denn wer hätte gedacht, dass einmal Armenische Brombeeren oder Chinesische Fliederspeere zwischen alten Koksöfen wachsen?
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