Wissenslücken - Lückenfüller - Füllhorngedanken - Gedankenkiller

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Fürs Leben lernen!

Ich schwelge gerne in merkwürdigen Gedanken und lasse mich schwärmend berauschen von den Kopfgeistern aus vergangenen Tagen.

Jüngst dachte ich über meinen ersten Füller nach. Stelle ich Freunden die Frage nach ihrem ersten Füller, trete ich oft eine Diskussion los, in der es um Marken geht. Geha oder Pelikan? Orange-grün oder blau-rot? Meine Gedanken sehen anders aus.

Ich erinnere mich an das Gefühl, wie ich die Feder des Füllers erst mit leichter, dann mit mehr Kraft aufs Papier drücke. Die Feder gibt dann nach. Drücke ich stark, spreizt sich die Feder in der Mitte und das ganze Konstrukt wölbt sich, so dass man Angst bekommt, man könnte etwas kaputt machen. Manchmal kommt dabei ein wenig Tinte heraus, die ich vom Löschpapier aufsaugen lasse. Die Mitschüler nehmen dafür Papiertaschentücher. Für so etwas wird bei uns aber kein Geld ausgegeben.

Oder die Patrone. Ich habe nie mit Patronen gespielt. Nie habe ich sie anders genutzt, als sie ordnungsgemäß, ohne Flecken zu verursachen, in den Füller einzusetzen. Aber dieses Gefühl, dieses reizvolle Gefühl, einmal richtig schön doll auf die Patrone zu drücken, kann ich noch heute abrufen. Handlungen, bei denen man Nadeln in die kugelige Öffnungsvorrichtung der Patrone sticht, gehören nicht zu meiner Geschichte. Genauso wenig habe ich mit voller Wucht auf eine Patrone getreten oder sie gar mit einer Schere durchgeschnitten, um den Inhalt komplett auf einem Löschpapier oder der Jeans zu entleeren. Das war Sache der Jungs.

Und dann habe ich auch noch diese Tintenkillergedanken. Ich höre Mama schimpfen, weil ich den Tintenkiller mit einem einzigen „Füllerfederdrück-Unfall" zum Gekillten gemacht habe. Und dann gibt es da noch diese Sache mit den Schulheften, die Mama so schön in Schutzumschläge gepackt hat. Wie wunderbar hilfreich wäre damals Tipp-Ex gewesen. Immer sauber, immer ordentlich. Ich aber war ein Schlunz. Ordnung war mir damals nie sonderlich wichtig. Das war eher das Ding der Mädels am Nebentisch. Die hatten nie ein Tintenkillerproblem und lebten fern vom Grauen eines schmierenden Killers. Ich habe mit einem dieser Mädels auf einem späteren Klassentreffen gesprochen. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wie eklig die Hände gerochen haben, nachdem man sich mit dem Tintenkiller die Tinte von den Händen gekillt hat. Überhaupt, was war das für eine Zeit? Patrone und Killer? Ganz schön brutal. Und diese blöde Klassenkameradin konnte ich eh nie leiden. Heute trägt die Gute Panzerarmbänder und eine Design-Bomberjacke. Kriegerisches Mistvieh. Ich denke an Riesentintenkiller, die ihr die übertriebene Schminke aus dem Gesicht killen und sie keiner mehr küssen will, weil sie im Gesicht so eklig riecht. Ich schweife ab…

Irgendwie merkwürdiges Denken, oder? Ich frage mich das oft. Auch beim Thema Radiergummi. Warum bloß erinnere ich mich so genau an dieses Gefühl, in einen Radiergummi zu beißen? In so ein rot-blaues. Rot war weicher, blau war hart und krümelig. Aber durchgebissen habe ich nie. Vielleicht ein frühes Zeichen auf meine heutigen Gedanken und mein jetziges Leben? Hätte ich mich härter durchbeißen müssen durch diese Welt? Und warum habe ich das Wort "Ratzefummel" total blöd gefunden?

Oh Mann, oh Mann, oh Mann, ich bin jetzt schon gespannt, ob nicht bald schon ein Psychologe auftaucht und mir merkwürdige Fragen stellt. Vielleicht kann der mir dann etwas über meine wohltuenden Gedanken an den Geruch eines frisch angespitzten Bleistiftes sagen. Bin ich womöglich der natürlich, hölzerne Typ? Entschuldigung, mich überkommt gerade der Gedanke, dass ich mit einem Bleistift Flächen auf einem weißen Papier ausmale. Nicht ordentlich, es ist eher grobmotorisches Krickelkrackel. Auf meinem Handballen und rechts am kleinen Finger habe ich dann diese grauen Graphitverschmutzungsspuren. Und dann male ich den Bleistift dort, wo er angespitzt wird und das Holz sichtbar ist, mit einem Kuli blau an. Bin wohl doch nicht der natürliche Typ, vielleicht träfe experimentell und kreativ eher meine charakterliche Profilbeschreibung. Oder doch notorisch unkonzentriert und unterdrückt aggressiv?

Gehöre ich vielmehr in die Kategorie Zerstörer?
Der, der Wachsmalkreide aus dem Plastik-Schieberöhrchen so weit nach vorne schiebt, dass sie bricht? Und mit den Fingernägeln am Wachsstift kratzt? Habe ich, glaube ich, nie gemacht, aber sicher bin ich mir nicht.
Komische Gedanken sind das. Und zeitgleich denke ich an Methan, Äthan, Propan, Butan. Ja, ja, ein wenig Chemie-Wissen kann ich auch abrufen. Und ich kann die chemische Struktur aufzeigen. Brauche ich aber nicht. Gehe eh nicht zu „Wer wird Millionär".

Ich gehe sehr oft ins Stadion. Das Ergebnis habe ich drei Tage später vergessen. Mein Neffe hat immer sämtliche Ergebnisse der Saison abrufbar im Kopf. Aber eine 5 in Deutsch. Man sagt, er könne schlecht auswendig lernen und etwas behalten.
Ich kenne den Todestag von Helmut Rahn, George Harrison oder Diether Krebs. Den Geburtstag der Kanzlerin kenne ich nicht. Selbst wenn ich googeln würde, morgen hätte ich es wieder vergessen.
Da denke ich lieber einfach so an die Kanzlerin, die aus der DDR stammt, wo es manchmal anders gerochen hat als in der BRD. Wenn ich sie mal treffe, werde ich fragen, ob sie sich noch an die Zeit erinnert, als das Wort „Kopien“ noch nicht unter uns war. Und ob sie sich an das Gefühl erinnert, wenn man dieses mit lila-bläulichem Aufdruck bedruckte Papier anfasste, das unangenehm glatt war und fälschlicherweise als Blaupause bezeichnet, richtigerweise aber meist ein Ormig-Abzug oder besser bekannt, eine Matrize war. Mich würde interessieren, ob sie dieses durch kurbelndes Umdruckverfahren produzierte Frühwerk der Vervielfältigung auch immer beschnüffelt und sich dem Spiritusgeruch hingegeben hat.

Wenn wir uns gut unterhalten haben, lädt sie mich vielleicht auch zu ihrem Geburtstag ein, den ich mir dann auch merken werde. Vielleicht werden wir auch mal am Telefon "klönen" und von Duftbleistiften und über die "Wende" quatschen. Die passierte bei mir 1976, als Geha den ersten Tintenschreiber mit Tintensteuerung und -kontrolle auf den Markt brachte - den Geha Inky. Das war eine Revolution!

Und wer weiß, welch neue merkwürdige Gedanken mir allein durch das Treffen mit der Kanzlerin in den Kopf kommen werden. Der Gedanke, die Kanzlerin zu treffen, erscheint mir auch irgendwie merkwürdig.
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10 Kommentare
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Gottfried (Mac) Lambert aus Goch | 12.10.2015 | 20:42  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 12.10.2015 | 21:51  
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 12.10.2015 | 22:26  
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Ursula Dotzki aus Essen-Nord | 12.10.2015 | 23:52  
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