Nostalgie - Namenskettchen

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Was heute die Liebesschlösser sind, waren früher die Namenskettchen



Ich erinnere mich noch genau, wie es damals war, kurz vor dem Abi. Diejenigen die es hatten, trugen es stolz zur Schau, mitleidige Blicke streiften die vermeintlich armen Mauerblümchen, die es noch nicht besaßen. Und diese wiederum wünschten insgeheim nichts sehnlicher als den Tag herbei, an dem ihr Schatz ihnen endlich auch so ein Kettchen schenken würde.

Erinnert Ihr Euch / Sie sich noch an diesen Schmuck? Feine Gold- oder Silberkettchen, daran ein herzförmiger oder viereckiger Anhänger, mal ziseliert und mal auch nicht. Aber das allerwichtigste war der dort eingravierte Name seines Liebsten, vorzugsweise in schön verschnörkelter Schrift. Der Besitz einer solchen Kette oder auch Armbands war eine Zeit lang richtiggehend Kult. Heute hingegen sieht man das so gut wie gar nicht mehr, dieser nette Brauch scheint ausgestorben. Natürlich kann es auch am fortgeschrittenen Alter liegen, dass Freundschafts- und später Eheringe die Namensketten allmählich verdrängten.

Neulich beim Aufräumen fand ich meine beiden Kettchen aus längst vergangenen Zeiten wieder - nostalgische Erinnerungen wallten in mir auf, als ich mit den Fingern sanft über das leicht beschlagene Edelmetall fuhr. Einer dieser Anhänger befand sich in dem Brief, den mir meine um ein paar Jahre jüngere Freundin in bester Absicht und wie aufgetragen erst im Bus übergab, auf dem Rückweg nach Hause aus dem Ferienlager. Na toll, und wie sollte ich mich jetzt bei ihm dafür bedanken? Bei ihm, der in unserer Ferienunterkunft die leckeren Brötchen backte und mit dem mich im Laufe der drei Wochen Urlaub eine interessante Freundschaft verband.

Eine Freundschaft, aus der allmählich Verliebtheit wurde, der Übergang fließend, faszinierend. Doch der charmante Weltenbummler aus dem Elsass und das junge Landei noch nicht fertig mit der Schule, das ging damals einfach nicht zusammen. Sein romantisches Geschenk habe ich in einem besonders schönen Schmuckkästchen aufbewahrt.

Den zweiten Anhänger haben mein damaliger Freund und ich gemeinsam ausgesucht und uns nach einem halben Jahr Freundschaft feierlich überreicht. Ich schmunzele vor mich hin, ein halbes Jahr kam einem mit knapp zwanzig schon wie eine kleine Ewigkeit vor und musste natürlich gebührend begangen werden.


Diese Kurzgeschichte und noch viel mehr in meiner Kurzgeschichtensammlung "Die ganz normale Sitcom namens Leben" (BoD, 2012)
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