Das Parkhaus der Ahnungslosen

Fassade Parkhaus Jahrhunderthalle | Foto: Stadt Bochum, Dokumentation Realisierungwettbewerb
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  • Fassade Parkhaus Jahrhunderthalle
  • Foto: Stadt Bochum, Dokumentation Realisierungwettbewerb
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Mit dem Rechnen hapert’s bei den Stadtoberen. Wenn es für diese Erkenntnis noch eines Beweises bedurft hätte, dann hat Stadtdirektor Paul Aschenbrenner diesen jetzt noch einmal nachdrücklich erbracht. Das Parkhaus an der Jahrhunderthalle wird statt der im Wettbewerb noch festgelegten Kostenobergrenze von 4,3 Mio. (netto 3,615 Mio.) jetzt mindestens 6,4 Mio Euro kosten. Das bedeutet eine Kostensteigerung von fast 50%. Beim Verheizen von Steuergeld spielt Bochum also in einer Liga mit Hamburg (Elbphilharmonie), Berlin (Flughafen). Stuttgart (Stuttgart 21), und Dortmund (U-Turm).

Trotz mächtiger Kostensteigerung wird das Parkhaus natürlich auch nicht rechtzeitig fertig. Denn statt Herbst 2012 wird es, wenn alles gut läuft, erst in diesem Jahr fertig gestellt. Das allerdings setzt voraus, dass die Baugenehmigung für die Klinkerfassade, die noch zu erstellen ist, auch wie erhofft erteilt wird.

Denn hier hatte man sich was ganz besonderes ausgedacht. Statt schnöder Klinkerfassade, soll in der Klinkerwand jeder zweite Ziegel fehlen. Das soll dann netter aussehen, ist aber leider, anders als ursprünglich gedacht, nicht im Standardverfahren genehmigungsfähig. Es muss erst ein kostspieliges Gutachten für eine Sondergenehmigung eingeholt werden. Dafür muss eine Testfassade gebaut werden, um mit dieser umfangreiche Versuche zu machen, die klären sollen, ob die Fassade die erforderlichen Spezifikationen des Baurechts einhalten kann. Nicht auszudenken, wenn sich herausstellt, die Fassade genügt den Anforderungen nicht. Aber die Ziegel für die Fassade hat die Stadt zumindest schon mal gekauft.

Immerhin, nur 500.000 Euro der Baukosten sollte eigentlich die Stadt übernehmen, das Land den Rest. Aufgrund der Fehlkalkulation stehen für die Stadt nunmehr allerdings statt 0,5 Mio. eigene Kosten von 2,1 Mio. zu Buche. Die Kosten für die Stadt haben sich also mehr als vervierfacht!. Regelmäßig trägt die Kosten für die Fehlkalkulation allein die Stadt. Jetzt suchen Aschenbrenner (gleichzeitig auch EGR-Chef und oberster Bauherr) und andere Geldverbrenner von Verwaltung und Politik nach einem Schuldigen für die Misere. Die Suche dauert bereits etwas länger, mindestens seit September, als der Fauxpas mit der Fassade bekannt wurde. Aber ein Schuldiger will sich einfach nicht finden lassen, dabei würde ein einziger Blick in den Spiegel genügen und schon wäre mindestens einer gefunden.

In privaten Unternehmen wird nach derartigen finanziellen Desastern den Entscheidungsträgern der Ausgang gewiesen, bei städtischen Unternehmen bleiben die Verantwortlichen regelmäßig unbehelligt. Einem Parteifreund in städtischer Versorgungsposition kündigt Filz und Klüngel aus dem Rat wegen solcher Bagatellen wie Geldverschwendung nicht einfach mal eben die Freundschaft.

Eigentlich ist ein Parkhaus ein Standardbauvorhaben, kein spezielles und kompliziertes Bauprojekt wie etwa der Kanaltunnel, die Freiheitsstatue oder der Eifelturm. In der Republik werden davon nach Schema F jedes Jahr Dutzende gebaut. Eigentlich sollte es möglich sein bei einem solchen Projekt die Kosten halbwegs im Rahmen zu halten. Für Bochum gilt das aber offensichtlich nicht. Natürlich wollte man hier auch nicht ein schnödes Parkhaus bauen, sondern etwas ganz besonderes.

Man hätte sich damit begnügen können, im Rahmen der am Rand des Westparks geplanten großflächigen Bebauung entlang der Wattenscheider- und Gahlenschen Straße ein schnödes Parkhaus direkt an die Straße zu setzen. Doch das wäre wohl viel zu einfach gewesen. Statt dessen baut man das Objekt lieber mitten in das Gelände, direkt in die Sichtachse zur Jahrhunderthalle. So hielt man es für erforderlich das neue Bauwerk zu kaschieren, damit es nicht allzu störend auffällt. Dafür tat es natürliche keine schnöde 08/15-Fassade. Etwas besonderes musste her – die berüchtigte Lochfassade.

Auch ergab sich noch ein zweites Problem, die Autos sollten nicht bereits am Rande des Westparks abgestellt werden, sondern fast mittendrin. Das führt zu zusätzlichem Platzbedarf und weiteren Kosten für die Zu- und Abfahrten zum Parkhaus, was überdies die Landschaft auch nicht gerade verschönert. Aber ein Fußweg von 250m vom Parkhaus bis zur Jahrhunderthalle wie der von der Straßenbahnhaltestelle zur Jahrhunderthalle wäre den Autofahrern ja auch nicht zuzumuten gewesen, befanden die Stadtoberen. Also wurde das Parkhaus näher an die Jahrhunderthalle ran gerückt und der Wahnsinn nahm seinen Lauf.

Am Ende schlägt jeder Parkplatz mit rund 19.400 Euro Baukosten zu Buche. Für diesen Preis hätte man sogar locker eine schicke Tiefgarage bauen können. Man hätte auch auf den Bau des Parkhauses verzichten können und hätte von dem Geld 3-4 Schulen saniert. Die Prioritäten in Bochum sind aber andere: Schicke Autos von kunstbeflissenen Besuchern der Jahrhunderthalle müssen für 1-2 Stunden Veranstaltung notwendiger Weise auch stilgerecht in einem aufgepimpten Parkhaus abgestellt werden, während die Schüler unserer Stadt ihre 7 Stunden täglichen Unterricht im Winter auch mal in schlecht bzw. überheizten einfach verglasten Klassenräumen verbringen können. "Die sind ja noch jung und das war früher doch auch nicht anders. Sollen sich mal nicht so anstellen."

Wenig überraschend wird auch die Rechtfertigung der Mehrkosten im Stadtrat ablaufen: „Konnte man ja vorher nicht wissen, dass die tolle einzigartige noch nie zuvor gebaute Lochfassade eine Sondergenehmigung benötigen würde.“ „Auch den Baugrund kannte man ja nicht. Man sei davon ausgegangen, es handle sich dabei um einen jungfräulichen Lehmboden. Dass Krupp hier früher schon andere Gebäude hat stehen gehabt, davon hätte man ja auch nicht ausgehen können. Die teure Pfahlgründung kam daher für alle völlig überraschend.“ „Total überraschend auch, dass im Winter wegen Schnee und Eis drei Wochen gar nicht gebaut werden konnte.“ Empörung wird es geben im Rat, bei allen Fraktionen.

Das legt sich aber wieder, wenn der Bau des nächsten Prestigeprojektes erkennbar mit Phantasiezahlen gerechtfertigt wird. Dann glaubt man wieder an die Zahlen, die einem vorgegeben werden, denn man will das Projekt ja unbedingt. Und wenn’s der Sache dient, dann wird jede Forderung nach Kostenwahrheit wie immer als kleinkariert abqualifiziert. Läuft’s dann wieder schief, ist wieder ein kollektives Aufseufzen zu hören: „Wir haben den Fachleuten doch vertraut, wem sollen wir denn sonst glauben?“.

Blöd nur, wenn mittlerweile fast jeder in der Bochum aufgrund des gigantischen Schuldenberges erkannt hat, dass es der Verwaltung an Fachleuten für Kostenkalkulationen offensichtlich mangelt. Alle fragen sich: Wem vertrauen die Mitglieder des Rates denn da eigentlich immer aufs Neue?

Volker Steude, BÄH-Bürger
(ruhrblogxpublik)

Übrigens, da wäre noch was. Das Parkhaus wird ja für die Jahrhunderthalle gebaut, die fasst 1.500 Besucher, das neue Parkhaus wird aber nur 330 Stellplätze haben. Sollte sich herausstellen, das dass Objekt zu klein ist, könnte die Stadt auf den Gedanken kommen noch ein weitere Parkhaus zu bauen… . Nein, bitte nicht!

Fassade Parkhaus Jahrhunderthalle | Foto: Stadt Bochum, Dokumentation Realisierungwettbewerb
Lage Parkhaus Jahrhunderthalle | Foto: Stadt Bochum, Dokumentation Realisierungwettbewerb
Autor:

Dr. Volker Steude aus Bochum

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