Erprobung von Medikamenten am Menschen: Anwerbung von Studienteilnehmern wird aufdringlicher

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Seit ein paar Wochen wird sie erneut in den Tageszeitungen geschaltet:
die groß aufgemachte Anzeige des vergangenen Frühjahrs, mit der zur Teilnahme an einer offenbar großangelegten Studie zur Erprobung eines neuen Medikaments gegen Depressionen aufgerufen wird.

In seiner Größe ist der Aufruf nicht zu übersehen. Er kann deshalb je nach eigenem Empfinden als aufdringlich erfahren werden und hinterlässt zunehmend Unbehagen, je öfter er zu finden ist.
Der Mensch als angeworbenes Versuchskaninchen.

Der Ansatz der Botschaft ist einfach. Auch wenn man wegen seiner Depression in Behandlung ist, könne sie noch immer sehr belastend sein, heißt es in großer Überschrift. Der Aufreißer trifft zweifelsohne zu, weil Depressionen nicht von hier auf gleich zu lindern sind.

Der Zweck der beworbenen klinischen Studie liegt in der Bewertung eines Medikaments, das noch zusätzlich zu dem SSRI-Antidepressivum eingenommen wird, das der Erkrankte bereits nimmt. Denn für einige sei das womöglich nicht genug. Verstimmungen und Antriebslosigkeit seien nur einige der üblichen Symptome, die während einer Behandlung weiterhin auftreten könnten, heißt es in der Anzeige.
Sollten trotz des eingenommenen Mittels anhaltende Symptome auftreten, sei es an der Zeit, weitere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Es solle herausgefunden werden, ob die anhaltend auftretenden Symptome durch das zusätzliche Mittel gelindert werden können.

Die Gesamtheit der Aussagen macht stutzig und wirft Fragen auf. Denn es wird im Allgemeinen propagiert, Dank medikamentöser Therapie und psychotherapeutischer Verfahren seien Depressionen mittlerweile mit Erfolg behandelbar.

Arbeitsmaterialien einer Psychoedukation beschreiben auf verständliche Weise die Wirksamkeit moderner Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI), die durch ihre Wirkungsweise im Gehirn zur Stimmungsaufhellung führen, ein Gefühl stärkerer Ausgeglichenheit erzeugen und die Aktivität steigern.
In der Akutbehandlung brauche es oft 2-3 Wochen bis die Wirkung eintritt. Zeitweilig auftretende Nebenwirkungen würden nach einigen Tagen von selbst abklingen. Antidepressiva seien geeignet, die Symptome der Depression zu lindern.

Die Einnahme eines Antidepressivums erfolgt unter ärztlicher Verordnung und Betreuung. Die Wirkung oder die Nichtwirksamkeit wird besprochen. Bleiben Verstimmungen und Antriebslosigkeit erhalten, ist der Zweck der Einnahme verfehlt. Greift das Mittel also nicht, wird man ein anderes Antidepressivum testen, das womöglich besser zum Patienten „passt“ und eine Wirksamkeit entfaltet.
Bei nicht ausreichender Wirksamkeit würde man das Mittel folglich wechseln, statt unsinnigerweise noch weiter einzunehmen, was nicht wirkt.

Die Beipackzettel von Antidepressiva weisen deutlich aus, dass eine Einnahme zusammen mit anderen Mitteln zur Behandlung von Depressionen nicht oder nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen sollte. Ohne Rücksprache mit seinem Arzt sollte man sich folglich besser keiner Studie unterwerfen, um zusätzlich zu einem nicht sinnvollen Medikament ein zweites Mittel zuzufügen und dem Körper einen Cocktail einzuflößen, dessen Zusammenwirken nicht kalkulierbar ist.

Es ist immer mit einem Risiko behaftet, wenn Menschen etwas für den Menschen testen, das für sie nicht unbedingt zu überschauen ist. Wenn sich jemand trotz seiner Depressionen unerschrocken dafür hergibt, ist das beachtenswert - oder es geschieht aus der Verzweiflung, weil es gefühlt kaum schlimmer werden kann.

Der Aufruf in den Zeitungen hinterlässt in jedem Fall ein insgesamt sehr ungutes Gefühl. Denn unter Einfluss einer Depression läuft man durchaus Gefahr, Entscheidungen zu treffen, die man ohne die Erkrankung so nicht treffen würde. Und unter einer Depression ist der Körper oftmals z.B. weitaus schmerzempfindlicher und für Nebenwirkungen sehr viel sensibler. Es erscheint deshalb in jedem Fall sehr ratsam, erst den eigenen Arzt seines Vertrauens zu befragen, statt sich ohne dessen Wissen und Beratung direkt zu einer Studie bei anderen Ärzten anmelden.

Eine Studie braucht Probanden. Sie kann durchaus einen guten Zweck erfüllen. Es ist aber gleichermaßen wichtig, sich als Patient bewusst zu machen, dass dahinter immer auch wirtschaftliche Interessen stehen und nicht zwangsläufig in erster Linie der Erkrankte.

Wer steht am Ende dafür gerade, wenn die Gesundheit Schaden nimmt? Jemanden dann in Regress nehmen zu wollen, wenn die Behandlung schief gegangen ist, in die der Patient im Wissen um mögliche Risiken eingewilligt hat, diesen Gedanken wird der Geschädigte beiseite schieben können.
Bei der Einnahme zweier Medikamente die schädigende Wirkung des zu testenden Mittels nachweisen zu wollen, scheint aussichtslos. Die Herstellung einer solchen Kausalität würde kaum jemand zulassen oder anerkennen.

Die Teilnahme an einer Medikamenten-Studie will deshalb sehr gut abgewogen sein.

Autor:

Sabine Schemmann aus Bochum

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