1. Dinslakener Literatur-Hotel-Preis: Birgit Perkovic

Der Ohrenmann

Sie saß gemütlich eingekuschelt in einem Korbsessel des Cafes Lueg auf der Neustraße und betrachtete nachdenklich den „Ohrenmann“, die Skulptur direkt neben der Kirche. Die Sonne strahlte an diesem herrlichen Juninachmittag und die Kellnerin brachte ihr den allseits beliebten Eiskaffee.

Es herrschte ein reges Treiben an diesem schönen Tag. Verliebte Paare schlenderten die Neustraße hinauf, eilige Hausfrauen gingen schnelleren Schrittes hin und her und einige ältere Herrschaften genossen das schöne Wetter im Außenbereich des Cafe Lueg bei einem lecker Stückchen Kuchen.

Sie steckte sich eine Zigarette an und stocherte in ihrem Eiskaffee herum. Beim weiteren Betrachten des Ohrenmannes dachte sie sich: Der Ohrenmann hat ja ziemlich große Ohren und hört sicherlich auch Dinge, die einigen Menschen eine Gänsehaut verschaffen könnten… Aber er kann ja nicht sprechen, da er keinen Mund hat.

Manchmal wünschte sie sich, ihr Chef, der liebe Herr Staranwalt, könne auch nicht sprechen und würde seine dummen Sprüche für sich behalten. Seit Monaten hatte sie das Gefühl, er belausche ihre Telefonate und spioniere hinter ihr her. Seine bissigen Bemerkungen trafen sie jedes Mal bis ins Mark und langsam nahmen ihre Depressionen wieder zu. Wenn es so weiterginge, müsste sie sich über kurz oder lang wieder in Behandlung begeben. Aber das wäre ja ein gefundenes Fressen für ihren Chef. Ach, wäre doch ihr Chef der Ohrenmann und müsste alles, was er sieht und hört, für sich behalten.

Dr. Schmidt saß mit seinen Rechtsanwaltskollegen, einigen Richtern und Staatsanwälten beim monatlichen Stammtisch in der Adler-Apotheke. Er sann mal wieder darüber nach, welcher Schachzug für ihn am besten war, Vorsitzender der Dinslakener Rechtsanwälte zu werden. Seit Wochen herrschte zwischen Rechtsanwalt Dr. Flöck und ihm ein stiller Kampf um diese Position. Vielleicht sollte er seine Lieblingsanwaltsgehilfin Beatrix dazu einsetzen, Dr. Flöck ein wenig auszuhorchen. Sicherlich würde sie ihm bei einem intimen Abendessen irgendwelche Interna herauslocken können, die er dann gegen Dr. Flöck einsetzen könnte. Beatrix war wirklich talentiert und versuchte in seinem Auftrag schon seit Wochen, seine Bürovorsteherin Susanne auszuhorchen. Susanne machte ihren Job zwar sehr gut, für seine Begriffe zu gut und in manchen Dingen hatte sie mittlerweile mehr Fingerspitzengefühl bei den Klienten als er selbst. Das gefiel seinem Ego natürlich nicht und er wollte sie so schnell wie möglich loswerden, um den Bürovorsteher-Job mit seiner Geliebten Beatrix zu besetzen.

Susanne trank ihren Eiskaffee ganz in Ruhe aus, bezahlte und machte sich auf den Weg, den Dinslakener Skulpturenweg zu erkunden. Die frische Abendluft und ein wenig Kulturprogramm würden ihr sicherlich gut tun und vielleicht würde sie ja in der kommenden Nacht einmal durchschlafen können. Sie ging in Richtung Stadtpark, um sich noch im Dämmerlicht den Schwebenden Würfel, eine Metallkonstruktion von Günther Zins, anzusehen und würde dann den Skulpturenweg so weitergehen, dass sie ihren Spaziergang beim Ohrenmann beenden würde.

Dr. Schmidt hatte mal wieder zu tief in sein Weinglas geschaut. Aber trotzdem war er sehr mit sich zufrieden. Seine Pläne nahmen langsam Gestalt an. Seine Kollegen waren mittlerweile schon gegangen und auch er machte sich langsam auf den Heimweg. Gut, dass er es nicht so weit bis nach Hause hatte. Es war damals doch gut gewesen, in ein Loft auf der Neustraße zu investieren.
Schwankend lief er die Brückstraße entlang. An der evanglischen Stadtkirche machte er eine kleine Pause. Oh, der Wein war stärker gewesen, als er gedacht hatte. Plötzlich spürte er einen stechenden Schmerz zwischen seinen Rippen. Die Klinge des Messers blieb in seinem Körper stecken. Er sank zu Boden und hörte noch klappernde Absätze davonlaufen. Sein Leben zog blitzartig an ihm vorbei und seine Missetaten pulsierten in seinem Blut, bis er seinen letzten Atemzug tat.
Der Ohrenmann hatte alles beobachtet. Wie gut, dass er nicht sprechen kann!

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