Der Lärm in der Stille - Alltagsbeobachtungen

In einem Kinderwagen liegt ein schreiendes Kind – es schreit sich die Seele aus dem Leib. Ahnt es, das diese Welt, in die es hineingeboren ist, ihre Tücken hat ? Das auf ihr sehr grausame Menschen leben ? Vielleicht schreien kleine Kinder deshalb so viel, weil sie aus dem Paradies heraus auf die Mutter Erde gefallen sind ? Ein buddhistischer Mönch aus Sri Lanka erforschte über Jahre das Sprachgewirr kleiner Kinder und glaubte daraus Worte zu erkennen, die sie aus ihrem vorherigen Leben kennen und die sie nun wieder mitbringen auf diese Erde.

Laut lamentieren sie immer noch, wenn sie im Kindergarten und in der Schule sind – allerdings ist das von Land zu Land und von Kultur zu Kultur unterschiedlich. Je stärker die von außen auf sie eindringenden Reize, desto lauter sind die Kinder. Und an lauten Reizen ist unsere westliche, bundesdeutsche Umgebung nicht gerade arm. Besuchen Sie Ihre Dienstleister, wie Friseur, Boutique, Restaurant, Kaffeehaus oder Supermarkt und Sie werden ohne Ende beschallt mit irgendeiner Tröpfelmusik – mal laut, mal weniger laut. Aber egal: die Hauptsache es kommt etwas aus dem Lautsprecher auf Sie hernieder. Die Kinder hören das auch, können sich nicht wehren, werden reingezerrt in diese Läden, müssen es aushalten. Und dann kommt ihr Vorteil: Im Gegensatz zu den Erwachsenen können sie das Gespeicherte lautstark wiedergeben – auf der Straße, in der Schule, zu Hause und in der Bahn.

Das Geschrei hört nicht auf. Junge Vorgesetzte meinen oft, ihre Mitarbeiter anschreien zu müssen. Das ist besonders ausgeprägt bei der Bundeswehr. Junggesellengruppen, die an den Wochenenden durch die Altstadt ziehen, grölen wie eine Horde ausgewachsener Ochsen. Fußballfans können lauter sein, als ein Tornado und in einem sommerlichen Freibad haben manche Kinder und Jugendliche schon keine Stimme mehr, weil sie sie vor lauter Schreien im Wasser verloren haben.

Der Mann schreit die Frau an beim Autofahren. Warum sie nicht Gas gegeben habe bei gelb, Hä ?!
Die Frau schreit ihre Kinder an – warum sie so spät nach Hause kommen, Hä ?!
Familien schreien bei der Autofahrt, schreien im Stau, schreien, das Hund und Katze taub werden und sich vor Verzeiflung in eine gemeinsame Ecke verdrücken – obwohl sie doch ansonsten wie „Hund und Katz'“ sind.

Bei Open Air-Konzerten schreien die Boxen. Sie dröhnen, scheppern, die Bässe wimmern – niemand von den Tontechnikern hört es. Sie sind alle schon hörgeschädigt von den kleinen schreienden I-Pods, die sie ständig auf den Ohren tragen. Was machen wir nur, wenn das auch mal anfängt in den Opern- und Konzerthäusern. Wagner mit wummenden Bässen ? Das geht doch gar nicht....

Alte Leute schreien eher nicht. Sie scheinen resigniert zu haben. Ächzend bewegen sie sich durch das laute Leben, träumen vielleicht von der Ruhe im Paradies. Einem Paradies, das sie dereinst wieder ausspuckt auf die Welt und wo sie dann einige Worte ihre urtümlichen Sprache kaum verständlich brabbeln in einem Kinderwagen, in dem sie umso lauter schreien, je mehr Mama und Tanten sie zu beruhigen versuchen.

Sie wissen, warum....

Autor:

Karin Michaeli aus Düsseldorf

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