Krieg in der Ukraine
"Mein Oppa sein Krieg"

Wilhelm Distelrath - rechts eingereist - als Gardeschütze mit seinen Kameraden.  | Foto: Uwe Klein
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Wenn Oppa über den Krieg erzählt. Richtig gelesen. Oppa mit zwei P, und ich habe nicht den Finger zu lange auf der Tastatur oben rechts gehalten. So spricht man den Begriff im Ruhrgebiet aus. Das langgezogene O schmerzt in unseren Ohren. Genug der Vorrede.
Krieg. Dieses Wort begleitet uns nachrichtlich durch den Tag. Denn vor einem Jahr begann der Krieg in der Ukraine. Ich erinnere mich an die Geschichten meines Oppas.
Oppa erlebte und überlebte zwei Weltkriege. Von seinem Krieg erfuhr ich als kleiner Junge. Meine Eltern „parkten“ häufig abwechselnd meine drei Brüder und mich am Wochenende gerne mal bei Omma und Oppa Wanne, wie wir Kinder sie nannten. Eigentlich hießen sie Caroline (Lina) und Wilhelm (Willi). Und wohnten in Wanne-Eickel. Jetzt wissen wir auch die Namensherkunft.
Für uns Kinder eine schöne Auszeit von daheim. Oppa brachte uns Schach und diverse Kartenspiele bei, Omma verwöhnte uns mit allerlei Speisen und Süßigkeiten. Und gemeinsam guckten wir samstags den „Blauen Bock“.
Der Sonntagmorgen hatte auch sein Ritual. Omma bereitete in der Küche das Frühstück vor. Im Radio lief evangelischer Gottesdienst. Sie war textsicher und sang jedes Kirchenlied fehlerfrei, lautstark mit. Ich schlüpfte unter das riesige Oberbett von Oppa.
Und er erzählte seine Geschichten. Gerne vom 1. Weltkrieg. Wie sich die deutschen und französischen Soldaten in Gräben nicht weit voneinander gegenüberlagen, beschossen und manchmal auch mit dem Bajonett erstachen. Dann holte er aus dem Nachttisch eine Bleikugel. Die hatte ein Arzt ihm aus der Lunge entfernt, ein so genanntes Schrabnellgeschoss. Da man dachte, der junge Soldat Wilhelm Distelrath aus Gelsenkirchen sei tödlich getroffen, landete Oppa aufgereiht bei den gefallenen Kameraden in einem riesigen Zelt. Kurz bevor sie zur letzten Ruhestätte im Feindesland begraben werden sollten, musste der Regimentsarzt noch eine Leichenschau vornehmen. Als er in Höhe des jungen Wilhelm stand, musste dieser leicht hüsteln. „Der lebt noch, ab ins Lazarett“, soll der Arzt zackig gesagt haben. So überlebte mein Großvater den 1. Weltkrieg. Die Geschichte machte mir damals keine Angst. Auch deshalb nicht, weil Oppa sie so zurückhaltend erzählte. Die Märchenstunde wurde durch Ommas Ruf aus der Küche beendet: „Frühstück ist fertig.“

Den zweiten Weltkrieg verbrachte Oppa in Wanne-Eickel. Tagsüber arbeitete er als Rangierer am Bahnhof, die Bombennächte der Alliierten verbrachten Omma und er – manchmal auch mit Tochter Katharina - im Bunker. Sein Sohn Oswald war Soldat. Nach einem Bombenangriff kamen die Großeltern zurück zum Wohnhaus. Nur, es gab es nicht mehr. Eine Bombe der Engländer hatte ganze Arbeit geleistet. Oppa Wanne fischte aus den Trümmern kleinere Habseligkeiten und einen Kuchen, den Omma noch vor dem hektischen Aufbruch in den Hochbunker gebacken hatte. Am 8. Mai 1945 wurde Deutschland von den Alliierten von einem Verbrechersystem endlich befreit. Der Krieg war beendet. Oppa Wanne wurde 97 Jahre alt.
Zeitsprung: Seit fast 80 Jahren leben wir in Deutschland in Frieden. Zwar existierte immer dieser West-Ost-Konflikt. Und 1963 standen sich in Berlin amerikanische und russische Panzer gegenüber. Trotzdem, es blieb friedlich. Jetzt wütet wieder ein Krieg in Europa. Begonnen und angezettelt von einem kleinen Mann, der mit seiner Entourage im warmen Moskauer Palast residiert.
Genau vor einem Jahr begann der Überfall auf die Ukraine. Menschen sterben qualvoll, Frauen werden vergewaltigt, Kinder verschleppt. Soldaten beider Seiten sterben zu Tausenden. Auf den Weg zum Frieden setzen Realpolitiker auf Waffenlieferung für die angegriffene Ukraine, die anderen auf Verhandlungen.

Autor:

Uwe Klein aus Essen-Süd

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