Der Werdener Leon Miguel Pires Schulten musste sein Praktikum in Mexiko vorzeitig abbrechen
Plötzlich war das Virus da

Im Estadio Olímpico Universitario spielten die UNAM Pumas gegen den Erzrivalen Club América. 
Foto: Schulten
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Leon Miguel Pires Schulten lächelt ein wenig gequält: „Ich war hin- und hergerissen. Noch bleiben in Mexiko? Lieber vorzeitig nach Hause fliegen?“ Die Bedenken aufgrund der Coronakrise gewannen die Oberhand. Der 21-jährige Werdener brach sein Praktikum vorzeitig ab.

Als er im Februar losgeflogen war, schien noch alles in Ordnung. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Nun ist er vorzeitig zurückgekehrt aus Mexiko. Sein Studium in Sportwissenschaft und Spanisch an der Ruhruni Bochum erfordert einen mindestens sechswöchigen Aufenthalt in einem spanisch-sprachigen Land. Nach fünf Semestern und kurz vor der Bachelor-Arbeit war die Zeit gekommen: „Doch wohin? Nach Spanien komme ich doch immer. Aber Mexiko, das hat mich gereizt.“ Über Verbindungen wurde ein Quartier besorgt: „Der Freund eines Bekannten hat mich am Flughafen abgeholt und war mir sofort sympathisch.“ Die Märkte, die Farben, Gerüche, die unzähligen Menschen: Die Hauptstadt Mexico-City ist höchst lebendig. Ob sehr zentral im Stadtteil Roma Norte oder ein wenig außerhalb in Xochimilco, überall pulsiert das Leben. Ganz schön chaotisch: „Aber wenn man sich daran gewöhnt hat, ist Mexiko ein tolles Land.“ Auch das Essen ist anders als in Deutschland: „Ich habe Heuschrecken probiert. Tacos und Quesadillas sind sehr lecker, überall wird Limette drüber geträufelt, selbst in die Getränke. Tequila ist nicht so meins, lieber ein Bier. Aber nicht wie in Mexiko mit merkwürdigen Mischungen und schon gar nicht mit Salzrand am Glas. Das schmeckt gar nicht.“ Ein unvergessliches Erlebnis war der Besuch in der Sporthalle Arena México beim „Lucha Libre“, dem mexikanischen Wrestling. Hier sind die Kämpfer fantasievoll maskiert. Die Ausflüge aufs Land waren begleitet von tollen Eindrücken, aber auch von massiven Verständigungsschwierigkeiten: „Dort sprechen die Leute nämlich kein Hochspanisch, sondern lokale Dialekte. Mit Händen und Füßen reden hat aber irgendwie doch geklappt.“

Praktikum beim Fußballverband

Leon Schulten ist Fußballtorhüter. Der Sohn einer Portugiesin und eines Deutschen spielt schon seit vielen Jahren auf hohem Niveau, wurde in deutsche und portugiesische Nachwuchs-Nationalkader berufen. Einige Adressen waren MSV Duisburg, Fortuna Düsseldorf und Rot-Weiss Essen. Inzwischen steht er beim Landesligisten DJK Mintard zwischen den Pfosten. Nun bekam er die Möglichkeit, ein Praktikum beim Mexikanischen Fußballverband zu machen. Hier erhielt Schulten Einblicke in die Nachwuchsförderung. Speziell im Torwarttraining konnte er wertvolle Beobachtungen machen: „Ich habe da so viel gelernt. Einmal habe ich ein Torwarttraining auf dem Land geleitet. Mit Kindern, die noch nie ein Training hatten. Das war sehr eindrucksvoll. Nach solch einem Erlebnis ist man geerdet.“ Leon Schulten sprach mit den Trainern des Fußballverbandes, sogar mit Nationaltrainer Gerardo Martino. Der Student konnte unzählige Erfahrungen sammeln. Er schult den Torwartnachwuchs beim SC Werden-Heidhausen und will die Trainerkarriere einschlagen: „Ich möchte selbst das weitergeben, was ich gelernt habe.“ Um die notwendigen Lizenzen zu erwerben, sind Kursteilnahmen beim Fußballverband Niederrhein angemeldet. Natürlich wollte Leon Schulten unbedingt ein Spiel der 1. Mexikanischen Liga besuchen. Am 7. März spielten im Estadio Olímpico Universitario die UNAM Pumas gegen den Erzrivalen Club América. Die hitzige Partie dieser erbitterten Rivalen endete 3:3 und war ein Schlussstrich: „Danach wurden die Spiele abgesagt und so habe ich es leider verpasst, auch eine Partie im weltberühmten Aztekenstadion zu erleben. Vielleicht kann ich das nachholen.“

Wochenlang verharmlost

Inlandsflüge sind billig. Einer spontanen Einladung folgend, flog Schulten mit Freunden an die Karibikküste nach Cancún. Dort keine Spur von Corona. Zurück in der Hauptstadt, war das Virus plötzlich da und übernahm das Kommando. In der Metropolregion Mexico-City leben über 21 Millionen Menschen dicht an dicht. Der Umgang mit der Pandemie befremdete Leon Schulten: „Die sind da noch deutlich zurück. Der eine Teil weiß Bescheid, der andere ist da völlig gleichgültig. So ein armer Tacoverkäufer auf der Straße muss seine Produkte verkaufen, um die Familie zu ernähren. Das ist ein nicht lösbarer Zwiespalt.“ Der linkspopulistische Präsident Andrés Manuel López Obrador verharmloste das Virus wochenlang. Noch am 22. März rief er die Bevölkerung auf, doch bitte ins Restaurant zu gehen und die Wirtschaft zu stärken. Viel später - zu spät? - korrigierte er seinen Kurs und empfahl, „dass sich jetzt alle zurückziehen, mit ihren Familien zu Hause sind, Distanz wahren und auf Hygiene achten“. Erst dann wurden Schulen geschlossen und Veranstaltungen mit mehr als 100 Teilnehmern verboten. Verbindliche Ausgangsbeschränkungen gab es jedoch nicht, Restaurants und Geschäfte blieben geöffnet. Als die Lufthansa den für den 5. April geplanten Rückflug strich, wurde es Schulten zu brenzlig und er organisierte einen Flug mit der KLM nach Amsterdam. Nach bangen Stunden konnte ihn seine Familie wohlauf in die Arme schließen. Doch ein Problem nervt. Der Auslandsaufenthalt war nun nicht lange genug. Leon Schulten muss das noch mit der Uni klären: „Eventuell kann ich die fehlenden Wochen noch in diesem Jahr nachholen. Ich würde sehr gerne wieder nach Mexiko fliegen, habe dort echte Freunde gewonnen. Alle waren sehr herzlich zu mir. Eine super Erfahrung.“

Autor:

Daniel Henschke aus Essen-Werden

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