Rüttenscheids Zukunft - Das Bürgerforum im Dialog zu Bauen und Verkehr

Auf dem Podium (von links nach rechts): Michael Happe (Dipl.-Ing. Bauassessor, Stadtplaner AKNW, GF BKR Essen); Moderator Prof. Klaus Wermker (ehemaliger Leiter des Büros für Stadtentwicklung der Stadt Essen); Annegret Schaber (Projektleiterin im Konstruktiven Ingenieurbau bei Straßen NRW) und Wolfgang Packmohr (Leiter der Direktion Verkehr beim Essener Polizeipräsidium a. D.); der städtische Vertreter hatte leider kurzfristig abgesagt.
  • Auf dem Podium (von links nach rechts): Michael Happe (Dipl.-Ing. Bauassessor, Stadtplaner AKNW, GF BKR Essen); Moderator Prof. Klaus Wermker (ehemaliger Leiter des Büros für Stadtentwicklung der Stadt Essen); Annegret Schaber (Projektleiterin im Konstruktiven Ingenieurbau bei Straßen NRW) und Wolfgang Packmohr (Leiter der Direktion Verkehr beim Essener Polizeipräsidium a. D.); der städtische Vertreter hatte leider kurzfristig abgesagt.
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Am vergangenen Dienstagabend fanden sich rund 100 engagierte Bürgerinnen und Bürger in der Reformationskirche in der Julienstraße ein, um künftige Entwicklungen im Stadtteil mit Sachverständigen zu diskutieren. Das Bürgerforum Rüttenscheid hatte eingeladen zum Austausch zu den Themen Bauen und Verkehr. Dabei wurde deutlich, dass es an einigen Punkten hakt und bei künftigen Bauvorhaben dringend umgesteuert werden muss. Durch den Abend moderierte Prof. Klaus Wermker, ehemaliger Leiter des Büros für Stadtentwicklung der Stadt Essen und selbst Rüttenscheider.

Besser Bungee-Jumping als E-Scooter

Wolfgang Packmohr (Leiter der Direktion Verkehr beim Essener Polizeipräsidium a. D. und weiter ehrenamtlich im Vorstand der Essener Verkehrswacht tätig) sieht die Interessen von Fußgängerinnen und Fußgängern immer mehr bedroht. So weichen z. B. Radelnde, die auf den Straßen nicht genug Platz finden, zunehmend auf Gehsteige aus und nehmen dabei nicht immer Rücksicht auf diejenigen, die dort zu Fuß unterwegs sind. Die neu eingeführten E-Scooter dürfen ja eigentlich nicht auf Bürgersteigen genutzt werden, was aber trotzdem passiert. Packmohr: "Ich habe diese Dinger selbst ausprobiert, ich finde sie saugefährlich". Sie sausen schnell und lautlos heran, ein besonderes Risiko für ältere oder hörbehinderte Menschen. Wenn Städte wachsen, müssen immer mehr Personen auf der gleichen Fläche miteinander zurechtkommen. Dafür gibt es Packmohr zufolge nur eine Lösung: Es muß Raum geschaffen werden, der den Autofahrerinnen und Autofahrern weggenommen wird. Als Schutzmaßnahme für alle solle außerdem Tempo 30 innerhalb des gesamten Stadtgebietes gelten.

Sterbebegleitung für den Stadtteil

Leider wirken Bauvorhaben in Essen nicht immer als zusammenhängendes Ganzes gedacht, fasste Prof. Wermker Äußerungen aus der Bevölkerung zusammen. Michael Happe (Dipl.-Ing. Bauassessor, Stadtplaner AKNW, GF BKR Essen) nannte als bestes Beispiel eine neu geplante Wohneinheit mit 800 Wohnungen. Dort ziehen dann ca. 1.500 Menschen ein, es ist mit 500 - 600 Kindern zu rechnen. Diese Neubürgerinnen und -bürger brauchen eine passende Infrastruktur, wie Kita- und Schulplätze, die schon heute nicht ausreichen. Ein solcher Bevölkerungszuwachs bedeutet auch, dass pro Tag ungefähr 4.000 zusätzliche Autofahrten anfallen, rechnete Happe vor! Unvorstellbare Zahlen in einem bereits jetzt dichtbesiedelten Stadtteil, dem mit den grünen Lungen zunehmend auch die Puste ausgeht. Großer Teil des Problems ist in Essen auch der magere ÖPNV, verlautete es aus dem Publikum: Wenn man nach 20 Uhr nur noch im Halbstundentakt vorankommt und nach 23 Uhr gar nicht mehr, ist ein Umsteigen nicht attraktiv. Auch die Zusammenarbeit der Verkehrsverbünde im Ruhrgebiet und der Transport über Stadtgrenzen hinweg lassen zu wünschen übrig. Happe schlussfolgernd: "So entsteht Zwangsmobilität mit dem Auto". Mütter fahren dann ihre Kinder mit dem Zweitwagen zu weiter entfernten Kitas und Schulen - während das Verkehrsaufkommen steigt und steigt. Bei einem Weiter-So könne man sich künftig im Sommer auf Hitzetage als Regel einstellen: Dann sind es tagsüber über 30 Grad und nachts gibt es keine richtige Abkühlung. Happe warnte: "Das ist Sterbebegleitung für den Stadtteil".

"Die Stadt plant für die Goldgräber"

In der Diskussionsrunde ging es hoch her. Eine Bürgerin rief leidenschaftlich: "Die nehmen uns die letzten grünen Lungen weg!" Ein anderer sah den Stadtteil fest in der Hand von Gastronomen und Investoren. Auch die Verkehrsproblematik bestehe bereits seit mindestens 30 Jahren, ohne dass sie bisher richtig angegangen worden sei. Eine Teilnehmerin empörte sich besonders über die rund 20 Millionen Euro, die Essen im Rahmen des Programms "Lead City" für eine Verkehrswende bekommen habe. Das Geld wurde überwiegend in Einmal-Maßnahmen gesteckt (günstigere Tickets im ÖPNV und Taktverdichtung). Nach dem Auslaufen dann Schweigen im Walde, ein nachhaltiger Verkehrsumbau ist nicht in Sicht.

Mentalitätswechsel im Umgang mit Investoren

Stadtplaner Happe möchte Investoren auch für öffentliche Aufgaben heranziehen. So sollen sie sich ganz selbstverständlich an den Kosten für eine neue Kita beteiligen, wenn mehr Menschen zuziehen und sie dadurch profitieren. Außerdem sollen die Investoren für den Klimaschutz in die Pflicht genommen werden, beispielsweise für Energiegewinnung aus alternativen Quellen. Essen schmückt sich schließlich seit 2017 mit dem Titel "Grüne Hauptstadt Europas". Damit verbunden sind Ratsbeschluss und Masterplan Verkehr als Auftrag an die Verwaltung. Um dem Plan zu folgen, müsste der Autoverkehr um 55% abgesenkt werden. Erreicht die Ruhrmetropole die selbst festgelegten Ziele nicht, kann der Hauptstadttitel übrigens wieder aberkannt werden. Prof. Wermker erinnerte daran, dass die anstehenden Kommunalwahlen die Möglichkeit bieten, Druck auf die Politik auszuüben. Es bleibt also viel zu tun - und zu besprechen: Die Gesprächsrunde wird am 21. April fortgesetzt.

Autor:

Stefanie Alteheld aus Sundern (Sauerland)

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