"Geburtshelfer" des Stadtspiegel

Bernd E. Becker ist heute im wohlverdienten Ruhestand, obwohl: Das Schreiben ließ ihn nie wieder los und wenn er heute mit Bus und Bahn durch das Revier fährt, sind Schreibblock und Stift seine treuen Begleiter.
Foto: Privat
  • Bernd E. Becker ist heute im wohlverdienten Ruhestand, obwohl: Das Schreiben ließ ihn nie wieder los und wenn er heute mit Bus und Bahn durch das Revier fährt, sind Schreibblock und Stift seine treuen Begleiter.
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Wo: Stadtspiegel Gelsenkirchen, Florastrau00dfe 6, 45879 Gelsenkirchen auf Karte anzeigen

„Wie die Jungfrau zum Kinde“ kam vor 35 Jahren der Gelsenkirchener Bernd Becker zum Stadtspiegel. Um genau zu sein, war er vor dem Stadtspiegel da, denn er ist der Redakteur der ersten Stunde und sorgte für die Inhalte der ersten Ausgabe des Stadtspiegels Gelsenkirchen am 31. August 1983 und die der folgenden sieben Jahre.

Heute ist Bernd Becker im (Un-)Ruhestand und sein Tag beginnt morgens um 5.30 Uhr, sobald die Tageszeitung im Briefschlitz landet. Dann macht er sich mit seinem Bärenticket auf den Weg und genießt es, im Zug sitzend auf dem Weg nach irgendwo die Zeitung zu lesen und eigene Texte zu verfassen.
Für den Stadtspiegel unterbrach er aber seine tägliche Routine und schilderte wie vor 35 Jahren hier in Gelsenkirchen alles begann.
„Meine ersten Erfahrungen mit dem Erstellen einer Zeitung habe ich in Gladbeck gemacht. Dort war ich in der Stadtverwaltung tätig und für die „Glazette“ zuständig. Das war damals vergleichbar mit der heute in Gelsenkirchen erscheinenden vierteljährlichen Stadtzeitung. Die Glazette erschien ebenfalls einmal im Quartal und wurde damals in der gleichen Druckerei erstellt wie die Produkte der Westdeutschen Verlags- und Werbegesellschaft (WVW), also dem Stadtspiegel-Verlag“, schildert Becker.
So lernte er den damaligen WVW-Geschäftsführer Lutz kennen, der ihn irgendwann fragte, wann denn die nächste Glazette erscheinen würde. „Doch das Erscheinen war bereits eingestellt und ich mit anderen Aufgaben beschäftigt. Also habe ich ihm gesagt, dass er an mich denken soll, wenn er mal einen Mitarbeiter suchen würde.“
Als dann der damals noch für Gladbeck zuständige Objektleiter Emil Koska mit der Aufgabe betraut wurde, in Gelsenkirchen ein Anzeigenblatt für die WVW aus der Taufe zu heben, warb dieser mit dem Segen seines Geschäftsführers Bernd Becker als Redakteur an.
„In der damals noch jungen WVW wurde ich zum stellvertretenden Zentralredakteur ernannt, doch in der Essener Zentrale war ich eher selten, weil der Stadtspiegel in Gelsenkirchen mich mit reichlich Beschlag belegte“, lacht Becker.
Und wenn er sich dann daran erinnert, wie in Gelsenkirchen alles begann, muss er direkt schmunzeln: „Emil Koska trat bewaffnet mit einer Sekretärin und einer Schreibmaschine hier in Gelsenkirchen damals noch in einem ehemaligen Teppichgeschäft an der Ecke Gildenstraße/Georgstraße und Sparkassenstraße an. Ich habe meine Texte zu Hause auf meiner eigenen Schreibmaschine getippt.“
Becker hatte für die damals noch üppig bestückte publizistische Landschaft Gelsenkirchens ein Konzept für den Stadtspiegel entwickelt, das eigentlich noch heute Gültigkeit besitzt. Denn es ging darum, die gleichen Themen anzusprechen, die in den damals noch drei existierenden Tageszeitungen auch erschienen, nur eben ein wenig kleiner. Dafür sollte es aber größere Lesegeschichten geben.
Ansonsten stand nur noch fest, dass die erste Ausgabe des Stadtspiegels am 31. August erscheinen sollte, pünktlich zur Eröffnung des Bahnhofscenters, das von der ECE Projektmanagement GmbH & Co. KG gebaut und betrieben wurde. Die ECE war ein Geschäftspartner der WVW und man wollte sich in Gelsenkirchen gegenseitig befruchten.
„Die ersten Ausgaben erschienen nur in Gelsenkirchen. Also diesseits des Kanals. Erst einige Ausgaben später kamen dann auch die rund 55.000 Gelsenkirchener Haushalte hinter dem Kanal in den Lesegenuss“, schildert Becker.
Dabei war der Anfang des Anzeigenblattes Stadtspiegel in Gelsenkirchen nicht ganz einfach. So wollte der damalige Pressesprecher der Stadt das „Blättchen“ nicht in den Presseverteiler aufnehmen. Doch Becker sorgte dafür, dass der Stadtspiegel an Akzeptanz gewann und als dann Gerhard Teulings der neue Pressesprecher der Stadt wurde, verbesserte sich die Zusammenarbeit sofort.
„Gerhard hat mal zu mir gesagt: Zehn Zeilen im Stadtspiegel sorgen für mehr Resonanz als ein Artikel in der Tageszeitung“, erinnert sich der Alt-Redakteur, der später selbst Pressesprecher der Stadt Gelsenkirchen wurde.
Und auch sonst war das Zeitungsgeschäft deutlich aufwändiger als heute. So wurden die Texte mit der Schreibmaschine getippt, per Hand mit Schriftgrößen und Absätzen markiert und dann per Kurier in die Satzstelle nach Dortmund geschickt.
„Am Montag und Dienstag bekam ich nicht viel Schlaf. Erst mussten alle Texte fertig gestellt werden, dann gab es den Seitenspiegel, damit ich wusste, wo ungefähr welche Anzeigen stehen und schließlich ging es in die Satzstelle. Da kamen dann zur Überraschung immer mal wieder neue Anzeigen dazu und alles wurde noch von Hand mit einem Skalpell im Klebeverfahren auf Montageseiten zusammengebaut. Die gingen dann wiederum per Kurier von Dortmund nach Hagen in die Druckerei. Danach konnte ich endlich ein wenig Schlaf nachholen“, lacht der Rentner.
Von Anfang an pflegte der Stadtspiegel gute Kontakte zu den Pferderennbahnen in Gelsenkirchen. Denn damals gab es neben der Trabrennbahn am Nienhausen Busch auch noch die Galopprennbahn hinter dem Horster Schloss. „Dort haben wir unsere Renntage gefeiert und wenn ich mich nicht um die Abläufe des Tages hätte kümmern müssen und stattdessen meinen Tipp abgeben können, wäre ich um 84.000 D-Mark reicher gewesen. Aber es sollte nicht sein“, weiß Bernd Becker.
Gern erinnert er sich auch daran, dass er sich fragen lassen musste, ob er wirklich in der Überschrift schreiben wolle „Trinker gewinnt Stadtspiegel-Pokal“. „Dabei hieß der Jockey tatsächlich Trinker!“, lacht Becker.
Um den Szenenspiegel, in dem regelmäßig rund 40 Amateurbands aus Gelsenkirchen zum Zug kamen, wurde Becker auch von den Tageszeitungskollegen beneidet. Aber durch den späteren Schauspieler Rolf Dennemann, der mit seiner Schwester Inge die Kultkneipe Kenkenberg, direkt um die Ecke vom Stadtspiegel gelegen, betrieb, hatte Becker gute Kontakte in die Kulturszene. Außerdem zählte er Heinz Ramm von der Band „Waterproof“ zu seinen Freunden.
Stolz erzählt Becker auch gern, dass der Stadtspiegel ein Buch des verstorbenen Autors Michael Klaus in Erstveröffentlichung drucken durfte. „Für 40 Pfennig Zeilengeld, das wäre heute unvorstellbar“, ist sich Becker sicher.
Es war auch beeindruckend, wie schnell die Politik den Stadtspiegel entdeckte. So war Jürgen Möllemann einer der ersten Redaktionsgäste bei Bernd Becker. Makaber, aber wahr, sein letztes Interview gab Möllemann ebenfalls beim Stadtspiegel, dann aber schon an der Florastraße und im Gespräch mit der heutigen Redakteurin Silke Sobotta.
Und so wurde aus der One-Man-Show Bernd Becker schnell ein kleines Team. So stieß Silke Albrecht dazu, die später Frau Becker wurde und dazu kamen noch bis zu zehn Schreiber, die per Zeilengeld honoriert wurden. Darunter auch Heinz Kottek, ein ehemaliger Sportredakteur der WAZ, der im Ruhestand für den Stadtspiegel den Kontakt zum FC Schalke 04 aufbaute und pflegte.
Mit dem Stadtspiegel hat Bernd Becker so einiges erlebt. So wurde er zum Mitglied des World Trade Center Ruhrgebiet und erlebte als solches noch zu DDR-Zeiten die Gründung des WTC Leipzig und Rostock. „Als das Sport-Paradies eröffnet wurde, haben wir ausführlicher darüber berichtet als die Tageszeitungen, was uns viel Lob der Stadtwerke einbrachte“, schildert Becker.
Weniger erhebend war eine gegen ihn ausgesprochene Morddrohung, weil er sich bei einer obskuren Geschichte nicht instrumentalisieren lassen wollte. Dafür erinnert er sich gern an eine Migrantenfamilie, der er helfen konnte: „Der Vater kam zu mir, weil seine Kinder nicht die Schule besuchen durften. Er befürchtete, dass die Söhne auf die schiefe Bahn geraten könnten. Also habe ich ein Gespräch vermittelt zwischen dem Vater und dem damaligen Sozialdezernenten Erwin Neumann, der schließlich dafür sorgte, dass die Kinder die Schulbank drücken durften.“
Dank seiner Geschichte kam eine Frau, die im Beruf ein Opfer von Mobbing wurde, in den Genuss, dass ihre Erlebnisse einen Maler und Anstreicher motivierte, ihr die Wohnung zu renovieren.

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