Buchvorstellung im "Stiftshaus Gladbeck" durch Ralph Eberhard Brachthäuser
„Mit Leidenschaft für unsere Stadt“

Im "Stiftshaus Gladbeck" in Butendorf präsentierte Ralph Eberhard Brachthäuser vor geladenen Gästen sein Buch "Mit Leidenschaft für unsere Stadt".
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  • Foto: Kariger/STADTSPIEGEL Gladbeck
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Butendorf. „Kennen Sie Wilhelm Fleitmann?“ Mit dieser Frage eröffnete Ralph Eberhard Brachthäuser die Vorstellung seines Buches über die Frauen und Männer des ersten Gladbecker Stadtrates.

Am 2. März vor hundert Jahren waren 48 Mitglieder in die Gladbecker Gemeindeverordnetenversammlung gewählt worden, die sich kaum ein halbes Jahr später „Stadtrat“ nennen durfte. In den fünf Jahren der Wahlperiode bekleideten – bedingt durch Ausscheiden und Nachrücken – insgesamt 67 Frauen und Männer diese 48 Mandate. Bekannt sind heute noch Heinrich Krahn, nach dem eine Straße im Gladbecker Osten benannt ist, Mathias Jakobs, der der Stadthalle seinen Namen gab und Johannes van Acken, an den das Seniorenzentrum neben dem St. Barbarahospital erinnert. Die allermeisten der damaligen Stadtverordneten aber sind vergessen – ganz zu Unrecht.

Brachthäuser, von 1998 bis 2010 letzter Pfarrer von Heilig Kreuz in Butendorf, hat diesen Frauen und Männern nachgespürt, um sie dem Vergessen zu entreißen. Anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Verleihung der Stadtrechte an Gladbeck präsentiert er nach aufwändiger Recherche sein Buch „Mit Leidenschaft für unsere Stadt“. Darin spürt er jenen Menschen nach, die sich nach dem Epochenwechsel von 1918/19 in Gladbeck als Mandatsträger engagierten und versucht ihnen ein Gesicht zu geben. Er entdeckt dabei sowohl bekannte als auch weniger und teils sogar völlig unbekannte Stadtverordnete, die sich in den frühen Tagen der Gladbecker Demokratie mit Leidenschaft für ihre Stadt einsetzten.

Entstanden ist ein Werk, das in 67 Biogrammen und Biographien Menschen vorstellt, von denen die allermeisten der Arbeiter- und Handwerkerschaft entstammten. Erstaunlich ist, dass einige von ihnen weit über Gladbeck hinaus Karriere machten. Hermann Buschmann von der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) beispielsweise, ein Steiger, war seit 1922 Vorsitzender des Deutschen Werkmeister-Verbandes (DWV), mit rund 130.000 Mitgliedern die größte Organisation der technischen Betriebsangestellten in Deutschland. Oder die Bergleute Mathias Jakobs (SPD) als Mitglied des Preußischen Landtages und Franz Riesener (Zentrumspartei), der seine Geburtsstadt Gladbeck gar als Mitglied im Deutschen Reichstag vertrat. Der Rechtsanwalt Dr. Hermann Wolters (Zentrumspartei) wurde später Richter am Landgericht Essen und dann am Oberlandesgericht in Düsseldorf. Der gelernte Maurer Augustin Kreß (Zentrumspartei) war Begründer und Leiter des ersten Gladbecker Arbeitsamtes. Die bedeutendste Laufbahn findet sich bei Georg Stieler (Zentrumspartei), der ursprünglich ebenfalls das Maurerhandwerk erlernt hatte. Er wurde Polizeipräsident von Gelsenkirchen und Bochum, später Regierungspräsident von Aachen und nach dem Zweiten Weltkrieg Landrat von Fulda. 1949 war er Mitglied der Bundesversammlung, die Theodor Heuß zum ersten Bundespräsidenten wählte.

Gemeinsam ist diesen beispielhaft Genannten – wie auch machen anderen der ersten Stadtverordneten, dass sie nach 1933 Opfer des nationalsozialistischen Regimes wurden. Persönliche und berufliche Benachteiligungen waren dabei noch das mindeste. Für Buschmann und Jakobs bedeuten es darüber hinaus auch Gestapohaft und Konzentrationslager. Mathias Jakobs ist 1935 schließlich an den Folgen gestorben.

Der Autor rundet in seinem Buch die Vorstellung der Stadtverordneten ab mit einer knappen, aber gründlich fundierten geschichtlichen Darstellung der Gemeinde Gladbeck. Zudem gibt er Einblicke in einige Aspekte zum soziologischen Hintergrund der Stadtverordneten. Dabei werden Herkunft, Altersstruktur und Konfession, Berufe, Familienstand und die Mobilität der einzelnen Personen in den Blick genommen. Auch untersucht er die Rolle der Frauen im ersten Gladbecker Stadtrat, die bezeichnenderweise nach 1924 wieder abnahm.

Einen besonderen Charme hat die Untersuchung von Familien- und Freundschaftverhältnisse im ersten Gladbecker Gemeindeparlament. Gleich drei Personen mit Namen Boden waren dort vertreten: die Brüder Johann und Peter sowie Mathilde, Peters Ehefrau. Ein anderes Brüderpaar im Stadtrat, Eduard und Gustav Hoffmann, hatte gar zwei Schwestern geheiratet: Wilhelmina und Anna Volkmer. Hingegen standen die beiden Abgeordneten der Zentrumspartei Johann und Heinrich Dieckmann in keiner verwandtschaftlichen Beziehung.

Überhaupt fällt auf, dass mehr als die Hälfte der Familiennamen der ersten Gladbecker Stadtverordneten bis heute in der Stadt vertreten ist. Beispiele sind Bittner, Jakobs, Jockenhöfer, Riesener, vorm Walde oder Wollschläger. Inwieweit es sich dabei um tatsächliche Verwandtschaftsverhältnisse handelt, bliebe einer Überprüfung durch die interessierten Familien vorbehalten.

Darüber hinaus widmet sich Brachthäuser einigen Schwerpunkten in der Arbeit des Stadtrates, der sich insbesondere mit den Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges und der weiterhin anhaltenden Zuwanderung nach Gladbeck konfrontiert sah. Die Sorge um Kriegsgeschädigte und Arme, der Wohnungsbau und das Gesundheitswesen standen damals im Blickpunkt der Mandatsträger.

Auch die Beeinträchtigungen, denen die Arbeit im ersten Stadtrat ausgesetzt war, finden Berücksichtigung. Der Terror der Roten Ruhrarmee im März 1920, der häufige Mandatswechsel von Stadtverordneten oder die Ruhrbesetzung 1923 werden in knappen Abrissen dargestellt. Dabei profitiert die Schilderung von jüngsten Forschungsfunden des Autors im Bundesarchiv Berlin und im Gladbecker Stadtarchiv.

Und wer war nun Wilhelm Fleitmann? Ohne ihn ist das heutige Gladbecker Berufsschulsystem schlichtweg nicht denkbar. Fast drei Jahrzehnte lang – bis 1930 – baute er hier als deren Leiter die damals so genannten Fortbildungsschulen auf. Zunächst die gewerbliche, dann die ländlich Fortbildungsschule, schließlich auch die kaufmännische Berufsschule und die städtische Handelsschule. Darüber hinaus war er im Kreis Recklinghausen in zahlreichen Ehrenämtern immer wieder ein Vorreiter, wenn es um die berufliche Bildung ging. Außerdem gehörte er 1911 zu den Gründern und Vorstandsmitgliedern des Gladbecker Orts- und Heimatvereins, weswegen er 1930 zum Ehrenmitglied des „Verbandes der Vereine für Orts- und Heimatkunde im Veste Recklinghausen“ (dem heutigen „Arbeitskreis vestischer Geschichts- und Heimatvereine“ in Recklinghausen) ernannt wurde. Als Fleitmann 1932 am Tag vor seinem 70. Geburtstag starb, schrieb Oberbürgermeister Jovy, dass die Stadt Gladbeck sein Andenken allezeit in hohen Ehren halten werde. Es ist das Verdienst des vorgestellten Buches, wenn sich die Stadtgesellschaft nun an dieses Versprechen erinnern und das Andenken an alle Mitglieder des ersten Gladbecker Stadtrates wieder neu in Ehren halten kann.

Neben zahlreichen anderen Gästen folgten auch mehrere Mitglieder des heutigen Stadtrates der Präsentation ihrer Vorgänger von vor 100 Jahren, an ihrer Spitze Bürgermeister Ulrich Roland, die Fraktionsvorsitzenden Michael Hübner (SPD), Peter Rademacher (CDU) und Olaf Jung (Linke) sowie eine Reihe weiterer Ratsmitglieder.

Im Anschluss gab es auf Einladung des Stiftshauses Gladbeck noch lange Gelegenheit zu Austausch und Diskussion über den Beginn der Demokratie in Gladbeck und jene Menschen, die ihr ein Gesicht gaben.

Ralph Eberhard Brachthäuser: Mit Leidenschaft für unsere Stadt. Die Frauen und Männer des ersten Gladbecker Stadtrates, Verlag Mainz, Aachen, 2019, 258 Seiten, 17 Abbildungen, ISBN 978-3-8107-0308-8, 14,80 Euro.
Verkaufsstellen in Gladbeck: Humboldtbuchhandlung, Mayersche Buchhandlung, Gladbeck Information und Stadtarchiv. Darüber hinaus zu bestellen in allen anderen Buchhandlungen oder direkt beim Verlag. Wissenswertes

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