Jugendamt: "Wir klauen keine Kinder, wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe"

Juliane Lubisch vom Hattinger Jugendamt. Foto: Kamphorst
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(von Cay Kamphorst) Kinder sind in erster Linie etwas Wundervolles, doch sie bringen Eltern nicht selten an ihre Grenzen. Damit umzugehen ist gar nicht so einfach. Wenn Eltern bei sich selbst feststellen, dass einfach alles zu viel wird und sie sich nur noch überfordert und ausgelaugt fühlen, sollten sie den Mut haben, sich an das Jugendamt zu wenden.

„Wir wollen die Familien unterstützen und keine Kinder klauen“, so die Abteilungsleiterin des Hattinger Jugendamtes Juliane Lubisch. „In erster Linie geht es uns um Unterstützung und Stärkung der Eltern und Familien.“
Doch in vielen elterlichen Köpfen spukt noch die Angst, dass ihnen ihre Kinder weggenommen werden, wenn sie zugeben, dass sie überfordert sind und mit ihrem Nachwuchs nicht mehr zurecht kommen.
„Es ist ein positiver Schritt, wenn Eltern zu uns kommen und um Hilfe bitten. Wir arbeiten mit verschiedenen Institutionen zusammen und haben bisher immer ein passendes Hilfsangebot erstellen können, mit dem auch die Eltern einverstanden sind. Es liegt uns fern, Kinder einfach aus ihren Familien zu reißen. Aber wenn es natürlich in letzter Instanz sein muss, weil Eltern sich strikt weigern Unterstützung anzunehmen und das Kindeswohl gefährdet ist, dann werden wir auch entsprechende Schritte in die Wege leiten.“ Aber bevor das geschieht, steht den überforderten Eltern eine Vielzahl an Entlastungsmöglichkeiten zur Verfügung.
„Wenn Eltern mit ihrer Haushaltsführung nicht zurecht kommen, so kann die Gewährung einer Haushaltshilfe geleistet werden, die unterstützt und anleitet und so der Mutter hilft, ihren Haushalt wieder selbstständig organisieren zu können.“
Wer das Gefühl hat, die Erziehung des Nachwuchses sei alleine nicht zu bewältigen, dem stehen pädagogisch geschulte und auf Problemkinder spezialisierte Organisationen zur Verfügung. „Wir arbeiten mit Tagesmüttern, Pflegeeltern und verschiedenen Einrichtungen zusammen, aus deren Angeboten wir speziell auf die Bedürfnisse der Familie abgestimmte Angebote erstellen können.“
Es geht um zielführende Hilfen, wobei auch immer auf Nutzen und Leistung geachtet werden müssen. „Wir schauen, was die Familie an Unterstützung benötigt, gleichzeitig müssen wir aber auch auf die Kosten achten. Aber es wird erst fachlich beurteilt.“
Viele Eltern, besonders Alleinerziehende, machen sich auch Sorgen, was mit ihren Kindern sein wird, wenn sie akut mal ausfallen. Durch einen Unfall plötzlich ins Krankenhaus müssen beispielsweise. Einige können dann auf Familie oder Freunde zurückgreifen, die im Notfall zur Verfügung stehen, andere haben diesen Vorteil nicht.
„Auch in solchen Fällen bieten wir eine unbürokratische Hilfe an. Gerade Grundschulen und Kindergärten haben ein Frühwarnsystem, das greift, wenn ein Kind nicht abgeholt wird. Dann werden erst die hinterlegten Notnummern angerufen und wenn dort keine Hilfe möglich ist, das Jugendamt. Wir sehen dann, wo die Kinder bis zur endgültigen Lösung für ein bis zwei Tage bleiben können. Oft bieten auch Nachbarn und Freunde Unterstützung an, so dass die Kinder die ersten Stunden versorgt sind“, erklärt Juliane Lubisch. „Dann gucken wir, was die geeignetste Möglichkeit der weiteren Versorgung sein kann. Handelt es sich um einen Einelternhaushalt, so können wir beispielsweise auf einen Essener Notmutterdienst zurückgreifen, mit dem wir zusammenarbeiten. Diese Notmütter kommen in den Haushalt und übernachten auch dort und übernehmen so die Aufgaben des ausfallenden Elternteils. Handelt es sich um zwei Eltern und beispielsweise der Vater muss tagsüber arbeiten, so gibt es die Möglichkeit, dass die Kinder tagsüber von Tagesmüttern betreut werden. Ist ein Krankenhausaufenthalt planbar, so überlegen wir mit den Eltern zusammen, was die beste Versorgung sein kann. Wir lassen niemanden alleine und uns liegt in erster Linie das Wohl der Kinder und somit auch das Wohl der Eltern am Herzen.“
Es ist keine Schande, sich einzugestehen, dass man Hilfe benötigt und das so früh wie möglich. „Wir wollen unterstützend helfen und sind sogar froh, wenn Eltern sich selbst an uns wenden und legen das nicht negativ aus.“
Der erste Schritt zu einem harmonischen Familienleben ist der Mut, sich dem Jugendamt anzuvertrauen und Hilfe anzunehmen. „Wir stellen aber auch fest, dass das Umfeld insgesamt sensibler geworden ist und wir Meldungen über mögliche Kindeswohlgefährdung erhalten. Das gab es früher nicht so stark. Wir gehen auch jedem noch so kleinen Hinweis nach. Auch wenn wir öfter Informationen über dieselbe Familie erhalten und bei den Besuchen erst mal nichts feststellen konnten. Dann kommen wir auch ein zweites, drittes, viertes oder fünftes Mal. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig“, beschreibt Juliane Lubisch die Reaktion des Jugendamtes auf Anzeigen, auch wenn diese anonym eingehen. „Wir machen dabei fast immer positive Erfahrungen. Die Familien lassen uns rein und es ergeben sich vernünftige Gespräche. Sie finden es gut, dass wir uns kümmern, auch wenn bei ihnen alles in Ordnung ist. Es gibt auch Familien, die sogar froh sind, dass wir kommen und unsere Hilfe anbieten, da sie von alleine nie zu uns gekommen wären, aus Scham und Angst. Dann merken sie, dass wir ihnen nicht die Kinder nehmen wollen, sondern unterstützende Angebote unterbreiten, die sie im Haushalt oder bei der Erziehung entlasten.“
Juliane Lubisch ist froh über alle Eltern, die das breite Spektrum an Hilfen des Jugendamtes annehmen und zusammenarbeiten wollen. „Je früher Hilfe angenommen wird, desto erfolgreicher kann sie sein. Bei einem Kleinkind kann man noch eher und schneller etwas bewirken, als wenn jahrelang nichts getan wird und das Kind im Teenageralter völlig unberechenbar wird.“
Die Kosten der Hilfsangebote brauchen auch keinen zurückschrecken lassen. Bei Kindern bis zwölf Jahren ist der Kostenträger die Krankenkasse und darüber liegt sie zwar bei den Eltern, aber auch da wird geprüft, inwieweit diese finanziell in der Lage sind. In solchen Fällen zahlt die Jugendhilfe, deren Topf sich aus Steuergeldern füllt. „Auch darum müssen wir sehr genau auf den Kosten-Nutzen-Faktor schauen. Bestmögliche Hilfe, aber auch kostengünstig. So sind wir mit einer Vielzahl von Hilfsorganisationen aus dem nahen Umfeld vernetzt, um beispielsweise Anfahrtkosten gering zu halten.“
Juliane Lubisch weiß: „Nicht der Einzelne erzieht ein Kind, sondern es bedarf eines ganzen Dorfes, einer ganzen Stadt dafür. Eine gute Vernetzung zwischen Eltern, Schulen, Kindergärten und dem Jugendamt ist eine ideale Voraussetzung für eine positive Entwicklung unserer Kinder.“

Wer sich gerne beraten lassen oder Hilfe in Anspruch nehmen möchte, kann sich wenden an Barbara Franz aus der Verwaltung unter 204-4219 oder an Juliane Lubisch unter Telefon 204-4232.

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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