Verein für Hemeraner Zeitgeschichte e.V.
Besuch aus Italien in der Informations- und Gedenkstätte Stalag VI A

Foto: Verein für Hemeraner Zeitgeschichte e.V.
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Als im Juli 1943 Mussolini gestürzt wurde und der neue italienische Ministerpräsident Badoglio am 8. September kapitulierte, nahm die Wehrmacht von den ehemaligen Verbündeten 650.000 italienische Soldaten gefangen, von denen über eine halbe Million in das Reichsgebiet oder nach Polen transportiert wurden. Dort waren sie für den Arbeitseinsatz vorgesehen.

Bis jetzt ist wenig über die Geschichte der italienischen Militärinternierten in Hemer bekannt oder dokumentiert. Politisch wurden sie als Verräter gebrandmarkt; man nannte sie "Badoglio-Schweine" Als Südländer wurden sie rassistisch verachtet und weitaus schlechter behandelt als die Westgefangenen. Auch in das Stalag VI A wurden Italiener verbracht und von da aus in den Arbeitseinsatz geschickt. Die Zahl stieg bis fast 15.000, nahm dann aber durch Zivilschreibungen wieder ab, am Kriegsende waren es noch 190. In Hemer direkt sind ca. 200 Personen verstorben; wie viele in den Arbeitskommandos den Tod fanden, kann heute nicht mehr festgestellt werden.

In der vergangenen Woche besuchte Michele Franceschini mit seiner Familie Hemer und die Informations- und Gedenkstätte Stalag VI A, wo er von Eberhard Thomas und Arne Hermann Stopsack durch die Ausstellung und über das Gelände geführt wurde. Der 44 Jahre alte Ingenieur aus Bologna hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensgeschichte seines Großvaters, der bereits Ende der 50er-Jahre verstorben ist, zu erforschen, zu dokumentieren und daraus ein Buch zu machen. Dieses Werk ist weit fortgeschritten und soll noch 2024 erscheinen.

Sein Großvater war bis zum Kriegsende als Arzt im italienischen Lazarett tätig. Das Tagebuch ist erhalten geblieben und stellt eine wichtige historische Quelle dar. So berichtete Franceschini, dass ein Großvater in etlichen Fällen mit seiner Diagnose dafür sorgte, dass Kriegsgefangene länger im Lazarett bleiben konnten und nicht trotz ihrer Leiden zu früh wieder in die Zwangsarbeit geschickt wurden.
Franceschini hat sich tief in die Materie eingearbeitet, viel geforscht und verfügt über hervorragende Kenntnisse der Fachliteratur und kennt die, teilweise auch entlegene, Erinnerungsliteratur in Italien.

Nach der Führung, bei der man sich der englischen Sprache bediente, zeigte Franceschini seine mitgebrachten Dokumente und Erinnerungsstücke. Ebenso hatte Eberhard Thomas aus dem Archiv etliche Dinge zusammengestellt. Es entwickelte sich ein lebhafter fachlicher Austausch, der auch fortgesetzt werden soll. Das Buch wird dabei helfen, für die Geschichtsschreibung des Stalag eine wichtige Lücke zu schließen.

Autor:

Peter Brand (FDP) aus Hemer

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